Aus Raschau's Geschichte. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Aus Raschau's Geschichte.

Im stillen Tale fließt ein munt'res Bächlein,
Es kommt von nahen Fichtelberges steiler Wand,
Von trauten Häusern ist es längs umgeben
Und breite Straßen säumen seines Ufers Rand.

Viel Stege überqueren seinen schmalen Rücken,
Darüber einst der Hirt die Herde trieb,
Doch diese Zeit ist längst dahingeschwunden,
Und nur der Name "Hirtbrück" übrig blieb.

Noch früher war das Bächlein breiter, tiefer,
In einem Teiche stockt sein schneller Lauf,
Und langsam trieben fromme Klosterbrüder
Aus Grünhain ihre Rosse her zu Hauf.

Sie glätteten die Rosse in des Teiches Kühle,
Und tummelten sie dann auf grüner Au.
Roß-Aue nannten sie des Tales Senke,
"Raschau" heißt's jetzt, nun wißt ihr es genau.

Und dort, wo jetzt die Döhnelbrück sich wölbet,
War eine Furt, nicht tief, doch wohlbekannt.
Durch sie da zogen ungezählte Scharen
Von Kriegsvolk rüber in das Böhmerland.

Sie kamen meist, mit Schätzen reichbeladen,
Die sie geraubt aus Grünhains Klostergut —
Die Pest verbreitend, raubend, mordend, sengend,
So drangen sie in unser Tal voll Wut.

Die Leute bargen sich in Waldes Dichte
Mit ihrem Vieh und wenigem Gerät,
Und sahen mit Entsetzen, wie auf allen Dächern
Von ihrem lieben Heim der rote Hahn gekräht.
In diesen Strophen hat ein heimischer Dichter die Entwicklung seines Heimatortes kurz skizziert. Der Chronist schreibt ausführlicher und meldet der Nachwelt, daß Raschau, soweit Unterlagen vorhanden sind, zuerst 1236 urkundlich erwähnt wurde, als es unter der Herrschaft des Burggrafen Neidhardt zu Meißen, der zugleich die Herrschaft Hartenstein besaß, stand.

Daß Raschau früher einmal Roßau geheißen haben soll, weil der Abt von Grünhain seine Pferde auf die hiesige Weide treiben ließ, ist geschichtlich nicht erwiesen. Ein bäumendes Pferd im Ortssiegel hält diese Sage in Erinnerung.

Unter ärmlichen Verhältnissen machte die Entwicklung des Ortes geringe Fortschritte. Schwer litt er im 30jährigen Krieg. Aber tapfer wehrten sich die wackeren Hammerschmiede gegen die fremden Kriegsvölker und setzten ihr Leben ein gegen Raub und Brandschatzung.

1680 wurde das Kirchdorf Raschau von der Pest heimgesucht. In kurzer Zeit fielen dieser verheerenden seuche 60 Personen zum Opfer. Auf Wagen und Schubkarren wurden die Toten weggeschafft und in Gärten und Wäldern von ihren Angehörigen eingegraben. Die in den Jahren 1920/21 gefundenen Menschenknochen beim Torfgraben zeugen von dem entsetzlichen Notjahr.

Noch viel schrecklicher trat die im Jahre 1772 herrschende Hungersnot auf. In Raschau und Langenberg, das 1924 einverleibt wurde, starben innerhalb weniger Wochen 160 Personen am Hunger.

1866 standen preußische Truppen als Feind auf Raschauer Flur, und 1870 zogen mit den Sachsen auch zahlreiche Raschauer mit gegen den Erbfeind. Nicht alle kehrten zurück. Ihrem Gedächtnis ist ein Ehrenmal gewidmet.

Das Bauernsdorf Raschau nahm seinen Aufschwung durch Einführung der Industrie, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts hier nach und nach immer mehr ausdehnte. 1887 fand Raschau Anschluß an das Bahnnetz und wurde Station der Strecke Schwarzenberg—Annaberg.
Raschau, Schulgebäude 1884
Raschau, Schulgebäude nach dem Umbau 1924
Die Aufwärtsentwicklung von Raschau zeigen die beiden Aufnahmen des Schulgebäudes. Links sehen wir es, wie es 1884 erbaut worden ist, und rechts nach dem 1924 erfolgten Umbau.
Weltkrieg und Inflation hielten die Weiterentwicklung auf, und heute leidet die 4000 Einwohner zählende Gemeinde wie alle Gemeinwesen unter der Ungunst der Wirtschaftslage. Möchten recht bald auch für das landschaftlich so reizvoll gelegene Raschau bessere Zeiten kommen.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 
Nr. 4 v. 22. Januar 1933

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 4, 22. Januar 1933, S. 1

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