Vom Röhrtrog zum Wasserhahn - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Vom Röhrtrog zum Wasserhahn

Die Geschichte der Annaberger Wasserleitung

Annaberg ist eine der wenigen Gemeinden, die sich selbst in den trockendsten Zeiten einer geregelten und ausgiebigen Wasserversorgung erfreuen darf. Wir haben in der Nachkriegszeit Gassparstunden erlebt, und auch mit der Elektrizität sehr haushalten müssen, aber immer ausreichend Wasser gehabt, wenn auch zu Zeiten einer unsinnigen Wasserverschwendung energisch vorgebeugt werden mußte. Was Wassermangel bedeutet, wissen von den Annabergern der heutigen Generation vielleicht überhaupt nur die Frontkämpfer zu beurteilen, die im Laufe von vier Kriegsjahren auf verschiedenen Kriegsschauplätzen von Wassermangel erzählen können.


Die glänzende Wasserversorgung danken wir aber erst der neueren Zeit, den umfassenden Dispositionen des Rates und der Stadtverordneten, nicht zuletzt aber der Voraussicht des Stadtbauamtes, dessen vielseitiges Arbeitsfeld wir erst unlängst ausführlich würdigten. Früher war es anders.

In den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts (1770/80) lag die Wasserversorgung der Stadt recht im argen. Drei Männer, der Senator Christian Jacob Eisenstuck, der Bürgermeister und Stadtbaumeister Christian Friedrich Benedict und der Bürgermeister Johann August Scheibner, deren Gedächtnis ihrer mannigfachen Verdienste heute noch durch Platz- und Straßenbenennung wachgehalten wird, haben sich auch um die Wasserversorgung der Stadt große Verdienste erworben.

Das von den Quellen innerhalb und außerhalb der Stadt gewonnene Wasser war fließend. Es endete in einer Röhre über einen Trog, in welchem der Ueberfluß aufgenommen wurde. Dadurch ging natürlich viel Wasser verloren. Vom Stadtwasser wurden 1782 etwa 70 öffentliche Tröge und 170 in privatem Besitz gespeist. Die Zuflüsse waren in den Stadtteilen ungleichmäßig verteilt, was sehr viele Unzuträglichkeiten zur Folge hatte.

eisenstuck sagt selbst in einem Bericht unter dem 9. Oktober 1782: "Unsere sämtlichen Hauptwasser sind sechs, welche vom Dorfe Rückerswalde an, oberhalb des Hochgerichts (Galgen), bis an das Ende des Pöhlbergs hinter Geiersdorf durch unsere Vorfahren klüglich gefaßt und zur Stadt geleitet worden sind. Sie haben folgende Benennungen: das kleine Wasser, das große Wasser, das Bärenstollnwasser, das Truschel-Wasser (Drusenstollenwasser), das Beckstollenwasser und das Drei-Tannenwasser."

Nach Eisenstucks weiterer Beschreibung befanden sich das große und das kleine Wasser, welches von Kleinrückerswalde herab kam, in guter Verfassung. Es war von ihm im Sommer 1782 in neue Röhren geleitet worden.

Die übrigen Wasserleitungen befanden sich allerdings in einem mehr als kläglichen Zustande. Das Bärenstollnwasser, früher sehr erhiebig, war durch einen Stollenzusammenbruch kurz hinter dem Schießhausschacht, sehr zurückgegangen. Das Wasser, welches noch aus dem Schacht hervordrang, fiel in den Schacht zurück, weil "das darüber führende Fluther defect war".

Das Truschel-Wasser (Drußenstollnwasser) bestand aus zwei Hauptzuflüssen und drei kleineren Zugängen. Jeder war besonders gefaßt, aber schwer zu unterhalten.

Das Bassin mit Fontaine auf dem Markt,
welches auf der linken Bildhälfte eingezeichnet ist, stand tatsächlich in der Mitte des Marktes. Interessant sind auf diesem Bilde besonders auch die Rathausansicht mit den von Säulen gestützten Balkon, die verschiedenen Eingänge, die Gestalt der Läden und auch der Kandelaber. (Nach einer Lithographie von G. Täubert im Altertumsmuseum zu Annaberg.)
Wassertrog auf der grossen Kirchgasse am Gymnasium,
dem Geburtshaus von Felix Weisse. Der freitreppenförmige Aufgang ist längst verschwunden und die sichtlichen Unebenheiten der Strasse sind planiert und mit Pflaster belegt. Heute befinden sich in diesem Hause die Gewerbeschule, die Landwirtschaftsschule usw. (Nach einer Lithographie von G. Täubert im Altertumsmuseum zu Annaberg.)
Wassertrog auf der Sommerleite
nach einer Zeichnung von Otto Wagner, Maler und Radierer, in Dresden, geb. 1803, gest. 1861. Das Bild stellt den Blick in die Farbgasse dar und ist als Anspielung des Volksmundes: Kinderheim und Stzorchgasse aufgefasst. (Original im Altertumsmuseum.)

Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 13, 28. März 1926, S. 2

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü