Der Annaberger Kornblumentag von 1913. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Der Annaberger Kornblumentag von 1913.

1934 > 1934-08

Der vergangene 26. Januar 1934, der im ganzen deutschen Vaterland unter dem Zeichen der blauen Kornblume stand und an dem durch den Verkauf derselben als Ansteckzeichen zum Besten der notleidenden Volksgenossen jenseits der Reichsgrenzen der Volksbund für das Deutschtum im Ausland sich in die gewaltige Front des Winterhilfswerkes eingliederte, weckte die Erinnerung an den großen Annaberger Kornblumentag am 31. August 1913.


Der Kornblumentag vor 20 Jahren galt einem Hilfswerk für die Veteranen der Kriege von 1866 und 1870/71, an dem sich die Bevölkerung des Obererzgebirges mit größter Opferwilligkeit beteiligte. Es war fast wie ein geheimnisvolles hnen, daß man in so einmütiger Geschlossenheit den alten Kriegern den Dank des Volkes abstattete; — — denn ein Jahr später sah der Ausbruch des Weltkrieges Deutschlands Söhne im Kampfe gegen eine Welt von Feinden.


Lassen wir einmal die Bilder jenes Kornblumentages im Geiste an uns vorüberziehen!


Am Vorabend, am 30. August, fand in der Festhalle ein groß angelegter und stark besuchter Kommers statt, in dessen Mittelpunkt die Aufführung des Festspieles "Theodor Körner" durch den Dramatischen Verein "Hamlet" unter Mitwirkung des Männergesangvereins "Liederkranz" stand. Zweck und Ziel des Kornblumentages waren in einem sinnigen Prolog zum Ausdruck gebracht worden, der begeisterte Zustimmung fand.


Am Sonntag, den 31. August 1913, in aller Frühe nahmen 170 Blumenverkäuferinnen ihre Tätigkeit auf. In kleidsamem Weiß mit den weißgrünen Körbchen und den Sammelbüchsen von ebensolcher Farbe boten die Schülerinnen der damaligen Höheren sowie I. und II. Bürgerschule ein ansprechendes Bild im Annaberger Straßenleben. "Ansprechend" waren die 170 Töchter unserer Stadt im wahrsten Sinne des Wortes; denn ihr fleißiges Ansprechen der Straßenpassanten hatte zur Folge, daß bereits am zeitigen Nachmittag alle Kornblumen ausverkauft waren.

Die Feier am Kriegerdenkmal.
Die Predigt von Pfarrer Pflugbeil in der St. Annenkirche stand ganz unter dem Zeichen des Tages. Vor dem Gottesdienste waren das Offizierskorps des Landwehrbezirks, sämtliche Militärvereine mit Fahnen sowie die städtischen Kollegien nach dem Kriegerdenkmal marschiert. Nach Absingen des Niederländischen Dankgebetes und nach einer Ansprache des seinerzeitigen Bezirksvorsitzenden der Kriegervereine, Max Stöhr, wurden von den Gewehrabteilungen drei Ehrensalven zum Gedenken der Gefallenen abgefeuert.

Nachmittags stellte man zu einem Festzug, der sich vom Bismarckdenkmal durch die Kaiser-Wilhelm- und Buchholzer Straße, Maekt, Wolkensteiner, Geyersdorfer und Hospitalstraße sowie am Schutzteich vorbei die vormalige Große Kirchgasse (jetzt Adolf-Hitler-Straße) hinab wieder zum Marktplatz bewegte. In dem Zuge, an dem sich die Ortsvereine, Innungen und Schulen beteiligten, sah man in Viererreihen die Blumenverkäuferinnen, eine Reihe von Festwagen und als Sensation einige blumengeschmückte Automobile. Von Frohnau war ein Festwagen mit Bergleuten geschickt worden.

Ein Glanzpunkt des Tages war sodann das äußerst interessante und recht abwechslungsreiche Marktfest. In der Marktecke gegenüber dem T. A. W. hatte man ein riesiges Podium errichtet, auf dem sich nach den flotten Weisen der Annaberger Stadtkapelle die Jugendb im Tanze drehte. Ab und zu wurde die Tanzmusik unterbrochen, wenn zündende vaterländische Lieder erklangen. Bald sangen die Chöre der Höheren und I. Bürgerschule unter Kantor Friedrichs Stabführung das Lied vom freien, deutschen Rhein, bald war es der Mädchenchor der II. Bürgerschule unter Lehmanns oder der Knabenchor unter Möckels Leitung, die köstliche Liedperlen zum Vortrag brachten. Der Sängerchor des Lehrerseminars bot das von Bruno Dost für Chor bearbeitete Methfessel'sche "Der Gott, der Eisen wachsen ließ". Von etwa 100 Schülerinnen der Bürgerschulen wurde auch ein Kornblumenreigen aufgeführt, den die vielen noch bekannte Turnlehrerin Zencker leitete.

Vor dem "Ratskeller" und vor den Hotels "Museum", "Zur Post" und "Wilder Mann" hatte man Tische und Stühle auf den Bürgersteig und den gegenüberliegenden Teil des Marktspiegels gestellt, und man saß hier bei Annaberger "Hell" und "Dunkel" inmitten des frohbewegten Treibens. Gegen die Strahlen der Sonne schützten sich die Damen mit graziös getragenen weißen und rosaen Schirmen, die damals noch sehr in Mode waren, um keine braune Haut zu bekommen; denn als schön galt nur ein zarter, weißer Teint. (
O tempora mutantor!
 — Wie haben sich doch die Zeiten geändert.)
Aufmarsch der Fahnen-Abteilungen auf dem Marktplatz und die Tanzdiele auf dem Markt.
(Photos: A. Meiche, Annaberg.)
Der Annaberger Kornblumentag vom 31. August 1913 wurde beschlossen mit einer prachtvollen Illumination des Marktplatzes. Am Rathaus brannten die Gassterne. Inmitten der Hunderte von Flämmchen erstrahlten der Bergmannsgruß "Glück auf" und das Stadtwappen. An den Marktecken loderten gleich Fackeln die Gaskandelaber. Eine unübersehbare Menschenmenge füllte den Markt und umlagerte die Tanzdiele, auf der man bis spät in die Nacht hinein tanzte, und zwar gute, alte Walzer, Rheinländer und flotte Dreher. Ab und zu wurde auch einmal einer der "neumodischen" Two-Steps riskiert. So nahm dies Fest einen fröhlichen Ausklang, und der Abschluß brachte durch den Verkauf der Kornblumen und Festpostkarten, Einnahme aus der Tanzdiele usw. einen Reingewinn von rund 6000.— Mark. Ein gewiß erfreuliches Ergebnis.

Im Stadtteil Kleinrückerswalde brachte der Tag einen Weckruf der Schlosser'schen Kapelle. Mittags stellten die Ortsvereine zu einem Festzuge, der sich an der Wilischstraße mit dem Annaberger Zuge vereinigte. Am Schutzteich löste man sich wieder von demselben und marschierte hinaus nach dem "Schützenheim", von hier sodann durch das Oberdorf nach dem Lindemannschen, ehemaligen Wildschen Restaurant (jetziger "Bürgergarten").

In Buchholz nahm ein ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt veranstalteter Kornblumentag einen ähnlichen Verlauf wie in Annaberg.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 8 v. 18. Februar 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 8, 18. Februar 1934, S. 5

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