Die alte Bergstadt Ehrenfriedersdorf (2). - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die alte Bergstadt Ehrenfriedersdorf (2).

Zusammengestellt von Karl Hans Pollmer.

Der Sauberg.

Die Stadt Ehrenfriedersdorf verdankt ihre Entstehung reichen Zinn- und Silberfunden, die im 13. Jahrhundert am Sauberg gemacht wurden. Der Sauberg, zu dessen Füßen heute Ehrenfriedersdorf sich hinzieht, ist in alter Zeit, wie seine ganze Umgegend über und über mit Wald, bedeckt gewesen. In diesem Wald lebten unter anderen wilden Tieren auch Wildschweine, und diese sollen — so erzählt die Sage — die zu Tage gehenden Zinngänge aufgescharrt haben. So ist der Sauberg zu seinem etwas eigenartig anmutenden Namen gekommen. Der Reichtum an Zinnerzen im Sauberg war so bedeutend, daß schon das Schürfen danach an der Oberfläche des Bodens schöne Erträge brachte. Erst als diese Art des Abbaues sich nicht mehr lohnte, ging man zum eigentlichen Tiefbau über. Nach und nach ist unter dem Sauberg ein Bergwerk von erstaunlicher Ausdehnung entstanden. Die Stollen ziehen sich weit unter der Erde hin. Im Falle eines Gas- und Luftkrieges wäre es ein Leichtes, der gesamten Einwohnerschaft von Ehrenfriedersdorf im Sauberg Schutz zu bieten.
Berggrabe-Brüderschaft Ehrenfriedersdorf.
Die Berggrabe-Brüderschaft Ehrenfriedersdorf von 1571, die am 25. Juni 1933 ihre neue Bergfahne in Anwesenheit der Brüderschaften von Frohnau, Geyer, Thum und Wiesa feierlich weihen konnte. (Photo: Chr. H. Wagner, Ehrenfriedersdorf.)
In der Hauptsache sind im Sauberg Zinnerze gefördert worden; daneben gewann man aber auch Silber und Eisen. Wenn man eine Stätte gefunden hatte, von der man glaubte, daß man dort Erz finden könnte, und wenn dazu das Gelände günstig gelegen und fließendes Gewässer in der Nähe war, so begann man zu schürfen. Zuerst wurde die deckende Bodenschicht entfernt und die "Mächtigkeit", d. h. die Stärke und Richtung der Erzader, untersucht. Dazu wurden drei bis vier Meter lange und ein bis zwei Meter breite Gruben ausgeworfen; darnach wurde ein sogenannter "Fuchsstollen" angelegt. Ehe man zum eigentlichen Abbau des Silbers oder Erzes kam, hatte man eine große Menge von Formalitäten zu erledigen. Anfangs waren Nachtschichten im Bergwerk nicht erlaubt; später aber, als sich der Bergsegen ungeahnt reich entwickelte, wurden sie Regel. Anfang und Ende der Schichten wurden durch das Geläut des Bergglöckleins angezeigt, das früh um 3 und 4 Uhr, vormittags um 11 und 12 Uhr und abends um 7 und 8 Uhr anschlug. Die Arbeit verteilten die Schichtmeister. Diese hatten auch den Abbau der Gruben zu überwachen. Anfang und Ende der Schichten meldeten sie den Bergleuten in der Tiefe durch Rufen oder Klopfen am Holzwerke. Die Bergleute sonderten schon in der Grube das Erz vom "tauben" Gestein und verluden es in Körbe oder andere Gefäße. Das "taube" Gestein wurde in Tröge gefült und mit Haspel und Seil aus der Grube gezogen. Draußen wurde es auf die Halde gestürzt. Oftmals befand sich in diesem Schutt noch Erz, und es gab viele Leute, die das Recht, diesen Schutt nach Erz zu durchsuchen, für sich pachteten. Mitunter wurden solche Halden auch an Klöstern verschenkt. Der Bergbau im Sauberg muß sehr viel eingebracht haben. Im Jahre 1695 sollen etwa 681 Zentner Zinn und 18 Fuder Eisenstein gewonnen worden sein. 1716 zählte man in Ehrenfriedersdorf 50 gangbare Zechen und Stollen. Außer den Zinnerzen und dem Silber sind zuweilen auch Edel- und Halbedelsteine im Sauberg gefunden worden, z. B. grüner, brauner, gelber und blauer Malachit, Turmalin und Beryll. Seit 1888 liegt der Bergbau in Ehrenfriedersdorf gänzlich darnieder. Zwar wird behaupter, daß noch genügend Erze in der Tiefe lagerten, doch jedesmal, wenn erneute Versuche gemacht wurden, den Bergbau wieder in Betrieb zu setzen, scheiterte dies an den ungenügenden Erträgnissen. Die großen Wasserräder und Poch- und Schlemmvorrichtungen, die vom Röhrgraben getrieben wurden, sind schon längst verfallen. Der Röhrgraben, der noch heute zu sehen ist und an dem entlang zu gehen einer der schönsten Spaziergänge im Greifensteinwald bedeutet, soll schon vor 1809 durch die Gruben-, Pochwerks- und Hüttenbesitzer von Ehrenfriedersdorf erbaut worden sein; der genaue Zeitpunkt seiner Erbauung ist nicht bekannt. Da im 18. Jahrhundert der Bergbau schon allmählich zurückging, geriet der Graben seit 1771 in Verfall, sodaß er 1783 vollständig von neuem ausgeworfen und ausgehauen werden mußte. Seinen Zufluß erhält der Röhrgraben in der Hauptsache aus den hinter den Greifensteinen gelegenen beiden Greifenbachteichen, die im Jahre 1863 aus dem Besitz von Evans in Siebenhöfen bei Geyer, dem Erbauer der ersten sächsischen Baumwollspinnerei, an die Stadtgemeinde Ehrenfriedersdorf übergegangen sind. Der Röhrgraben hat eine Länge von fast 5 km und endet am Sauberger Haldenzug.
Weihe Iswald-Barthel-Denkmal auf dem Sauberg.
Weihe des Oswald-Barthel-Gedenkturmes in Ehrenfriedersdorf am 26. August 1928. Die anregung zur Errichtung dieses Denkmales und die Ausführung dankt die Stadt Ehrenfriedersdorf der Berggrabe-Brüderschaft von 1571. (Photos: H. Ritschel-Geyer.)
Noch heute gibt es in Ehrenfriedersdorf die sogenannte Berggrabebrüderschaft. Anlaß zur Bildung dieser Vereinigung soll das Begräbnis des im 16. Jahrhundert im Sauberg verunglückten Oswald Barthel gegeben haben. Di Geschichte von Oswald Barthels "langer Schicht" ist im ganzen Erzgebirge und auch noch weit über dessen Grenzen hinaus bekannt. Für die Verbreitung dr Oswald-Barthel-Geschichte haben in starkem Maße im Anfang unseres Jahrhunderts und auch schon früher die Puppenspieler gesorgt, die von Ort zu Ort zogen und überall mit der "langen Schicht von Ehrenfriedersdorf" aufwarteten. Im Jahre 1507 ist der Ehrenfriedersdorfer Bergmann Oswald Barthel im Bergwerk verunglückt, und zwar so, daß es unmöglich war, ihn wieder aufzufinden. Erst 61 Jahre darnach, am 20. September 1568, wurde er "unter Berg und Wassr" wieder aufgefunden. Alte Bergleute erkannten in dem Toten den Oswald Barthel wieder. Barthel wurde genau so aufgefunden, wie er 1507 gestorben sein mag. Sein Körper und auch die Kleidung waren noch vollständig erhalten. Doch als man ihn anfaßte, um ihn an die Oberfläche zu bringen, brach er mitten entzwei. Am 26. September 1568 ist er in christlicher Weise beerdigt worden. Die Leichenpredigt hielt der Ehrenfriedersdorfer Pfarrer Georg Raudte, der damals 31 Jahre alt war. Es mag wohl selten vorgekommen sein auf Erden, daß einer einem eine Leichenpredigt hält, der 30 Jahre zuvor gestorben ist, ehe der Prediger selbst geboren wurde. Raudte hat sich überdies durch seine Predigt für Oswald Barthel, die er unter das Thema stellte "Herr, du lässest die Menschen dahin fahren wie einen Strom, wie einen Schlaf, wie ein Gras, wie ein Geschwätz" (nach Psalm 90, 5), ein großes Ansehen erworben; er wurde 1572 Bergprediger in Annaberg und 1576 Superintendent in Chemnitz.

In Ehrenfriedersdorf hat sich sogar ein "zweiter Fall Barthel" abgespielt. So findet sich im Totenregister von Ehrenfriedersdorf unter dem Jahre 1628 folgender, hier in Hochdeutsch wiedergegebener Eintrag: "Furnus (Leiche) eines Bergmannes, so in der Grube gefunden, und vermutlich weit über hundert Jahre darinnen gelegen, der ist nebst einer Predigt zur Erde bestattet worden." Aus diesem Eintrag im Kirchenbuch ist zu ersehen, daß fast gleichzeitig mit Oswald Barthel noch ein anderer Bergmann im Sauberg gelegen hat, der aber erst 60 Jahre später gefunden und dann noch mit einer Leichenpredigt beerdigt worden ist. Wahrscheinlich war dieser Bergmann nicht mehr so gut erhalten wie Oswald Barthel. Die ältesten Leute im Ort konnten sich nicht besinnen, wer er sein könnte. Sein Name ist daher unbekannt geblieben.

Zum Gedächtnis an Oswald Barthel ist auf dem Sauberg ein Oswald-Barthel-Denkmal errichtet worden. Auch trägt eine Straße in Ehrenfriedersdorf den Namen dieses Bergmannes. Die Geschichte Osweald Barthels ist so eigenartig, daß man wohl verstehen kann, daß sie weit verbreitet und vom Volk mit allen möglichen anderen Geschichten und Einzelheiten verbunden und ausgeschmückt worden ist. Oswald Barthel lebt weiter — im Geiste derer, die um ihn und seine Geschichte vwissen, wird er niemals begraben werden!

Wenn man jetzt über den Sauberg hinwandert und zu seinen Füßen Ehrenfriedersdorf mit der alten, kleinen Kirche aus der Bergmannszeit liegen sieht, dann treten einem eine Menge Bilder vor die Seele, Bergleute in ihren schmucken Arbeitskleidern, Wagen voll Erzen und Silber — eine große Vergangenheit wird lebendig; da wünscht man sich unwillkürlich, daß man vor hundert oder mehr Jahren schon einmal gelebt haben und dabei gewesen sein möchte, wenn hier die Bergleute in die Erde stiegen, wenn sie wieder zu Tage kamen nach einem harten, gefahrvollen Schaffen — aber das bleiben für uns nur Träume. Wir malen uns die alten Zeiten gerne schöner aus als sie sicher in Wirklichkeit gewesen sind. Der Sauberg, so viele Wunder sich für uns um seine Geschichte zu ranken scheinen, hat doch neben allem Guten vielen Familien und Menschenkindern auch viel Trauriges gebracht. Oswald Barthel und der andere unbekannte Bergmann sind nicht die einzigen, die in der grauen Erde inmitten von Silber und Erzen ihren Tod gefunden haben. Ein großes, langes Heer von Bergleuten würde aufstehen und an uns vorübergehen — der Zug derer, die im Laufe von Jahrhunderten ihren Weg aus der Tiefe nicht mehr lebend gefunden haben. Und hinter diesen würden all die Frauen und Kinder und Mütter und Väter dieser im Berg verschütteten Menschen gehen und würden weinen und klagen, und der Zug würde endlos werden ... Es "spukt" noch heute am Sauberg; für den, der "Wunder" schauen will, sind sie immer da. Aber die alten Halden liegen still und verlassen. Die Vergangenheit ist tot. Es ist auch besser so!


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 28, 9. Juli 1933, S. 1

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