Die Binge bei Geyer - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Binge bei Geyer

1927 > Nr. 23/1927
(M. Liesche-Geyer.)
(Fortsetzung und Schluß.)

Interessant dürfte dem geologisch interessierten Besucher sein, daß das ganze Zinnstockwerk von ca. 19 "Erzzügen" durchsetzt ist, die eine Gruppe von 3 bis 12 "Klüften" zusammenfassen. Diese drücken sich oft eng zusammen, werden nicht selten gegeneinander verschoben, setzen sich aber dann nach kurzer Unterbrechung in alter Richtung wieder fort. Ihre Gangart ist fast ausschließlich weißer Quarz, der fest mit dem anliege3nden Granit verbunden ist. In diesem Zügen nun finden sich an Erzen und besonderen mineralogischen Raritäten Zinnerz und Arsenkies, Wolfram, Molybdänglanz, Eisenkies und Glanzeisenerz vor. Das Zinnerz beschränkt sich aber im Stockwerk nicht allein auf die Züge, es zieht sich auch von diesen auf allen Zerklüftungen des normalen Granits hin, so daß man wohl annehmen kann, daß keine Granitlage des Stockwerks ganz zinnleer sei.
Geyer, "Binge"
Frühere Werksgebäude auf der Binge.
(Photo A. Kemter-Spremberg.)
Und eines weiteren auffallenden Ganges sei gedacht, dessen Aufschlusses man links vom Knauer am sogenannten "Donnerloch" ansichtig wird, des sogenannten "roten Falls". Dieser durch seine Ausfüllungsmasse, Letten und feiges Nebengestein, von den Zwitterzügen auffällig unterscheidbare Gang setzt sich in ganzer Mächtigkeit über den Stockscheider in W. und O. weit in das Schiefergebirge fort. Er ist entschieden jünger als die Zwitterzüge, schneidet sie alle, ohne sie merklich zu verändern. Ihm entstammen wahrscheinlich die großen Quarzblöcke mit eingeschlossenen Schieferfragmenten, die man in großer Menge bis zum Greifenbach hin findet.

So gelangten wir von dem gewaltigen Eindrucke des Bingenkraters zu seiner Geschichte und Veranlassung, die im Erzreichtum begründet ist. Zurückschauend denken wir der Zeit, da während der Eruptionen Bodenerschütterungen und Spalten sich bildeten, in denen gleichzeitig oder später metallhaltige Dämpfe sich entwickelten, die ihr Material beim Erkalten ansetzten und das Nebengestein und die Gangspalten mit Erzen schwängerten und es so dem Bergmann begehrenswert erscheinen ließen. —

Fünf Jahrhunderte lang stieg der Bergmann in die Tiefe, ebensolang war des Städtleins Wohl und Wehe von den neckischen Berggeistern abhängig, die selbst große Männer, einen Schütze, einen Lotter, veranlaßten, ihr Glück im Bergbau zu versuchen, und sie oft schmählich enttäuschten. Nach kurzem Aufflackern vor 20 Jahren ruht nach menschlichem Ermessen die Arbeit für immer. Dem denkenden Wanderer, der schnellebigen Gegenwart bleibt aber die "Binge" ein mahnendes Naturdenkmal, und nur schwer ringt sich der Blick von der Tiefe los und schweift über die Felstrümmer hinüber zu grüner Aue, zu dunklem Wald, zu den Bergen des Gebirgskammes, die aus der Ferne herüberblauen und zu fröhlicher Wanderschaft locken.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 23 v. 12. Juni 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 23, 12. Juni 1927, S. 1

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