Die alte Bergstadt Ehrenfriedersdorf. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die alte Bergstadt Ehrenfriedersdorf.

Zusammengestellt von Karl Hans Pollmer.

Die Stadt Ehrenfriedersdorf.

Zweierlei ist es, was den Namen der alten Bergstadt Ehrenfriedersdorf weit über die Grenzen des oberen Erzgebirges hinausgetragen hat: der Sauberg mit seinem alten Bergwerk und seiner Geschichte von Oswald Barthels "langer Schicht" und die sagenumwobenen Greifensteine, denen neuerdings durch das dort geschaffene Naturtheater eine ganz besondere Bedeutung zukommt.

Seine Entstehung verdankt Ehrenfriedersdorf den reichen Zinn- und Silberfunden am Sauberg. Der Sauberg liegt nur wenige Minuten von Ehrenfriedersdorf entfernt; zu seinen Füßen zieht sich die alte Bergstadt hin. Um 1240 soll Ehrenfriedersdorf gegründet worden sein, und zwar von Bergleuten, die aus dem Harz und aus Oberfranken, vielleicht auch aus dem damals schon bestehenden Freiberg in diese Gegend kamen. Wie schon der Name sagt, war Ehrenfriedersdorf — oder wie es auch hieß: Ehrenfriedsdorf, Erinfriedisdorf, Erbartsdorfium, Erbersdorf, Irbersdorf — zunächst ein Dorf. Die Hütten der Bergleute zogen sich ursprünglich am Abhang des Sauberges hin. Heute liegt, wie schon erwähnt, der größte Teil des Ortes am Fuße dieses Berges. Als 1525 ein großes Schadenfeuer fast den ganzen Ort vernichtet hatte, wurden die neuen Wohnhäuser im Tal erbaut. Damals soll — so wenigstens erzählt die Sage — Ehrenfriedersdorf seinen Namen bekommen haben. Die nach dem großen Brand neuerstandene Ortschaft soll nach einem ihrer angesehendsten Bürger, nach einem gewissen Ehrenfried, benannt worden sein. Bis ins Jahr 1440 gehörte Ehrenfriedersdorf den Herren von Waldenburg. Diese Waldenburgs sind wahrscheinlich früher eine fränkische Herrenfamilie gewesen. Im Laufe der Jahrhunderte sind sie ständig mehr verarmt. Von den Waldenburgischen Besitztümern ist ein Stück nach dem anderen in fremde Hände übergegangen. Mit dem Tode des letzten Waldenburgers Anarg VI. (der Zeitpunkt seines Todes ist nicht bekannt, dürfte aber zwischen 1466 und 1500 zu suchen sein) fiel die Herrschaft Wolkenstein, in der Ehrenfriedersdorf lag und die zum Waldenburgischen Lehen gehörte, an den Landesherrn von Sachsen zurück. Ehrenfriedersdorf war schon 1440 vom Landesherrn gekauft worden. In jener Zeit hatte Ehrenfriedersdorf eine ziemlich große Bedeutung; es galt nämlich damals für die einzige freie Berg- und Handelsstadt zwischen Böhmen und Freiberg. Dieses hohe Ansehen konnte Ehrenfriedersdorf bis 1496, bis zum Gründungsjahr der Stadt Annaberg, auch behaupten.

Von Kriegs- und Hungersnöten, Seuchen und Bränden ist Ehrenfriedersdorf ebensowenig verschont geblieben wie die anderen Ortschaften des Erzgebirges. Vor allem während des 30jährigen Krieges haben hier die Schweden fürchterlich gewütet. So wird z. B. erzählt, daß an einem Augustmorgen des Jahres 1632 ein Röhrmeister aus Ehrenfriedersdorf nach Wolkenstein zur Arbeit gegangen, hinter dem Sauberg von schwedischen Soldaten gefangen und von diesen zu Tode gequält worden sei. Das aber hatten sich die Ehrenfriedersdorfer nicht gefallen lassen und hatten sich mit den Bewohnern von Schönfeld verbündet, um sich gegen die Schweden wehren zu können. Die Folge davon waren furchtbare Kämpfe mit den Schweden. Noch im Jahre 1632 fand der schlimmste dieser Kämpfe auf den Fluren vor Ehrenfriedersdorf und Schönfeld statt. Dabei wurden von den Schweden nicht weniger als 17 Männer aus Ehrenfriedersdorf und 12 aus Schönfeld ermordet. Im Jahre 1639 kamen die Schweden erneut nach Ehrenfriedersdorf. Die Einwohner wurden aus ihren Häusern herausgetrieben. Viele wurden durch den berüchtigten Schwedentrunk grausam zu Tode gemartert. Die Schweden füllten die Menschen voll Wasser und traten dann ihre Opfer auf den Leib, daß das Wasser wieder herausspritzte. Viele von den Ehrenfriedersdorfern sind aus Angst vor solchen Quälereien in den Wald geflohen und dort elende umgekommen. Frauen und Mädchen wurden von den Schweden aufs gemeinste geschändet; die Sittenlosigkeit ist grenzenlos gewesen und nicht zu beschreiben. 1642 floh fast die ganze Einwohnerschaft von Ehrenfriedersdorf nach Annaberg und suchte hinter den starken Mauern dieser Stadt Schutz vor den erneut anrückenden Schweden. In diesem Jahre sind hier und in Schönfeld nur 25 Kinder geboren worden; 1643 wurden gar nur 10 Kinder geboren. Zu dem Uebel des Krieges kam um diese Zeit ein anderes, das sich beinahe noch fürchterlicher auswirkte: das der Pest. Im ganzen Erzgebirge wütete damals der schwarze Tod und raffte unzählige von Menschen dahin. Die Zeiten wurden erst wieder besser gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Dann hatte Ehrenfriedersdorf ein volles Jahrhundert Ruhe vor Kriegs- und Pestgefahren. Die Jahre 1815—17 brachten für die alte Bergstadt eine große Teuerung. Die Ernte war schlecht und wurde mitunter durch Unwetter, wie Hagel, Regen, Fröste, gänzlich verwüstet, der Bergbau geriet immer mehr und mehr in Verfall. Es mußte viel Getreide aus Rußland bezogen werden, und der Brotpreis stieg auf phantastische Höhe. 1818 wurde es wieder besser; die Ernte war reich und schön, und für die sch,erzgeprüften Ehrenfriedersdorfer kamen wieder glückliche Jahre.

Viel Not und Elend verbreiteten auch die vielen Brände, von denen Ehrenfriedersdorf im Laufe der Jahrhunderte heimgesucht wurde. Am 12. Juli 1528 sind 150 Häuser niedergebrannt; das bedeutete fast völlige Vernichtung des Ortes. 1705, und zwar am 11. Januar, in früher Morgenstunde, brannte das Rathaus ab. Dadurch sind viele wertvolle Dokumente der Stadt verloren gegangen. Am 11. Mai 1781 wurde der Gasthof von Ehrenfriedersdorf — jetzt Hotel "Deutscher Kaiser" — durch Blitzschlag vollständig in Asche gelegt. Und als am 27. August 1802 eine große Feuersbrunst 50 Häuser vernichtete, wurde der inzwischen wieder aufgebaute Gasthof erneut ein Opfer der Flammen. Reichlich einen Monat vor dieser großen Brandkatastrophe, am 12. Juli 1802, war über Ehrenfriedersdorf ein fürchterliches Hagelwetter niedergegangen, bei dem Schloßen so groß wie Hühnereier gefallen waren und auf den Feldern alles Gras und Getreide vollständig vernichtet hatten. Das Jahr 1802 wird in Ehrenfriedersdorf zu den schwersten Jahren gerechnet, zumal zu dem Hagelwetter und der erwähnten Feuersbrunst noch eine allgemeine Teuerung trat. 1803 wurde es nicht besser; die Teuerung nahm nur zu statt ab. Und am 27. September dieses Jahres brannten wieder 5 Häuser nieder; dabei kam auch eine Frau ums Leben. Schon 30 Jahre zuvor, 1772, war einmal ein entsetzliches Hungerjahr gewesen. Damals war die Not im ganzen Erzgebirge unbeschreiblich groß. An einer Seuche, die als Folge dieser Hungersnot auftrat, starben 1772 allein in Ehrenfriedersdorf nicht weniger als 596 Menschen. Bis zum Jahre 1823 ist Ehrenfriedersdorf von nennenswerten Bränden verschont geblieben. Am 12. oder 14. April 1823 brannten drei Wohnhäuser nieder. Dann folgten in verschiedenen Jahren noch kleine Brände, denen jeweils meist immer nur ein Haus zum Opfer fiel. Den letzten großen Brand brachte das Jahr 1866. Am 30. August dieses Jahres wurden über 100 Häuser eingeäschert. In einer Scheune brach am Vormittag des genannten Tages das Feuer aus und verbreitete sich in rasender Schnelligkeit über die ganze Stadt hin — 258 Familien mit 1225 Köpfen sind durch diese gewaltige Katastrophe obdachlos geworden. Außerdem sind bei diesem Brand eine junge Frau erstickt und zwei Kinder verbrannt. Die so vom Unglück Betroffenen fanden durch die Bewohner der Nachbarorte nach besten Kräften Unterstützung. Noch am selben Tage trafen von Geyer und Annaberg Wagen mit Brot und anderen Lebensmitteln ein; und noch wochenlang kamen täglich solche Sendungen, bis die erste Notzeit überdauert war und den Heimgesuchten neue Obdache gegeben werden konnten. —

Ebenso alt wie die Geschichte von Ehrenfriedersdorf ist die Geschichte der Ehrenfriedersdorfer Kirche. Der fromme Sinn der Bergleute verlangte schon früh nach einem Gotteshaus. Im Jahre 1300, am Sonntag nach Mariä Geburt, ist die am Fuße des Sauberges, in der Nähe des alten Marktes erbaute Kirche eingeweiht und nach dem heiligen Nikolaus St. Niklaskirche genannt worden. Turm und Dach der Kirche sind anfangs wahrscheinlich mit Schindeln gedeckt gewesen. Erst 1503 wurden sie im Anschluß an eine Reparatur mit Schiefer bedeckt. 1505 ist die von einem gewissen Henschel erbaute Orgel aufgestellt worden. Wegen seines hohnen Alters und um seiner prächtigen Schönheit und seiner kunstgeschichtlichen Bedeutung willen von höchster Bedeutung ist der Hochaltar, der im Chor, dem ältesten Teil des Ehrenfriedersdorfer Gotteshauses, steht. Dieses kostbare Altarwerk mit Gemälden soll die Kirche im Jahre 1307 erhalten haben. Der Altar in der Ehrenfriedersdorfer Kirche ist eine Sehenswürdigkeit, die sich kein Besucher der alten Bergstadt entgehen lassen sollte. Die älteste Glocke stammt aus dem 15. Jahrhundert; es ist die Taufglocke; sie zeigt viermal die Inschrift ave und die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Die sogenannte "Meßglocke" oder "mittlere Glocke" wurde 1676 gegossen; sie wurde während des Abendmahls geläutet; 1887 zersprang sie. Darnach ist eine neue, über 12 Zentner schwere Glocke gegossen und aufgehängt worden. Diese 1887 gegossene Glocke ist am 27. Juni 1917 zu Kriegsmaterial zerschlagen worden. Darüber berichtet eine Zeitungsnotiz vom 29. Juni 1917: "Mittwoch, den 27. Juni, ist die Mittelglocke unserer Kirche zerschlagen worden, und am Donnerstag früh sind die Trümmer der Glocke an der Sammelstelle abgeliefert worden. Die Glocke ist 1887 gegossen. Ihr Mantel trug als Schmuck einen Christuskopf. Ueber dem Christuskopf standen die Worte "Deo soli gloria" ("Allein Gott in der Höh' sei Ehr'!"), darunter: "Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig!". Das Zerschlagen der Glocke ist ein Zeichen für den erschütternden Ernst der Zeit. Künftig wird nun bei kleinem Geläute nur noch die Taufglocke geläutet werden. Bei großem Geläute sollen versuchsweise die große Glocke und die Taufglocke zusammen geläutet werden. Passen die beiden Glocken nicht zueinander, dann wird beim großen Geläute in Zukunft die große Glocke allein geläutet werden."  Die große Glocke stammt aus dem Jahre 1543 und zeichnet sich aus durch ihren wunderbaren tiefen und vollen Klang. Außer den drei genannten Glocken ist noch die Bergglocke zu erwähnen, die früher für die Bergleute früh um 3 und 4 Uhr, vormittags um 11 und 12 Uhr und abends um 7 und 8 Uhr geläutet wurde.

Außer der St. Niklaskirche besaß Ehrenfriedersdorf in der katholischen Zeit noch drei Kapellen. Mit Einführung der Reformation verloren diese Kapellen ihre Bedeutung und Daseinsberechtigung. Die Reformation ist hier wahrscheinlich im Jahre 1536 eingeführt worden. Der Pfarrherr von Ehrenfriedersdorf hatte neben der Gemeinde Ehrenfriedersdorf selbst noch das benachbarte Gut und Dorf Schönfeld zu besorgen. Bis zum Jahre 1872 arbeitete in der Parochie Ehrenfriedersdorf neben dem Pfarrer noch ein Diakon, der eine zeitlang zugleich Rektor der Schule war.

Ueber die Schule von Ehrenfriedersdorf kann nicht allzu viel erzählt werden. Regelmäßige Schulakten sind erst von dem Jahre 1879 an geführt worden. Doch es ist anzunehmen, daß eine Schule auch schon vor Einführung der Reformation hier bestanden hat. Die Ansehnlichkeit Ehrenfriedersdorfs in jener Zeit berechtigt zu dieser Annahme. Bis 1846 hat Ehrenfriedersdorf zwei Schulhäuser, eine Knaben- und eine Mädchenschule. Die Knabenschule stand in der Nähe der Kirche, die Mädchenschule in der Rathausstraße. Am 9. Juni 1845 wurde der Grundstein zu einem neuen schulgebäude gelegt. Am 27. August 1846 konnte die Weihe dieses neuen Hauses vorgenommen werden. Ein zweiter Neubau wurde vorgenommen in den Jahren 1895—97. Dieses Gebäude, das weit mehr Räumlichkeiten aufweist als die früheren, ist noch heute in Benutzung.

Die Einwohnerzahl von Ehrenfriedersdorf betrug — um für ihr stetes Anwachsen nur einige Beispiele anzuführen — im Jahre 1795 ungefähr 1000 Personen, 1849 bereits 2351, 35 Jahre später schon 3410, 1880 3566, 5 Jahre später 4370, wiederum 5 Jahre später 4599, Ende September 1899 5515; gegenwärtig dürfte Ehrenfriedersdorf nahezu 5800 Einwohner haben.

Der Bergbau liegt schon lange still, da sich die Grabungen nicht mehr lohnen. Aus der Bergstadt Ehrenfriedersdorf ist eine Industriestadt geworden. Vor allem werden Schuhware und Posamenten hergestellt. Ehrenfriedersdorf ist, in einer Höhe von 533 Meter gelegen (Marktplatz), ein freundliches, von Fremden gerne aufgesuchtes Städtchen. Namentlich der herrliche Wald um die Greifensteine bietet manche Schönheit und bringt für viele ersehnte Erholung.

Noch heutigen Tages finden sich in Ehrenfriedersdorf alte Sitten und Gebräuche, so namentlich die für Ehrenfriedersdorf eigenen Christ- oder Bergmetten zur Weihnachtszeit, und Vereine und Organisationen, wie etwa die Berggrabebrüderschaft, die Schnitzvereinigung, die alte Weihnachtskrippen- und Pyramidenvolkskunst pflegt, u. a., die alle an die Vergangenheit der Stadt erinnern und in denen die alte Geschichte sichtbar weiterlebt. Möge unsere schöne alte Bergstadt am Sauberg wie bisher auch weiterhin blühen und gedeihen, und möge niemals Gottes Segen von ihr weichen, auf daß bei allen kleinen Nöten und Drangsalen dennoch gesagt werden kann, wie es in einem kleinen Liedchen heißt, das man zu Beginn des 18. Jahrhunderts hier kannte:

"... Dennoch hat der höchste Gott
mit seinem Schutz und Wort
hilfreich uns beigestanden. Gott sei Dank!"

Ehrenfriedersdorf.
Ehrenfriedersdorf.
Blick von der Kirche nach der Stadt und dem Steinbüschel. (Photo: Heinrich Wagner, Ehrenfriedersdorf.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 25, 18. Juni 1933, S. 1

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