Die amtliche deutsche Rechenklunst im Mittelalter (2). - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die amtliche deutsche Rechenklunst im Mittelalter (2).

1927 > Nr. 17/1927
Von Walter Schellhas-Dresden.
(Fortsetzung und Schluß.)
Das Rechnen "auf den Linien" das gar kein schriftliches Rechnen, sondern nur ein Ablesen war, war ziemlich umständlich, aber nicht besonders schwierig; denn man brauchte ja immer nur bis 5 (Finger einer Hand) zu zählen und die Zifferschrift in Markenbilder und umgekehrt zu übertragen. Für diese Rechenkunst, bei der fleißige Uebung zu großer Schnelligkeit und Sicherheit führen konnte, galt also besonders das alte Sprichwort: "Probieren geht über Studieren." Wenn auf Grund der vielen Rechenfehler, die den damaligen Rechnern in ihren Rechnungen nachgewiesen worden sind, jetzt von manchen Forschern der Methode der Vorwurf der Ungenauigkeit und Unzuverlässigkeit gemacht wird, so ist dies entschieden falsch. Dieser Vorwurf ist vielmehr der ungenauen und sorglosen Arbeitsweise jener Rechner zu machen, die entweder die Zahlen falsch aus den Büchern auf das Rechenbrett übertragen oder die Resultate dort falsch abgelesen haben. So bleibt als einziger Mangel des Rechnens "auf den Linien" die Langwierigkeit der Verrechnung (besonders größerer Zahlenreihen) übrig. Dafür bot aber diese Methode des Rechnens außer der geringen geistigen Anstrengung noch einen anderen großen Vorteil, der sie veranlaßte, an ihr noch lange festzuhalten, als das Rechnen "auf der Feder" (Rechnen mit indoarabischen Ziffern mit Stellungswert) bereits mehr bekannt geworden war. Dieser Vorteil war die große Anschaulichkeit des Rechnens "auf den Linien". Ohne ihren Geist mit schwierigen schriftlichen Nachrechnungen belasten zu müssen, konnten eine große Anzahl um das Rechenbrett versammelter Personen der Operation eines Rechners prüfend beiwohnen. Dieser entnahm seiner Unterlage, z. B. einer Stadtrechnung, das dort in krauser Unordnung und Unübersichtlichkeit verzeichnete Zahlenmaterial und "legte" es vor den Augen der Versammelten auf dem Rechenbrett. (Der noch heute im Sinne "Rechenschaft geben" gebräuchliche Ausdruck "Rechnung legen" rührt tatsächlich von dem Hinlegen der Rechenpfennige als Zählkörper auf das Rechenbrett her.) Der Gebrauch der Rechenbretter und Rechenpfennige im amtlichen Verkehr ist uns in den Quellen zur Verwaltungsgeschichte des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit (Stadtrechnungen, Ratsprotokolle usw.) vielfach bezeugt (z. B. für Augsburg, Göttingen, Rothenburg, Bern, Basel, Frankfurt a. Main, Nürnberg, Kassel, Straßburg, Hildesheim, Dresden, Leipzig, Annaberg u. a.). —

Während ein Rechenbrett oder -tuch in Freiberg ebenso wie in anderen deutschen Städten bis jetzt noch nicht aufgefunden worden ist, sind Rechenpfennige des 16. Jahrhunderts in Freiberg mehrfach vorhanden. Aus den auf ihnen angebrachten Zeichen des letzten Freiberger Münzmeisters Andreas Allnpeck (Adlerhals oder -kopf über dem Helm) ist wohl mit Recht zu schließen, daß sie in der Freiberger Münze (1556 nach Dresden verlegt) geprägt worden sind.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 17 v. 1. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 17, 1. Mai 1927, S. 5

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