Die alte Bergstadt Ehrenfriedersdorf (3). - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die alte Bergstadt Ehrenfriedersdorf (3).

(Fortsetzung von I. E. S. Nr. 28.)

Zusammengestellt von Karl Hans Pollmer.

Die Greifensteine.

Kaum eine ganze Wegstunde von Ehrenfriedersdorf entfernt liegen auf einer Art Hochebene die zu Ehrenfriedersdorf gehörenden Greifensteine, sieben geologisch bemerkenswerte Granitfelsen vulkanischen Ursprungs. Die Aussicht von den Greifensteinen aus ist unstreitig eine der schönsten im ganzen Sachsenland. Zu wiederholten Malen wurde darum der Greifenstein, der alljährlich das Ziel vieler Wanderer ist, auch von unserem ehemaligen Herrscherhaus besucht. Das beweisen die Tafeln, die sich hier und da befinden und die über solche Besuche kurz berichten. So finden sich Gedenktafeln mit den Worten: "Gegrüßt seist Du, Johann! den 3. August 1860" und "Zur Erinnerung an Se. Maj. den König Albert, den 25. Juli 1885" und am Stamm einer mächtigen Tanne: "Hier weilte Seine Königliche Hoheit Kronprinz Albert am 7. Juli 1863".
Naturtheater auf den Greifensteinen.
Das Naturtheater auf den Greifensteinen der Stadt Ehrenfriedersdorf.
Christus und seine Jünger am Ölberg — eine ergreifende Szene aus den Obererzgebirgischen Passionsspielen, die neuerdings immer größeres Aufsehen in ganz Deutschland erregen.
Wie aus einer Urkunde vom Jahre 1377 hervorgeht, hat im 13. und 14. Jahrhundert zwischen den Felsen des Greifensteins eine Burg gestanden, die markgräfliches Lehen der Herren von Waldenburg war. Um die Greifensteine haben die Bewohner der umliegenden Ortschaften bald eine Menge von phantastischen Sagen gewoben. Diese Sagen sind fast alle im ganzen Erzgebirge bekannt. Man braucht nirgends lange zu suchen, um jemanden zu finden, der einem die alten Greifensteingeschichten, wie sie schon seit vielen, vielen Jahrzehnten im Volke leben, gerne erzählt.

Eine der bekanntesten dieser Sagen — man hört sie sehr oft und jedesmal in fast gleicher Fassung — ist die vom Wandersmann Jahn: Ein armer Wanderer, mit Namen Jahn, irrte einst durch den Greifensteinwald, ohne natürlich zu wissen, wo er sich befindet. Da plötzlich trat ein Zwerg vor ihn hin und winkte ihm zu folgen. Über Stock und Stein, hin und her, durch Wald und Gestrüpp ging der Weg, bis die beiden schließlich in einer großen Höhle ankamen. Dort sah sich Jahn zwölf Männern in stattlichen Rittergewändern gegenüber; die Männer saßen an einer großen Tafel und speisten. Der Zwerg forderte Jahn auf, sich an die Tafel zu setzen und zuzulangen. Jahn war sehr hungrig und langte darum kräftig zu, nachdem er die Furcht und Schüchternheit, die sich anfänglich seiner bemächtigt hatten, überwunden. Die Ritter an der Tafel freuten sich über Jahns gesunden Appetit und geboten dem Zwerg, Jahns Ränzlein zu füllen. Mit herzlichen Dankesworten schied der Wandersmann von seinen Gastgebern. Von dem Zwerg wurde er auf den rechten Weg geführt, von dem aus er sich nicht mehr verirren konnte. Als er später zufällig einmal in sein Ränzlein schaute, bemerkte er mit Staunen, daß eine ziemliche Anzahl Barren gediegenen Goldes und Silbers darin lagen. Aus Freude über dieses unermeßliche Geschenk beschloß er, diese Schätze gut anzuwenden. Er blieb in dieser Gegend, in der er sein Glück gemacht hatte, baute in der Nähe der Greifensteine einige Häuser, in denen er arme Leute zinsfrei wohnen ließ, und half auch sonst den Armen und Kranken. Als zu diesen von Jahn erbauten Häusern noch andere kamen und allmählich ein kleines Dorf entstand, nannte man es in Erinnerung an den wohltätigen Wandersmann Jahn — Jahnsbach.

Eine andere Sage, die ebenfalls für die Gründung eines Ortes — nämlich von Siebenhöfen — von Interesse sein dürfte, ist die von dem Häuer Hans Geißler aus Geyer. Der Häuer Hans Geißler in Geyer war ein blutarmer, aber tüchtiger Mensch. Er hatte eine große Anzahl Kinder, für die er oftmals keinen Bissen Brot hatte. Am größten war seine Not an einem Silvesterabend. Seine Frau dah der Geburt eines Kindes entgegen, und in der kalten Stube war kein Bissen Essen. Da machte sich Hans Geißler auf, aus Günsdorf eine erfahrene Mume zu holen, um wenigstens eine Wehmutter im Haus zu haben. Dabei aber verirrte er sich und gelangte in den Greifensteinwald, wo ihm plötzlich ein Berggeist begegnete. Erschrocken wollte er umkehren, aber der Berggeist sprach ihn mit freundlichen Worten an, sagte ihm, daß sein Weib eben drei Kindern das Leben geschenkt habe und daß er bereit sei, Gevatter zu stehen. Der Häuer willigte ein, und am nächsten Tag erschien der Berggeist in Häuerkleidung zur Taufe. Als Patengeschenk überreichte er Hans Geißler einen Schlägel und ein Eisen. Mit diesem Werkzeug wurde Hans Geißler bald ein reicher Mann; denn wo er auch immer damit einschlug, fand er reiche Ausbeute. Dieser Hans Geißler soll dann die Siebenhöfe bei Geyer gebaut haben.

Das sind bei weitem nicht die einzigen Sagen, die man sich über die Greifensteine und ihre Berggeister erzählt. Sie alle hier wiederzugeben, wäre gänzlich unmöglich. Ich muß mich schon darauf beschränken, die wichtigsten und die am meisten verbreiteten anzuführen. Dazu gehört außer den schon erzählten auch die Geschichte von Karl Pilz, der im Jahre 1802 in Drebach bei Ehrenfriedersdorf geboren worden sein soll. Karl Pilz hieß unter der Bevölkerung gewöhnlich "Zöppelpilz" (weil er anfangs mit weißen Backwaren handelte) oder "Messer-Karl" (weil er auch Messer, Nadeln, etc. feilbot), zumeist aber "Fürst vom Greifenstein". "Fürst vom Greifenstein" nannte er sich auch selbst sehr gerne. Er glaubte nämlich, er sei ein Prinz oder Fürst und werde einmal eine in den Höhlen des Greifensteins verzauberte Prinzessin erlösen. Der Name "Fürst vom Greifenstein" für Karl Pilz hat sich eigentlich kaum erhalten. Viel lebendiger ist dagegen noch heute unter der Bevölkerung die Bezeichnung "Messer-Karl". Noch heute heißt es von einem, der mehr als zwei Ringe an einer Hand trägt: "Der sieht aus wie der Messer-Karl!" Karl Pilz hat sicher eine große Leidenschaft für Fingerschmuck gehabt. Das braucht nicht wunderzunehmen, wenn er sich für einen Fürsten oder Prinzen gehalten hat.

Selbst über den Namen des Greifensteins ist nichts geschichtlich Genaues, sondern, wie das meist der Fall ist bei alten Eigennamen, nur eine Sage vorhanden. Es heißt, daß in einer Höhlung des Berges in alten Zeiten ein mächtiger, großer Greif gewohnt habe, der im Schatzenstein bei Elterlein seine Schätze verborgen hatte. Von diesem Greif soll der Greifenstein seinen Namen haben.

In der Nähe der Greifensteinfelsen liegen zwei Höhlen, die sicherlich in längst entschwundener Zeit von Bergleuten angelegt worden sind, die ja bis an die Felsen heran fast dieses ganze Gebiet durchwühlt haben. Die kleinere von diesen Höhlen soll dem "Helden von Scharfenstein", dem Wildschützen Karl Stülpner um 1800 als Unterschlupf gedient haben; darum trägt sie auch seinen Namen. Die andere, größere Höhle heißt Ritter- oder Jahnshöhle. Sie soll der Sage nach die Höhle sein, in die der Wanderer Jahn hineingeführt und in der er bei den zwölf Rittern gastlich bewirtet wurde.

Heute freilich sind alle die schaurigen Sagen, mit denen die geschäftige Phantasie der Gebirgler den Greifenstein umsponnen hat, nicht mehr wie in früheren Jahren für den Wanderer ein Hindernis, seinen Weg über die Greifensteine zu nehmen. Heute kommen keine "Berggeister" mehr und beschenken arme Leute, keine Kobolde treiben mehr ihr Unwesen. Die Greifensteine sind ihres alten Zaubers entkleidet. Und das ist eigentlich ganz gut so. Die Menschen, die sich in früheren Jahren aus Angst vor allen möglichen "Geistern" haben hindern lassen, ihren Weg über die Greifensteine zu nehmen, haben vieles versäumt und versehen. Die Greifensteine und der Greifensteinwald gehören zu den schönsten Fleckchen unseres Erzgebirges. Nan kann sich nicht genug sattsehen an den Schönheiten dieser Gegend und entdeckt bei jedem neuen Besuch immer Neues, noch nie Gesehenes.

In den letzten Jahren hat sich die Bedeutung der Greifensteine noch wesentlich erhöht durch den Bau des Naturtheaters, auf dem neben klassischen Volksstücken vor allem die schönen Schöpfungen unseres Annaberger Heimatdichters Hans Reh, aufgeführt werden. Die Greifensteine werden immer ein gern besuchter Ausflugsort bleiben und auch in Zukunft in hohem Maße dazu beitragen, daß der Name der alten Bergstadt Ehrenfriedersdorf, der sie zugehören, nicht nur im Erzgebirge, sondern im ganzen Sachsenland und darüber hinaus kein unbekannter ist.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 31, 30. Juli 1933, S. 1

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