Der Annaberger Wochenmarkt einst und jetzt - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Der Annaberger Wochenmarkt einst und jetzt

Wochenmarkt um 1860

Der Wochenmarkt um 1860 nach einer alten Lithographie von Julius Wagner +, Annaberg

In welchem Maße sich der Wochenmarktverkehr auf unserem Marktplatze im Verlaufe der letzten 6-7 Jahrzehnte verändert und erweitert hat, zeigt ein Vergleich unserer heutigen beiden Bilder, deren älteres wohl aus der letzten Hälfte der 1850er Jahre stammen dürfte.

Wochenmarkt am 18. September 1926

Der Wochenmarkt am 18. September 1926 nach einer Photographie von Fritz Hacker, Annaberg

Die Einrichtung des Annaberger Wochenmarktes ist so alt, wie die Stadt selbst. Als der Stadtgründer Herzog Georg der Bärtige im Oktober 1497 nach Annaberg kam belehnte er den neuen Ort am 28. Oktober desselben Jahres mit einem Privilegium, in dem er ihm den Namen einer "Neuen Stadt" am Schreckenberge verlieh und wo es weiter unten heißt:

"Wir haben auch gemelter Newen stat einen freyen wochenmargkt, alle Sonnabent zu halden verordnet vnnd zugelassen, dar Inne sie auch von andern vmbliegenden steten, mergkten oder flecken keyn hynderung haben sollen. Auch von vmbliegenden Dörffern usw."

Der im Bilde veranschaulichte sog. "große Markt" vor dem Rathause hatte im ersten Jahrhundert der Stadt nach den Waren, die dort feilgehalten wurden, mancherlei Namen: Der Fischmarkt für frische und gesalzene Fische; der Naschmarkt für das Obst; der Kräutermarkt für Kräuter, Zwiebeln und andere Zutaten zu den Speisen; der Frauenmarkt für Flachs, Leinwand und Zwirn. Schon damals wurde er stark von Händlern aus dem benachbarten Böhmerland besucht und als am 25. September 1713 wegen der Kriegsläufte die böhmische Grenze militärisch besetzt, jede Grenzüberschreitung sogar mit Todesstrafe bedroht wurde, herrschte infolgedessen in der Stadt und deren Umgebung große Nahrungsmittelnot.

Nach mancherlei verändernden Anordnungen wurde schließlich bestimmt, daß der Wochenmarkt jeden Freitag und Sonnabend auf dem Marktplatze stattfinden solle. Der letztere diente vom 26. Juli 1509 ab auch zur Abhaltung des an diesem Tage der Stadt verliehenen Jahrmarktes (Annenmarkt), zu dem später noch der Frühjahrsmarkt (Lätaremarkt) und der Nikolaus- oder Christmarkt (nur für einheimische Fieranten offen) traten. -

In der Vorkriegszeit nahmen die Verkaufsstände durchschnittlich knapp die Hälfte des 2800 Quadratmeter großen Marktspiegels in Anspruch. Als nach der Inflation unsere Währung stabilisiert worden war, nahm die Verkäuferzahl rasch zu und breitete sich über die ganze zur Verfügung stehende Fläche aus. Im Zeitalter des Automobils bringen die auswärtigen Händler ihre Waren vielfach im Lastkraftwagen heran, der dann gleich als Verkaufsstand dient. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, wo Annaberg eine Markthalle erhält, welche in die städtischen Grundstücke am Markt und den Häuserkomplex des ehemaligen Hotels "Goldene Gans" mit den notwendigen Keller- und Lagerräumen eingebaut werden konnte und die besonders im Winter angenehm empfunden würde.

Das Wasserhäusel auf dem Marktplatze Alt-Annabergs

Am Sonntag, den 26. Februar, und Mittwoch, den 1. März 1699, wurde mit 14 Schlitten und 53 Pferden ein großer Wassertrog für den Marktplatz nach Annaberg gebracht. Jeder einzelne Stein war numeriert, so daß die Aufstellung des Brunnens genau erfolgen konnte. Um den Trog, welcher "sehr teuer" kam und eine prächtige Zierde des Marktes bildete, war eine hohe Stufe von Werkstück, und von dieser aus las der mit einer sprichwörtlich gewordenen großen Klingel (deren eine noch im Altertumsmuseum zu sehen ist) ausgerüstete Rats-Ausrufer die öffentlichen Bekanntmachungen des Stadtrates vor.

Das "Wasserhäusel", wie der Brunnen im Volksmund bald hieß, wurde auch gern von Denunzianten und Unzufriedenen dazu ausersehen, nächtlicherweise ihre Pamphlete, Pasquillen und Schmähbriefe daran zu befestigen. Es stand bis weit in das vorige Jahrhundert hinein an seinem Platze.

Auf dem älteren der beiden Bilder werden uns besonders das früher Arenberger'sche, jetzt Langer'sche Geschäftshaus in seiner ehemaligen Gestalt, das nur wenig veränderte "Hotel zum wilden Mann" und das frühere Geschäftshaus der Firma Rudolph & Dieterici (an dessen Stelle sich seit 1896 der Tränkner-Neubau erhebt), sowie der ehemalige Brunnen in der Marktmitte interessieren.

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Erzgebirgisches sonntagsblatt
Nr. 40 v. 3. Oktober 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 40, 3. Oktober 1926, S. 1 und 5

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