Das älteste Haus Annabergs. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das älteste Haus Annabergs.

Annaberg, Am hohen Weg 2

Außer unserer St. Annenkirche und den zu Wohnzwecken eingerichteten Stadtmauertürmen der Grundstücke Buchholzer Str. 36, Scherbank 34, Kleine Sommerleite 57 und 31, sowie Hermannstraße und Promenadenweg scheint sich in der Stadt kein Gebäude erhalten zu haben, welches in seinen Grundmauern sich aus der Gründungszeit unverändert erhalten hätte. Auch die Beschaffenheit der Erdgeschoßräume in den Grundstücken Johannisgasse 15 (vorm. Zickler), Fleischergasse 12 (Wiederänders), Markt 13 (Wilder Mann) und Silberstraße 8 (ehem. Gewerbehaus) spricht für ein hohes Alter dieser Gebäude; aber ihre Entstehung dürfte nur dann über den Beginn des 17. Jahrhunderts zurückgeführt werden, wenn erwiesen wäre, daß ihr unterer Teil beim großen Stadtbrande vom 27. April 1604 unversehrt geblieben ist.

Aber innerhalb der von 1503 bis 1540 erbauten Stadtmauer haben bereits vor der Gründung Annabergs Häuser gestanden, wie auch schon von E. Finck in seiner Arbeit über die „Annaberger Straßenbenennungen" gemutmaßt wurde; hatte doch der größte Teil des Grund und Bodens, auf dem die „Neustadt am Schreckenberge" erbaute wurde, vorher dem „weisen Mann" Paul Richter in Kleinrückerswalde gehört, und einige der in diesem Orte wohnenden Bergleute mögen an dem Wege von ihren Fundgruben nach den Pochwerken und Schmelzhütten in Geyer in der Nähe der jetzigen Siebenhäusergasse schon Jahrzehnte vor dem Entstehen Annabergs einige (vielleicht sieben ?) Häuser erbaut haben. Aktenmäßig läßt sich dies mittelbar erweisen an der Geschichte des heutigen Grundstücks Am Hohen Weg Nr.  2, in dem sich jetzt die Schankwirtschaft „Felsenkeller" befindet. Da gerade die Geschichte dieses Grundstücks und seiner jeweiligen Besitzer sich beinahe lückenlos darstellen läßt, wird eine Plauderei darüber jeden Freund der Orts- und Familiengeschichte um so mehr interessieren, als allem Anschein nach die Grundmauern des Hauses (bis auf einen kleinen Anbau an der Südseite) noch die ursprünglichen sind und auch die Deckenbalken des Schankzimmers — von dem aus sich dem Besucher ein herrlicher Rundblick bietet — auf ein sehr hohes Alter hinweisen. Dazu kommen noch einige grundstücksgeschichtlich wertvolle Einzelheiten, die auf Eintragungen in den städtischen Lehn-, Grund-, Viertels-, sowie Kirchenbüchern und akten beruht.

Zuerst wird in einem alten Lehnbuch des Grundstücks in folgender Weise gedacht: „Sonnabends nach Trium regum ao. 35 (d. i. am 9. Januar 1535) hat Hainrich Sibensohn, Richter, Andreßen Becken ein Haus mit aller Gerechtigkeit geliehen, das hewte eyn alt glockenhaus (Blockhaus) auffen Stege gewest, vnd der Rath genannten Andres Becken damit begabet und Ime das erblich geschenkt hat. Gelegen huch an der mawer im kleynen Virtl kegen Dorothea Schutzin." — Wenn nun der damalige Stadtrichter Heinrich Siebensohn in vorstehendem Eintrag ausdrücklich sagt, daß das Haus „ein altes Blockhaus auf dem Stege hoch an der Mauer im Kleinen Viertel" gewesen sei, so kann ohne weiteres angenommen werden, daß es schon vor der erst 38 Jahre zuvor erfolgten Stadtgründung erbaut wurde. Diese Annahme findet ihre Bestärkung noch in der Lage des Grundstücks, von dem aus sich dem Auge ein weiter Ausblick auf die Umgegend eröffnet, und wenn man sich die nähere Umgebung dieser Felskuppe von höheren Bäumen befreit vorstellt, so konnte wohl kaum ein günstigerer Bauplatz für einen Luginsland gefunden werden. Unfern davon, etwa an der jetzigen rechten Seite der Siebenhäusergasse, mögen dann die vermuteten weiteren Häuser von Kleinrückerswalder Bergleuten gestanden haben.

Wes Standes und welcher Herkunft der vorerwähnte Andreas Beck (und ebenso dessen nächster Besitznachfolger) gewesen sind, konnte bisher nicht ermittelt werden; jedenfalls war nach ihm Jakob Brandt Besitzer des Hauses, dessen Erben es am 22. Juni 1549 an Martin Philipp für 60 fl. (Gulden) bei 20 fl. Anzahlung und einer Quartalszahlung von jeweils 2 fl. verkauften.

Nach Philipp Mertens Tode ging das Grundstück am 14. April 1565 um den Preis von 90 fl. an Matthes Friedrich und nach 7 Jahren, am 8. November 1572, für 86 fl. an Thomas Fleischer über. Von diesem kaufte es schon am 30. Dezember 1573 Katharina Gottschalck für 87 fl. und nach dieser, am 17. September 1595, um 7 fl. billiger, Valten Dittrich. Zum gleichen Preise erwarb es am 7. April 1601 Abraham Hoffmann.

Obgleich nun das Haus bei dem großen Stadtbrand vom 24. April 1604 (sowie nachweisbar auch später bei den Großbränden vom 19. November 1630, 5. Mai 1664, 28. August 1731 und 29. März 1837) nicht in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein scheint,
(1) fiel es doch während der nächsten Jahrzehnte dem Rate wieder als Besitztum anheim, denn am 11. September 1655 verkauft es letzterer für 30 fl. an den Posamentiermeister Christian Zaup, einem direkten Vorfahren des hier noch wohlbekannten verstorbenen Posamentier-Ehrenobermeisters Christian Zaup. Nach neunjährigem Besitztum ging es am 16. November 1664 für ebenfalls 30  fl. auf Hans Seidel und am 29. Oktober 1679 für 30 fl. auf Christian Auerswald über.

Nach Auerswald wurde Johann Michael Friedel (* 1687, † 1751) - ein Neffe des als „Annaberger Gespenst" weithin bekannt gewordenen und am 10. Februar 1693 mit dem Strange gerichteten Anton Friedel - Besitzer des Hauses, welches er dann auf seinen Sohn, den Posamentiermeister Christian Friedrich Friedel (* 1722, † 1801) vererbte. Von diesem ging es auf seinen gleichnamigen Sohn (* 1757, † 1824) über; dann gelangte dessen Schwiegersohn, der Posamentier Johann Gottlieb Wagner (verheiratet mit der am 5. Januar 1786 geborenen Johanne Marie Friedel) in seinen Besitz. Das dritte Kind aus dieser Ehe war der am 5. März 1913 (* 27.9.1822) verstorbene Lithographie-, Buch- und Steindruckereibesitzer Julius Wagner, dessen jüngerer Bruder Carl Christian Wagner (* 9.2.1825, † 11.4.1895), Bürger, Posamentiermeister und - seit 1849 - Schankwirt, Besitznachfolger seines Vaters wurde. Nach dem Tode C. Chr. Wagners behielt dessen Witwe Auguste Emilie Wagner geb. Triemer (*  22.10.1831, † 16.6.1910) das Grundstück in ihrem Besitz, verpachtete aber den Schankwirtschaftsbetrieb an den Schankwirt und Likörfabrikant Karl Emil Nestler (* 6.9.1846, † 7.9.1902). Der Sohn des letzteren, Schankwirt Karl Richard Nestler (* 22.4.1877) übernahm nach dem Ableben des Vaters das Geschäft desselben in Gemeinschaft mit der Mutter Minna Marie geb. Günther (* 1.2.1849) und erwarb am 1. September 1907 das „alte Blockhaus auf dem Stege hoch an der Stadtmauer". Heute ist es das gern besuchte Vereinshaus der „Philharmonie" und  einiger zwangloser kleinerer Vereinigungen, wie „Glück auf" u.a. In weiten Kreisen bekannt geworden ist es als Herstellungsstätte des Pöhlberg-Likörs.

So sehen wir die Geschichte eines Hauses durch mehr als vier Jahrhunderte, sowie die einiger Familien durch mehrere Geschlechter an unserem Auge vorüberziehen und gedenken dabei gern vergangener Zeiten. Wie von den Büchern, so kann man auch von den Häusern, den Grundstücken und ihren Bewohnedrn sagen: Habent sua fata. Aber immer werden Sinn für Heimatkunde und Heimatliebe neu erweckt und neu gestärkt durch solche „Geschichten im kleinen". Mögen auch diese anspruchslosen Zeilen dazu beitragen. „Glück auf!".

— m —



Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 19 v. 9. Mai 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 19, 9. Mai 1926, S. 2

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