Die Binge bei Geyer - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Binge bei Geyer

1927 > Nr. 22/1927
(M. Liesche-Geyer.)

In tiefem Sinnen steht der Wanderer an dem mächtigen Krater des einstigen Zinnstockwerkes auf dem Geyersberge bei der Bergstadt Geyer. Seine Blicke gleiten die verrollten Hänge hinunter in die Tiefe, aus der gigantische Felsen emporstreben und die einstige Höhe des Bergmassivs erraten lassen. Auf luftiger Höhe des einen Felsens grünt kümmerliches Birkengesträuch. Stollenanfänge und ihre Streichrichtung an der glatten Wand geben dem fragenden Wanderer Aufschluß über die Entstehung dieses seltenen Naturdenkmales: Suchende Menschlein trachteten einst den Berggeistern die wohlverwahrten Schätze zu entreißen. Jahrhundertelang litten sie es, bis ihnen endlich die Gier der Menschen, die in ihrer Habsucht die Baue sorgloser stützten und die trennenden Wände schmälerten, zu allgewaltig hervorbrach. Hohnlachend brachen die Geister die schwachen Pfeiler. Mit einem Schlage vernichteten sie jahrhundertealtes Menschenwerk. In wenigen Minuten setzten sie der weiteren Ausbeute ein Ziel für alle Ewigkeit.
Geyer, "Binge"
Die "Binge" zu Geyer.
(Photo: A. Kemter-Spremberg.)
Noch vor zwei Jahrhunderten wölbte sich die Kuppe des Berges in sanftem Anstieg von der Stadt her und in jähem Fall gen Süden über der Arbeitsstätte fleißiger Bergleute, die den Berg schon vor 1377 angingen. Ihre Ausbeute an Zinn war zu Zeiten so groß, daß, wie der Chronist berichtet, "der Gehalt eines Zentners Zinnstein zu 60—70 Pfund Zinngehalt ausfällt". Das lockte denn zu vermehrter Arbeit. So entnehmen wir einer "Übersicht über das Stockwerk", daß in ihm teils von Gewerkschaften, teils von Eigenlöhnern folgende Fundgruben belegt waren: 2 Stollen (Gilnitz und Braußnitz), 30 Fundgruben, 82 Maßen, 19 Wehren nebst 4 Lehen mit 1 Ober-, 1 Unter-, 1 Kunststeiger, 1 Haspelmeister, 11 Doppelhäuern, 6 Lehrhäuern, 3 Zimmerlingen, 11 Knechten, 8 Grubenjungen, 1 Mühlensteiger, 4 Mühlenmeistern, 1 Planarbeiter und 5 Pochjungen. Diese auf so engem Raume immerhin starke Belegschaft, die zu manchen Zeiten noch stärker gewesen zu sein scheint, schuf bei dem durch einige Jahrhunderte währenden Abbau gewaltige Hohlräume, die wegen des dauernd fühlbaren Holzmangels und wohl auch im Vertrauen auf das feste Gefüge des Muttergesteins nur mangelhafte Stützung erfuhren. Hastiger denn je suchte der Bergmann den schwindenden Ertrag günstiger zu gestalten, indem er die ehedem übersehenen dürftigen Gänge verfuhr, so daß allmählich das ganze Stockwerk nur auf wenigen Granitpfeilern ruhte.

Da kroch der Tod durch die Baue. Die granitenen Säulen barsten in einzelnen Teilen des Stockwerks 1704 und warnten so den allzusorglosen Bergmann, der aber unbekümmert seinen Raubbau weitertrieb. Da glitt am 11. Mai 1803 mit furchtbarem Getöse der gesamte übrige Bau an den Kontaktstellen des Granits mit dem Glimmerschiefer in die Tiefe. Der Einbruch verursachte einen Schaden von mehr als 10000 Talern und forderte das Leben zweier Bergleute, die noch heute im Schoße eines Stollens ruhen. Der Nachwelt aber schuf er als mahnendes Zeichen menschlicher Ohnmacht die "Binge", die wenigstens in ihrem jetzigen Zustande zu erhalten ein Gebot der Gegenwart ist.

So hat die jüngste Generation den Wert der Binge als Naturdenkmal erkannt und sucht nach der nicht wegzuleugnenden Verschandelung durch den Steinbruchsbetrieb wenigstens den vorderen Teil mit dem "Knauer" und seinen Stollenresten vor dem Untergang zu bewahren, was ihr in verstehender Zusammenarbeit mit einsichtsvollen Stadtvätern sicher auch gelingen wird.

Vom Greifenstein her mit seinen sieben Granitsäulen und an den im Walde in wilden Trümmern liegenden Granitbrocken vorbei kam der Wanderer zur Binge, deren Granit mit hoher Wahrscheinlichkeit in unterirdischem Zusammenhang mit dem Greifenstein- und Ziegelsberggranit steht. Überdeckt ist der Zusammenhang mit dem Urgestein der Gegend, dem Glimmerschiefer, der sich durch den hervorbrechenden Granit recht vielfache Umwandlungen gefallen lassen mußte. So umgibt den Granitkegel des Zinnstockwerkes mantelförmig eine eigentümliche, großkristallinische, riesengranitartige Masse, der Stockscheider, der mit dem Glimmerschiefer im Schmelzprozeß fest verwachsen erscheint, sich aber dennoch scharf von ihm abhebt. Er ist durchsetzt mit größeren Kristallen von Feldspat, kleineren Glimmerblättchen und zuweilen mit körnigem Quarz, erscheint also als eine durch besonderen Texturzustand und durch bestimmte Verbreitung charakterisierte Granitabwandlung, nicht als ein selbständiges Gebilde.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt  Nr. 22 v. 5. Juni 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 22, 5. Juni 1927, S. 1

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