Die Annaberger Straßennamen. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Annaberger Straßennamen.

Heimatkundliche Plauderei von Emil Finck.

(Fortsetzung.)

Auch dem Dichter und "Kinderfreunde" Christian Felix Weiße, der am 28. Januar 1726 hier geboren ward und am 16. Dezember 1804 zu Leipzig als Kreissteuereinnehmer gestorben ist, hat seine Vaterstadt Annaberg noch ein anderes Denkmal errichtet in Form einer segensreich fortwirkenden Stiftung zur Erziehung hilfsbedürftiger Kinder.

Der Name "Sidonien-Straße" aber bezieht sich auf die edle Jungfrau Sidonie Gräfin Lobkowitz auf Hassenstein, die nach dem Bericht des Schulrektors M. Arnold die Stadt Annaberg am 20. August 1632 von der Gefahr schwerer Plünderung befreite, als Heinrich Holck im Auftrage ihres Oheims, des Wallenstein, das Erzgebirge brandschatzend durchzog. Sie hat als böhmische Exulantin hier in Annaberg eine kummervolle Zeit durchlebt und liegt in der Hauptkirche begraben. Ihr Grabmal befindet sich daselbst noch jetzt am Ausgange nach dem Oberen Kirchplatze zu. Der erwähnte Bericht in Arnolds Stadtchronik (
Chronicon Annaebergense ... Seite 257 u. f.) ist ein Teil der das Jahr 1632 betreffenden Aufzählung von Kriegsnöten und lautet wörtlich: "Den 20. August Montags Nachmittags, ist der Obriste Feldmarschall, Heinrich Holcke, mit der gantzen Armee, viel 1000 starck zu Roß und Fuß allhier von Schlettaw ankommen, Quartir begehret, hernach etliche Völcker uff die benachbarten Strassen in die 26 Stunden lang ziehen lassen: Welchen die anwesende Fraw Gräffin von Haßenstein, nebens Caspar Schreibern, Rathverwandten, und den Stadtschreiber, am Buchholtzer Thor, entgegen gangen, für die Stadt gebethen, da sich Holcka vor die Plünderung mit 500 Thl. contentiren laßen, jedoch mit etlich Compagnien Reutern und Fußvolck 3 Tage in der Stadt verblieben, da abermahls den Rath und Bürgerschaft über 3000 Thl. uffgangen sind."

Auch dem Gedächtnis dreier Wohltäter, die durch ihren letzten Willen unserer Stadt milde Stiftungen in ansehnlicher Höhe zueigneten und somit einen edlen Gemeinsinn bekundet haben, soll durch die Straßenbenennung für alle Zeiten bewahrt bleiben. So entstanden die Namen: Zürcher-Platz, Bamberg-Straße und Hermann-Straße. Der erwähnte Platz hieß vordem "Neumarkt", in den beiden andern Fällen handelte es sich um neu angelegte Straßenzüge.

Der 1865 hier verstorbene Seidenfärber Philipp Theodor Zürcher hat, da er Kinder nicht hinterließ, den hiesigen Wohltätigkeitsanstalten und Wohlfahrtseinrichtungen letztwillig Zuwendungen im Gesamtbetrag von mehr denn 40000 Mark überwiesen. Davon bestimmte er 30000 Mark zur Herstellung eines neuen Bürgerschulgebäudes. Obwohl ein solcher Bau schon damals dringend notwendig war, ward er erst 1881 in Angriff genommen. Das neue Schulgebäude kam auf den Neumarkt in der Baufluchtlinie der Kleinen Kirchgasse zu stehen, so daß es mit dem älteren ein Ganzes bildet. Der ehemalige Neumarkt war somit wesentlich umgestaltet und vorzugsweise zu einem Schulplatze bestimmt worden. Als solcher konnte er kaum eine geeignetere Bezeichnung finden als die zu Ehren des für die Entwickelung des heimischen Schulwesens so fürsorgend erwiesenen Mannes. Die Namensänderung erfolgte durch stadträtliche Bekanntmachung vom 28. Juli 1883.

Stadtrat Fr. Bamberg

Stadtrat Fr. Bamberg.

Zu gleicher Zeit geschah auch die Ehrung des im Jahre 1877 hier verstorbenen Kaufmanns Johann Martin Friedrich Bamberg durch Benennung des neuen Straßenzuges am untern Hang des "Hüttenberges". Aus dem reichen Nachlaß des Gefeierten sind der Armenverwaltung, den Schulen und dem Hospitakle gleichfalls Stiftungen in Höhe von insgesamt 42000 Mark zugeführt worden.

Der dritte dieser Wohltäter war der im Jahre 1892 verstorbene Organist Johann Nikolaus Hermann. Auch er ist gewillt gewesen, einen beträchtlichen Teil seiner ansehnlichen Hinterlassenschaft der Stadt zuzuwenden, die ihm zur zweiten Heimat geworden war. Die nach ihm benannte Straße ward erst 1897 ausgebaut.

Gleichfalls auf frühere Bewohner der Stadt oder vormalige Besitzer des Geländes beziehen sich die Namen: Karlsplatz, Ferdinandgasse, Am Emilienberg. Die beiden ersteren wurden seit 1879 so genannt. Der dritte Name ist schon lange im Volksmunde gang und gäbe gewesen, aber erst 1894 von amtswegen aufgenommen worden. Der Familienname bleibt in diesen drei Fällen ungenannt und ist auch nicht aktenkundig gemacht worden. Dennoch ließ sich mit ausreichender Sicherheit feststellen, daß die Ferdinandgasse an Bürgermeister Scheibners Schwiegervater, den Kaufmann und Kirchenvorsteher Ferdinand Zumpe, der Karlsplatz aber an den Kaufmann Johann Karl Friedrich Gerhard († 1846) erinnern sollten. Der letztgenannte war wegen seiner schöngeistigen Neigungen und Bestrebungen sehr angesehen, nicht allein bei seinen Mitbürgern, sondern auch auswärts in den hochstrebenden Kreisen schaffender Geister. Er erbaute die sogenannten Gerhard-Häuser an dem ehemals "Töpferplatz" genannten Karlsplatze. Von 1827 - 32 war er Ratsmitglied.

Als "Emilienberg" bezeichnete man ehedem den felsigen Hang oberhalb der Talstraße. Er war früher im Besitz der Buchholzer Familie Hänel und gehörte bis 1871 zum Flurgebiet Kleinrückerswalde. Den Namen legte ihm der Kaufmann Heinrich Hänel bei, der bis 1833 als Posamenten- und Spitzenhändler in Buchholz lebte und dort auch das Amt eines Stadtrates bekleidete. Vom Jahre 1827 an verwandelte er den wüsten Zinnhaldensturz des "Grünen Geschickes" in geschmackvolle Gartenanlagen, die er seiner Gattin (Emilie Auguste Constanze geb. Krumbiegel aus Hermannsdorf) zu Ehren Emilienberg nannte. Demgemäß trägt auch sein Grabstein auf dem Annaberger Friedhofe die Inschrift: "Hier ruhet Eduard Heinrich Hänel aus Buchholz, geboren den 13. Oktober 1790, gestorben den 20. Juli 1855 auf dem Emilienberg bei Annaberg." Der älteste Sohn Emil Heinrich Hänel betrieb von 1845 ab in Annaberg als Kaufmann ein eigenes Posamenten- und Spitzengeschäft. Bemerkenswert ist die Ortsangabe in der Grabschrift, weil sie durchblicken läßt, daß sich die Bewohner des Emilienberges nicht gern zu Kleinrückerswalde rechneten. Tatsächlich waren das Hänelsche Haus am Emilienberg, die Hüttenmühle und die zwei benachbarten Häuser schon vor deren Einverleibung in den Stadtbezirk nach Annaberg gepfarrt.

Es kommt sodann noch eine Reihe von Straßen und Plätzen in Betracht, die Dankbarkeit dazu bestimmt hat, die Namen hochgesehener Bürgermeister und Ratsmitglieder unserer Stadt in ehrendem Gedächtnis zu erhalten. Solche Namen sind Benedikt, Eisenstuck, Glumann, Köselitz, Mende, Mennel oder Mendel, Rubner, Scheibner, Schröter, Voigt.

(Fortsetzung folgt.)


Nr. 17 v. 25. April 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 17, 25. April 1926, S. 6

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