Die Annaberger Pflege zu Beginn des 18. Jahrhunderts - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Annaberger Pflege zu Beginn des 18. Jahrhunderts

1930 > 1930-43

Von Lic. Dr. Bönhoff, Dresden-Friedrichstadt

6. Fortsetzung

17. Kirchfahrt Hermannsdorf

Eingepfarrt waren Dörfel und das schöne Gut Sauwald mit seiner Schäferei, vordem nur ein Gartenhaus, nach den häufigen Wildsauen benamst, die man früher dort antraf, damals aber durch den Ankauf vieler Waldräume sehr erweitert.

Hermannsdorf war ein Freidorf, hatte seinen eigenen Dingstuhl, mit einem erwählten Amtsrichter und etlichen Schöppen besetzt, und ein Gericht (Galgen), das im Walde an der Elterleiner Straße gelegen war. Früher besaß der Ort auch sein eigenes Braurecht; sein Fleisch, Brot und Bier mochte er holen, wo er wollte, und jedweder konnte ungehindert nach ihm handeln. Auch alle Handwerker durften sich daselbst niederlassen. Die Einwohner bedienten sich der Geyerschen Wiesen, die indes mäßiges Futter ergaben, hingegen in hohe Pacht gesetzt waren, namentlich sobald Einquartierung ins Land kam (wie die schwedische unter König Karl XII. s.o.). Die Hermannsdorfer hatten eben bei ihren Gütern wenig Wiesenwachs zur Viehzucht, „wie ich“, so erklärt Magister Karl Gottlob Zeidler, „meines Ortes selbst empfinde“. Das Dorf umfaßte 47 Bauernhöfe, 21 gemeine (gewöhnliche) und 5 freie (Berg-) Häuser nebst einem Pochhause. Die berühmtesten Fundgruben waren: 1. der „Butterfladen“ oder „Schaben“, von seinem Eigenlöhner so benannt, der viel Erz nach Joachimsthal verkaufte, endlich aber wegen Blutschande mit der leiblichen oder der Stieftochter zu Annaberg öffentlich auf dem Markte hingerichtet ward; 2. der „Sonnenwirbel“ und 3. der „Segen Gottes“ unter dem Birkenbüschel, von denen jener an einem Quartale 5640 und mehr Zentner Silber Ausbeute gab, dieser ziemlich Zinn ausschüttete; im Dorfe selbst 4. der „Johannes“ nebst vielen anderen Zechen daselbst. Schade sei es um diese gegend, meint der Pastor, daß sich keine Liebhaber zur Bauung (d. i. Bergbau-Teilhaber) fänden, weil das Gebirge ja „frei-sänftig daläge“ und auch ungemein viel Gänge führe. Auf dem Gute, wo die Kirche steht, war ein „feiner“ Steinbruch im Walde, aber das Gebrochene dauerte weder im Feuer noch in der Arbeit, gab indessen gutes Pflaster und starke Mauern. Zu Hermannsdorf existierte nur ein Pochwerk (s.o.) unten bei der Mühle, das dem Pfarrer gehörte; etliche waren bereits eingegangen und noch wüst herum nebst dem Schutzdeiche, der ihretwegen unten im Dorfe ehemals angelegt worden war.

Hermannsdorf besaß 2 Schänken, obgleich ein jeder Bauer und Häusler selber schänken konnte, ebenso eine schöne, nutzbare Mühle, von der soeben die Rede war, neben der die Gemeinde noch eine andere errichten wollte; allein die ganze Angelegenheit war noch strittig: „sub indice lis est -“ zitiert klassisch der Herr Magister. Im Orte entsprang ein Bach, in dem der Pfarrer seit undenklichen Zeiten gegen einen Jahreszins von ½ Taler ohne Eintrag und Widerrede zu fischen berechtigt war; zur Wässerung des Pfarrgutes durfte er ihn allein benützen. Zwischen Hermannsdorf und Dörfel floß die Zschopau; gegen Elterlein schied es im Walde beim Hochgericht (s.o.) die sogenannte „rote Pfütze“; das Seiffenwässerchen bildete die Rainung zwischen ihm und Tannenberg, dessen Edelmann sich mit den Hermannsdörfer Bauern, den „hiesigen Nachbarn“ in dessen Fischereinutzung zu teilen hatte. Eine Straße führte außerhalb und im Süden des Dorfes von Annaberg nach Schneeberg, durch dasselbe eine zweite von Schlettau nach Geyer, am unteren Ende eine dritte – es war der „Fürstenweg“ – von Augustusburg bis Schlettau, am obern Ende eine vierte, ebenfalls ein „Fürstenweg“, von Zwönitz bis schlettau; von Zwönitz zog sich über die Wiesenräume nach Annaberg und weiter nach Böhmen hinaus die uralte Kärrnerstraße, die beim Gute unterhalb der Pfarre herauskam und bei der Mühle an die Schneeberger Straße stieß.

Im Süden lag der Bergzug des „Knochens“ und auf dem zweiten Gute oberhalb der Pfarre lag auf einem „ziemlichen“ Felsen der „Sommerstein“, in den ältesten Zeiten ein Raubschloß, das mit den anderweitigen zu Tannenberg, Greifenstein und Geyer kolludierte (d. i. in Verbindung stand); man sah damals noch Mauerreste nebst einem in den Fels gehauenen Backofen. Im benachbarten Dörfel zählte man 19 Bauernhöfe einschließlich des Erbgerichts, 3 gemeine und 2 freie (berg-) Häuschen. Im königlichen Holze besaß es einen Steinbruch, mit dem aber nicht viel anzufangen war, weil es nur Tageflöze gab. Ein Pochwerk arbeitete im Orte, das zur Johanneszeche (s.o.) gehörte. Die Nahrung bestand in den beiden Dörfern in Ackerbau, Klöppelei und Holzfällerei; allerdings war der Wald dünn, und der Baumbestand rar geworden, obschon ehemals ringsherum besonders viel Buchen gewachsen waren; denn die Annaberger Bergleute hatten oft solche geholt, und man hatte sie daher die „Hainebüchner“ genannt. – (Bericht vom 19. Juli 1716.)

18. Frohnau

Dieses Dörflein mit seinen 25 schlechten und geringen „Häusergen“ wird ganz kurz in dem Bericht über Annaberg erwähnt, den der Superintendent selber erstattete. Er bleibe hier weiter unberücksichtigt, da er über die Stadt selbst nichts Besonderes bietet. Nur die eine Tatsache sei hervorgehoben, daß sie 1716 neben 340 Brandstätten (!) 560 Häuser innerhalb und 45 außerhalb der Ringmauer aufweisen konnte.


19. Kirchfahrt Buchholz

Auch hier ist der Bericht des Magister Christian Meltzer, den wir schon als „berühmten“ Wolkensteiner kennen lernten, sehr kurz. In dem schriftsässigen Städtlein fanden sich 110 meist kleine Häuser ohne die Kirche, die Pfarre, die Schule, das Rathaus, das Brau- und das Schießhaus, die Totengräberei und das Hospital, das Münzgebäude am Markte, das zum Geleit diente, die 3 Mühlen, von denen jede unter einer anderen Gerichtsbarkeit (1. des Rates, 2. des Bergamtes, daher mit einer Schmelzhütte verbunden, und 3. des Mühlenamtes) stand, und die 6 Zechenhäuslein. – (Bericht vom 22. Mai 1716.)


20. Kirchfahrt Schlettau


Auch Pastor Johann Christoph Schmidt berichtet kurz. Eingepfarrt waren: Walthersdorf und ein Vorwerk, vor alters der kurfürstliche Ochsenstall, damals aber im Besitz von Christoph Rubner.
Schlettau selbst war ein uraltes Bergstädtlein mit einem Schlosse und einer kleinen Mauer. Innerhalb derselben standen 78, vor ihr 8 Häuser; außerdem gab es noch 12 kleine Häusel. 6 Brandstätten, darunter 4 im Städtlein, zählte man. Das königliche Jagdhaus, vordem die Wohnung eines Amtmanns der Herren von Schönburg auf Hassenstein, diente nach der Zeit des Abtes von Grünhain, der die Herrschaft Schlettau an sein Kloster gebracht hatte, dem kurfürstlichen Oberforstmeister im obererzgebirgischen Kreise als Dienstwohnung. Das dazu gehörige Vorwerk hatte Christoph Rudolf v. Carlowitz auf Widerruf vererbt bekommen. Es bestanden 2 Gasthöfe (vor und in der Stadt) und 3 Mühlen. Der Rat hatte die Untergerichte in der Stadt und über das Rubnergut, die Obergerichte, auch in Walthersdorf, das Amt Grünhain. An belegten Fundgruben werden aufgeführt: Der „St. Michael“, die „St. Barbara“, die „Susanna“. Das Gebäude von „Groß Hoffnung“, der sogenannte „Rosenbusch“, lag damals still. Etliche Pochwerke waren im Betriebe. Ein Steinbruch nach Buchholz zu war im Gange. Eine Landstraße führte nach Elterlein und Zwönitz, eine zweite von Johanngeorgenstadt nach Dresden. Durch das Kirchspiel floß die Zschopau, die manchen Bach in sich aufnahm, hier z.B. das fischreiche Rosenbächlein und die rote Pfütze; diese teilte das Stockholz, dessen oberer Teil landesherrlich war, während der untere in den Händen der Stadtgemeinde sich befand. In Walthersdorf standen 25 Bauernhöfe und 6 Häuslein. Man nährte sich von Acker- und Bergbau, sowie von Bierausschroten, aber die hohen Abgaben erdrückten alles. (Bericht vom 27. März 1716.)

(Fortsetzung folgt.)


Nr. 43 v. 19. Oktober 1930

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