Ein 200jähriger Erbhof in Frohnau. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Ein 200jähriger Erbhof in Frohnau.

1934 > 1934-47
Heimatgeschichtlicher Beitrag von K. Bärthel.
Erbhof Pollmer in Frohnau
Erbhof Pollmer in Frohnau.
(Photo: K. Bärthel.)
Seit 1703 befindet sich das Gut Nr. 6 in Frohnau in den Händen der Pollmer. Im Oberdorf steht es, ein wenig abseits der Hauptstraße. Sein Straßengiebel zeigt ausgiebigen Wetterschutz. Von den Fenstern der Vorderfront, die von dem bei uns charakteristischen Fachwerkmuster belebt ist, schweift der Blick über einen Obstgarten abwärts über das im Tal verschwindende Dorf hinüber nach der Stadt am Pöhlberghang. Im Balkenwerk läßt eine Stelle einen in früherer Zeit vorgenommenen Anbau vermuten. Die Vorgängerin der jetzigen soliden Scheune wurde 1890 ein Raub der Flammen. Beim Wiederaufbau ersetzte man gleichzeitig das Strohdach des Wohnhauses durch ein feuersicheres Schieferdach. An der Scheune des kleinen Schuppens gegenüber der Haustür wurzelte bis 1930 eine große Eiche, die damals der Säge zum Opfer fiel, da sie durch drohenden Bruch und Umsturz zur Gefahr für Haus und Bewohner geworden war. Unsere Altvordern pflanzten gern starkbelaubte Bäume, um ihren Anwesen damit einen Blitzschutz zu schaffen. Durch das Feuermandat vom Jahre 1775 für Dörfer wurde diese Maßnahme den Hausbesitzern besonders empfohlen.

Zum Gute Nr. 6 gehörte auch die sogenannte Harnischkammer, ein altes Zechenhaus, das auf einer naheliegende Berghalde stand und 1922 abgebrochen wurde.

Als ersten Pollmer finden wir in einem Kauf von 1703 Johann Christoph Pollmer erwähnt, der das ½ Hufengut um 600 Meißner Gulden von dem seitherigen Besitzer Michael Mauersberger, mit dem er verschwägert war, erkauft.

1732 kauft Johann Christoph Pollmer seinem Sohne Gottlob das Gut Martin Schneiders, dessen Wohnhaus als Brandstätte lag. Damals war dies das Nachbargut, jetzt ist es das Gut Nr. 10 beim "mittleren Günther". Johann Christoph Pollmer bewirtschaftet 50 Jahre lang sein Gut selbst und überläßt es dann 1753 seines Bruders Sohn Johann Friedrich Pollmer jr., Landfuhrmann aus Königswalde. Beide, Johann Christoph und Johann Friedrich jr., sind noch in Königswalde gebürtig, wo sich die gemeinsame Ahnenreihe dieser beiden Pollmer weiter zurück fortsetzt und zu deren Nachkommen fast alle Glieder des seitv 200 Jahren in Frohnau stark vertretenen Pollmer-Geschlechter zu zählen sind.

Eine der Bedingungen in diesem Kauf lautet: "Weil Verkäufer vorigo niemand und kein Weib hat, so soll ihn seine Schwägerin als die Käuferin (gemeint ist offenbar die Frau seines Neffen) sein bißgen Essen, wenn er ihr dazu giebt mit kochen, und sein bißgen Wäsche mit waschen".

In der Geschichte der Frohnauer Windsbraut 1758 finden wir das Pollmersche Gut folgend erwähnt: "Johann Friedrich Pollmers Gut wurde umkreist, ein Fenster mut dem Fensterstock herausgerissen und hinein ging es in die Stube, wo der Ofen einstürzte, sodaß das Feuer in viele Funken zerrissen im ganzen Hause herumtanzte, der wackere Pollmer ergriff einen Wassereimer und eilte damit, halb getragen vom Sturm, die Bodentreppe hinauf, um zu löschen. Oben angekommen, sieht er gerade noch sein Dach davonfliegen und kann sich nur mit äußerster Mühe an einem Balken festhalten. Polternd stürzt auch schon die Scheune zusammen. Die starken Bäume werden geknickt und vom Luftstrom mit fortgerissen. Uebel wurde auch dem Knecht mitgespielt, der im Garten stand. Ihm wirft der Sturm eine mächtige Baumkrone zwischen die Füße, so daß sich diese darin verfangen. In den Aesten und dem Laubwerk verwickelt, muß der Arme den Weg des Orkans mit fortsetzen, bis er aus dem Baum herausgewirbelt wird und allein weiterrollt an eine Mauer — wo er — glücklicherweise unverletzt — liegen bleibt. Pollmers Knaben im Alter von 8 und 12 Jahren hatten sich vor dem Unwetter in die Scheune geflüchtet. Erstarrend sah der Vater vom freien Boden seines Hauses auf die Trümmer der Scheune und bricht erschüttert in den Ruf aus: "Ach, daß Gott erbarm! Meine armen, meine armen Kinder!" Er wähnt sie verloren. Diese aber rappeln sich schreiend aus dem durcheinander geworfenen Holzhaufen und flüchten wohlbehalten über den Hof in das Haus. Ein paar Beulen trug der älteste allerdings davon und dem jüngsten schmerzte der kleine Finger. Sonst aber blieben sie wunderbarerweise ohne Schaden." (Auszug aus einem Artikel von F. Wilhelm, vor Jahren an dieser Stelle veröffentlicht.) Laut mündlicher Ueberlieferung in der Familie soll der jüngere der beiden Knaben, Johann Christian, bei dieser Katastrophe erblindet sein.

1776 kaufte Johann Friedrich Pollmer seinem ältesten Sohne Johann Friedrich den sogenannten Thumischen Raum von Weißers Kinder und Erben. 1781 erhält "Johann Friedrich Pollmer und Konsorten" die Konzession zur Erbauung eines Hauses auf diesem Thumischen Raum. Aus ihm entstammen die "Raum-Pollmer". Der Hof (Nr. 40) wurde im Frühjahr 188.. durch Blitzstrahl eingeäschert und wurde nicht wieder aufgebaut.

Doch zurück zum Erbhof. 1777 verkauft Johann Friedrich Pollmer, ½ Hufner und Gerichtsgeschworener, seinem jüngsten Sohne Christian Traugott das Gut. Der Vater als Verkäufer wird in diesem Kauf als "blinder Mann, der Wirtschaft behöriger maßen vorzustehen nicht mehr vermögend" geschildert. Daraus erklärt sich, daß die Uebergabe bereits erfolgte, trotzdem der Vater erst 53 und der Sohn als Käufer erst 20 Jahre alt sind. "Jedoch behält sich der Vater Johann Friedrich P. vor, solange er kann und mag Hauß zu halten, zu schalden und walten, wie er will." Ferner betrifft eine Abmachung in diesem Kauf den blinden Bruder des Käufers, der in den Familien Pollmer als "Der blinde Vetter" bekannt war: "So soll Käufer, will ihm der Vatter daß wohl angestellte Guth um einen billigen Breiß überlassen, seinen blinden Brutter Johann Christian Pollmern Zeit seines Lebens mit Speiß und Trank wie auch mit nöthigen Kleitung und Unterhalt versorgen; davor aber soviel ihm möglich hülflig Handleistung thun". Aus dem angeführten Inventarium ergibt sich ein Viehbestand von: 1 Pferd, 2 Zugochsen und 6 Zuchtkühen.

Des nunmehrigen Besitzers ältester Sohn Johann Traugott heiratete 1807 in das Gut Nr. 2 Johann Michael Feigs, das er 1813 übernimmt und das sich seitdem ebenfalls in der Familie Pollmer von Vater zu Sohn vererbt hat. Wiederum der älteste Sohn in Nr. 2, Johann Traugott Pollmer, geht um 1843 in das Flath-Gut, das damit auch Pollmer-Gut geworden und bis heute geblieben ist.

Das Stammgut verkauft 1819 Christian Traugott Pollmer seinem 3. Sohn Friedrich Ehregott, damals 21 Jahre alt, beim Ulanen-Regiment Prinz-Cklemens dienend. Der 4. Sohn Christian ist Besitzer des Nachbarhauses Nr. 5, das jetzt dessen Enkel Bruno Pollmer gehört.

Den jetzigen Erbhof (Nr. 6) erhält 1858 der gleichnamige Sohn Christian Ehregott Pollmer. Seiner Zeit führte das Gut die nähere Bezeichnung "beim niederen Ehregott" zum Unterschied vom "oberen oder Feig-Ehregott" im Gut Nr. 2. Im nächsten Erbkauf 1886 wird Carl Hermann Pollmer Besitzer, der als Vater des jetzigen Erbhofbauern Rudolf Kurt Pollmer seinem Sohne mit Rat und Tat zur Seite steht.

So kann man hier mit Recht von uraltem Bauernadel sprechen. Mögen unsere mit der Heimatscholle durch harte aber doch liebevolle Arbeit verbundenen erzgebirgischen Geschlechter durch weitere Jahrhunderte gesund und stark fortblühen zum Segen unserer Heimat. Das so bedeutungsvolle, im Dritten Reiche geschaffene Erbhofgesetz schafft hierfür die Grundlagen und sichert die natürliche Fortentwicklung durch die Erbfolge.

Unter den alten vergilbten Familienpapieren findet sich auch immer wieder eine Nummer des T. A. W., das demnach schon Groß- und Urgroßeltern bedächtig lasen und dies und jenes Blatt des Aufbewahrens für Kind und Enkel für würdig hielten. So ist das T. A. W. in diesem Haus seit dem ersten Tage seines 127jährigen Bestehens auch das Heimatblatt des Pollmergeschlechtes.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 47 v. 18. November 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 47, 18. November 1934, S. 5

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