Wer rettete am 20. August 1632 Annaberg vor Plünderung? - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Wer rettete am 20. August 1632 Annaberg vor Plünderung?

1932 > 1932-34

Richtigstellung eines alten ortsgeschichtlichen Irrtums.

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt man und hält teilweise auch heute noch die Gräfin Sidonie von Hassenstein für die Retterin Annabergs vor der Plünderung, die Holck am 20. August 1632 (also vor jetzt 300 Jahren) plante. Daß hier aber eine Personenverwechselung vorliegt, hat einer unserer besten Ortsgeschichtskenner, der verstorbene Dr. Max Wünschmann, durch umfangreiche (leider nicht in Druck bekannt gewordene) Studien in böhmischen Archiven und ziemlich gleichzeitig Lic. Dr. Bönhoff durch Veröffentlichung der handschriftlichen "Erzgebirgischen Kriegschronik" von Mag. Chr. Lehmann (Mitteilungen d. Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgegend, 4. Bd., S. 47 flg.) mit Sicherheit festgestellt; denn jene Fürbitterin war zweifellos die gleichzeitig hier lebende Gräfin Elisabeth Schlick von Hauenstein. Der als zuverlässig bekannte Zeitgenosse Mag. Chr. Lehmann schreibt:

"General Holcke hatte schon von Mittweida (bei Schwarzenberg) aus Boten und gefangene Bauern mit Briefen nach Annaberg abgeschickt und Anordnung des Proviants wegen bei ihnen gesucht. Die Bauern waren entlaufen und hatten die Briefe weggeworfen, nur ein Schuster von Schwarzenberg, namens Herzog, war mit einem Schutzbrief (Salvaguardie) eingekommen. Der brachte die Post und erschreckte die ganze Stadt, daß sie (die Leute) ihre besten Mobilien meist in die Kirche und die Schächte schafften, auch sind in die 250 Menschen, darunter der Spitalprediger und Stadtkantor Falkenhagen gewesen, in einen Stollen am Wolfstein gekrochen; die übrigen wußten nicht, was sie thun sollten, weil der Kern von der Bürgerschaft mit ihrem Gewehr noch an der Grenzwache standen, und nicht daheim waren, und als der General die Stadt vom Schottenberg aus anblasen (d. h. beschießen) ließ und vom Rat die Uebergabe der Stadt forderte, schickte der Rat ihm erstlich entgegen die Wohlgeborene Frau Elisabeth Schlickin, Burggräfin zu Passau etc., eine böhmische Exulantin, die sich jetzt in der Stadt aufhielt. Diese bat für die (am 19.11.1630) abgebrannte Stadt, welche er gar höflich empfing und sich ihr gegenüber zu allem Guten erbot, bis Ein Ehrenvester Rat kam und vor dem Buchholzer Tore mit Uebergabe und Ablieferung der Schlüssel um Schutz und Gnade bat. Damit kommandierte er die Regimenter um die Stadt her, besetzte die Tore und verbot der Wache, keinen Croaten in die Stadt zu lassen, gab Salvaguardien auf Geyer, Tannenberg, Königswalde usw. auf Wunsch auch denen, die sie begehrten; nahm gar höflichen Abschied von der Gräfin und logirte bei einem Bürger, ließ am 21. August durch Fürbitte der Bürger mit seinem eigenen Trompeter die Leute aus dem Stollen in die Stadt geleiten. "Denn sie sind nicht sicher an solchen Orten", sagte der General, "meine Croaten haben bei Schneeberg Feuer in die Schächte geworfen, daß die Leute erstickt sind." Der General blieb 3 Tage lang in der Stadt liegen mit etlichen Kompanien zu Roß und zu Fuß, ließ sich mit 500 Reichstalern zur discretion begnügen, seine Auslösung aber kostete über 3000 Tlr. Seine Armada ließ er die Stadt vorbeimarschieren 26 Stunden lang, in die Dörfer umher einlogiren. Die hielten schrecklich über Haus, zertraten das Getreide und machten Straßen durch die Aecker. Die Marketender kauften Brot, Bier usw. auf, führten es weg; das Vieh wurde geraubt, geschlachtet u. das Fleisch verkauft. Da war Not und Mangel, Zittern und Zagen in der Stadt."

Soweit Mag. Chr. Lehmann.

Die Verwechselung der beiden böhmischen Exulantinnen in dieser Angelegenheit dürfte auf einer Ungenauigkeit im Originalmanuskript (im Ratsarchiv) der Mag. Gottfr. Arnoldschen Ortschronik beruhen, die erst 1812 bei L. W. Hasper in Annaberg im Abdruck erschien.

-cj.-


125. Jahrgang, Nr. 34, 21. August 1932
Druck und Verlag: Felix Thallwitz i. Fa. C. O. Schreiber. Verantwortlich für die Schriftleitung: Willy Thallwitz, Annaberg.


INHALT:

  • Wer rettete am 20. August 1632 Annaberg vor Plünderung?

  • Sprung in die Nacht (Roman, 12)

  • Der Meeresboden - ein Ausflugsziel

  • Aktueller Zeitbilder-Dienst

  • Bilder aus dem Obererzgebirge



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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 125. Jahrgang, Nr. 34, 21. August 1932, S. 1

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