18 schwere Unfälle in vier Wochen. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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18 schwere Unfälle in vier Wochen.

1927 > Nr. 18/1927
Ein Unglücksjahr für Annaberg war 1664. Am 5. Mai nachts zwischen 11 und 12 Uhr ertönten die Sturmglocken und riefen die Bürger zur Hilfe in Feuersgefahr. Im "Gasthof zum goldenen Löwen" 1) in der Wolkensteiner Gasse war Feuer ausgebrochen und dieses verbreitete sich so schnell, daß in vier Stunden 439 der schönsten und besten Häuser der Stadt in Schutt und Asche lagen und 15 Personen dabei schrecklich ums Leben kamen. Lassen wir einen alten Chronisten weiter erzählen:

"Auf den Stadtrichter und Handelsmann Martin Meyer 2) und dessen Ehefrau fiel ein brennender Balken, während sie im Begriffe waren ihre Mobilien zu retten; da sie eine korpulente Frau war, ist sie dergestalt ausgebraten, daß man lange Zeit hernach noch einen fetten Fleck auf den Pflastersteinen gesehen hat. Desgleichen sind noch sieben Personen in der Wolkensteiner Gasse verbrannt (darunter Bürgermeister Kirsch) und sechs Personen in Kellern erstickt aufgefunden worden.

Am Tage vor dem Feuer war der Stadtrichter Meyer mit seiner Frau vor dem Wolkensteiner Tore spazieren gegangen. Als er auf dem Rückwege am Friedhof vorbeikommt, ruft eine Stimme von der Mauer: 'Herr Vater! Herr Vater!' Ton und Stimme lauteten, als ob die verstorbene Schwiegertochter gerufen hätte. Beide waren entsetzt, denn nach Aussage der Spitalleute war zu dieser Zeit niemand auf dem Friedhofe gewesen. Als sie nach Hause kamen, erzählten sie das Erlebnis ihren Bekannten und schon in derselben Nacht starben sie eines so jämmerlichen Todes.

Drei Stunden zuvor, ehe das schreckliche Feuer ausbrach und es zu dunkeln begann, kamen einige Eulen geflogen und setzten sich auf das Haus des Bürgermeisters Georg Schmidt am Markte. Dort verübten sie ein so gräßliches Geschrei, daß es furchtsam anzuhören war. "Dieses war kein gutes Omen und hätte manchem können zur Warnung dienen."

Neun Tage nach dem Brande, am Sonnabend, den 14. Mai 1664, ging unter heftigem Sturm ein starker Regen nieder. Die Gewalt des Windes begnügte sich aber nicht mit der Niederlegung vieler Brandstätten, sondern warf auch Giebel und Esse am Hause des Kurfürstl. Sächs. Mühlenverwalters 3) ein; die Trümmer durchschlugen das Gewölbe und begruben die Tochter des Mühlenverwalters unter sich. Wenngleich der Schutt von vielen fleißigen Händen alsbald beseitigt wurde, so konnte die Leiche der Jungfrau doch erst nach fünf Stunden geborgen werden.

Kaum drei Wochen später, am 2. Juni, fiel bei Schneidermeister Salomon Bauer in der unteren Kleinen Kirchgasse abermals eine Mauer ein, zertrümmerte das Gewölbe und erschlug seine 37jährige Frau, sowie sein vierjähriges Töchterchen.

So waren in einem Zeitraum von vier Wochen 18 Personen durch Unglücksfälle dahingerafft worden.

Aus demselben Jahr sei hier noch folgenden Vorfalles gedacht.

Am Sonnabend, den 2. Januar, saß der Stadrichter Gensel mit seiner jungen Frau glücklich und zufrieden in seiner Wohnung. Um noch einige Hausarbeiten zu besorgen, ging die Ehefrau über den gepflasterten Hausflur, als auf einmal der Boden — den sie so oft sorglos betreten — ihr unter den Füßen entwich und sie in die Tiefe stürzte. Ein alter Bergschacht, von dessen Existenz niemand wußte und der lange Zeit vorher verbühnt worden sein mochte, war auf 13 Lachter 4) Tiefe angesunken. Zu schleuniger Hilfe herbeigeholte Bergleute förderten bald die Verunglückte, welche keinerlei Schaden genommen hatte, wieder zu Tage. Am 30. März genaß sie eines Töchterchens, starb aber im Kindbett in ihrem 22. Lebensjahre." (Als das Gensel'sche Wohnhaus, welches auf einer so gefährlichen Stelle stand, hielt man um 1800 das Hintergebäude der "Goldenen Gans". 5)
—cj—

Erzgebirgisches Sonntagsblatt  Nr. 18 v. 8. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 18, 8. Mai 1927, S. 5

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