Was heute nicht mehr ist ...! - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Was heute nicht mehr ist ...!

1929 > 1929-46

11. Fortsetzung.

Die “alte Annaberger Hauptwache”

Zwar steht noch das altertümliche Gebäude am Fleischerplatz in Annaberg, aber es ist nicht mehr “die alte Annaberger Hauptwache” von ehedem mit ihrem Schilderhaus, ihrem Wasserständer davor und mit ihren Pfählen ringsum, die einst die Absperrkette hielten.

Die alte Annaberger Hauptwache
im Jahre 1904 mit Schilderhaus, Wasserständer und „Sperrsäulen“. Links ein Laternenwärter, wie man ihn heute nicht mehr sieht. Interessant ist auch das alte Pflaster.

Diese Hauptwache wurde nach Beendigung des großen Befreiungskrieges von 1813 erbaut. Vordem stand dort das Kauf- und Gewandhaus mit der ersten Fleischbank von Annaberg. Der Bau dieses Kaufhauses wurde 1517 begonnen und 1523 vollendet, nachdem dieser wegen verschiedener Bedenken längere Zeit bis zur Rückkehr Herzog Georgs vom Reichstag eingestellt gewesen war. Zum St. Anna-Jahrmarkt des Jahres 1523 wurde das erste Tuch auf dem Boden dieses Kaufhauses verschnitten, auch verkaufte man dort Schuhe und andere Waren. Alle Donnerstage war hier die Annaberger “Ledermesse” für die hiesigen Schuhmacher. Im Erdgeschoß fand der Tanz bei den Hochzeiten der ärmeren Bevölkerung statt, während derartige Vergnügungen der Wohlhabenderen seiner Zeit im Obergeschoß des Rathauses abgehalten wurden. Wie aber eben alles mit der Zeit vergeht, so ging auch dieser “Handelshof” der Vorzeit Ende des 18. Jahrhunderts ein.

Nach Wegreißen dieses Kauf- und Gewandhauses erstand sodann hier die Annaberger Hauptwache. Sie diente in unruhigen Zeiten als Wachtlokal, bei Einquartierungen als Quartieramt und war noch in den 80er Jahren die „Kaserne“ und das Wachtamt der alten Annaberger Bürgerwehr, deren Posten hier am Schilderhäuschen unter Gewehr traten. Später wurde die Hauptwache von der Feuerwehr bei den Sturm- und Gewitterwachen benutzt, die ja heute noch zu den Theaterwachen auf dem Fleischerplatze stellt.

Als Spritzenhaus diente die Hauptwache nach einem erfolgten Anbau an der rechten Seite seit etwa 1881, nachdem vorher schon - von 1853 an - dort eine große alte Feuerspritze in dem rechten Teil des Gebäudes stand, der noch heute durch das große viereckige Tor abgeschlossen ist.

Auch als Dienstmänner-Lokal benutzte man die Hauptwache, wie noch gegenwärtig mit als Rettungs- und Samariterwache. Längst ist die alte Landspritze, die bis zum Kriege jahraus, jahrein zu den Bränden in der Umgegend fuhr, nach dem Zürcherplatz ausquartiert worden, um Platz zu schaffen für den großen Motorspezialwagen der Neuzeit.

Mit dem Verschwinden des Schilderhauses war die Poesie der „alten Annaberger Hauptwache“ dahin. Als heimatgeschichtliches Denkmal hat man das Gebäude bis heute erhalten. Wie lange wohl noch?


Nr. 46  v. 17. November 1929



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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 123. Jahrgang, Nr. 46, 17. November 1929, S. 5

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