1933 - ein Gedenkjahr für das Marienstift. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

1933 - ein Gedenkjahr für das Marienstift.

Palmarum bedeutet für all die jungen Menschen, die in das praktische Leben hinaustreten, den Abschluß der sorglosen Kindheit, die sie wohlbehütet im Elternhaus verbringen konnten. Wir gedenken deshalb heute eines Elternhauses, das für eine große Zahl von Waisenkindern Annabergs Zufluchts- und Erziehungsstätte gewesen ist und deren Wirken von außerordentlichen Segen gekrönt war.

Das Jahr 1933 ist für das Annaberger Marienstift ein bedeutsames Gedenkjahr, wurde doch vor hundert Jahren — im Jahre 1833 — gewissermaßen der finanzielle Grundstock für dieses Institut und zugleich die Bestimmung seines Namens geschaffen. Ihre Majestät, die Königin Marie von Sachsen, überreichte in jenem Jahr für ein in Annaberg zu errichtendes Marienstift der Weiße'schen Stiftung (über die im I. E. S. schon mehrfach berichtet wurde) eine ansehnliche Geldspende. Der eigentliche Plan, eine Anstalt im Sinne des jetzigen Marienstiftes zu errichten, in der, besonders durch nützliche Beschäftigung, Kinder der Verwahrlosung entzogen werden, der sie teils mit, teils ohne Verschulden der Eltern preisgegeben sind, kam jedoch erst im Jahre 1844 in einer Sitzung der Armendeputation zur Sprache. Die Angelegenheit ruhte jedoch wieder bis 1849, in welchem Jahre eine öffentliche Versammlung einberufen und die Gründung einer "Arbeitsschule" beschlossen wurde. Ein Ausschuß wurde gewählt, der die vorbereitenden Arbeiten auszuführen, einen Aufseher anzustellen und die Aufsicht zu führen hatte und auf Grund eines Geschenkes von 25 Talern wurde am 1. Juli 1850 die Anstalt unter dem Motto "Glück dem Fleißigen" eröffnet.

10 Insassen zählte das Institut im ersten Jahre seines Bestehens, 1851 waren es bereits 20 und 1852 sogar 30, kein Wunder, daß die immerhin von der Bürgerschaft gewährten reichen Spenden nicht ausreichen wollten, wie auch die Frage nach größeren Räumlichkeiten immer dringender wurde. Man entsann sich jener Spende der Königin Marie, die denn auch im März 1853 die Verwendung ihres Geschenks, das inzwischen auf 625 Taler angewachsen war, für die Anstalt genehmigte und gleichzeitig gestattete, daß sie fortan den Namen Marienstift führe. Der Stadtrat wollte angesichts dieser Großherzigkeit auch nicht zurückstehen, zumal sich die Zweckmäßigkeit der Anstalt bereits in den wenigen Jahren seines Bestehens erwiesen hatte und räumte dem Marienstift ein gemeindeeigenes Gebäude an der Silberstraße ein, die frühere Armenschule, in der sich das Stift heute noch befindet. Außerdem gewährte er einen Zuschuß von 300 und ab 1861 von 400 Talern jährlich, wofür das Stift sich verpflichtete, 14 von der Ortspolizei zugewiesene Kinder vollständig zu verpflegen und zu erziehen.

Am Tage des 60jährigen Bestehens des Marienstiftes, das sich immer mehr alsb äußerst segensreiche Einrichtung erwiesen hatte, am 1. Juli 1910, übernahm der Stadtrat das Marienstift in seine Hände und bildete später einen Ausschuß, dem Mitglieder des Rates, der Stadtverordneten, der Bürgerschaft usw. angehören. In dieser Form, unter Vorsitz des Ersten Bürgermeisters, besteht der Ausschuß auch heute noch und hat dafür Sorge getragen, daß das Marienstift bis in die heutige Zeit seine Aufgabe so erfolgreich fortsetzen konnte.

In welch' prächtiger Weise das Marienstift Erziehungsarbeit leistet, belegt ein uns dieser Tsge zugegangener Brief eines früheren Insassen, der als Vollwaise jahrelang Mitglied dieser großen Familiengemeinde gewesen ist. Er schreibt: "Frühzeitig meiner Eltern beraubt, trieb mich das Schicksal unter fremde Leute, wo ich nirgends die rechte Heimat fand. Durch Vermittlung einer hilfsbereiten Person, die ich aber hier ungenannt lassen will, kam ich in das hiesige städtische Marienstift. Durch die aufopfernde Liebe der nie ermüdeten Hauseltern spürte ich nach jahrelanger Entbehrung die erste echte Elternliebe wieder. Für jeden Waisen, Halbwaisen und Fürsorgezögling fanden die Hauseltern das rechte Wort. Und so wurde ich sowie die anderen Leidenskameraden durch die aufopfernde Liebe zu einem anständigen, brauchbaren Menschen erzogen. Heute, nach so viel Jahren, wo ich im schweren Lebenskampfe stehe, erkenne ich erst, wie viel Gutes ich von den Hauseltern empfangen durfte, und somit sei an dieser Stelle den lieben Hauseltern im Namen einiger früheren Insassen herzlichst gedankt. Mögen dem Hause und den Hauseltern noch recht viel Segen beschieden sein, damit noch manches heimatlose Kind die rechte Elternliebe kennen lernen möge.   K. H.-A."

Heute beherbergt das Marienstift 21 Zöglinge, Schulpflichtige und jüngere Erwachsene, denen es eine Heimat und eine Stätte ihrer Jugend gewesen ist, aus der sie für ihr ganzes Leben schöpfen können.

Der Heimleiter Paul Schaal, der dieses Amt nunmehr im 21. Jahre versieht, und seine Gattin sind den Zöglingen jederzeit ebenso verantwortungsvolle Erzieher wie hilfsbereite und liebevolle Eltern gewesen, deren alle Zöglinge in tiefster Dankbarkeit gedenken.

Die Insassen werden schon in früher Jugend zu praktischer Arbeit und zum Mithelfen angehalten; sie werden stetig auf das Leben vorbereitet und genießen in der Anstalt eine vorbildliche Ausbildung und Erziehung, die sich auch immer wieder treffend zu den alljährlich abgehaltenen Weihnachtsfeiern auf mancherlei Art äußert.

Gedankt werden muß an dieser Stelle auch der liebevollen und tatkräftigen Förderung des Stiftes durch den Ausschuß für das Marienstift, wie auch der Bereitwilligkeit weiter Kreise der Bürgerschaft, die alljährlich durch reiche Spenden den Zöglingen eine sinnige Bescherung ermöglichen und auch sonst mit Geld- und Sachspenden die Wirkungsweise des Stiftes unterstützen und fördern. Möge das Marienstift auch weiterhin seine segensreiche Tätigkeit entfalten zu Nutz und Frommen jener, denen das Schicksal von Jugend auf so manchen Stein in den Weg gelegt hat und die trotz allem berufen sind, nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft zu werden.
Annaberger Marienstift.
Marienstift.
(T. A. W.-Photodienst.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 15, 9. April 1933, S. 1

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü