Blitze auf St. Annen. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Blitze auf St. Annen.

1934 > 1934-44
Erzgebirgische Skizze von O. Th. Stein.

"Ist unsere Stadtkirche nicht ein herrliches Werk?" fragte der junge Maurermeister Schreiter den vornehm gekleideten Gast aus der Landeshauptstadt.

"Sie haben recht", gab der sinnend zurück und seine Blicke schweiften her und hin über den trotzig schönen alten Bau. "Es ist wie ein reisiger Kampf der Jugend gegen eine erstarrte Tradition, den deutsche Meister der Baugestaltung hier ausgefochten haben. So recht aus seiner Zeit heraus, aus dem Geiste deutscher Kunst ist St. Annen geboren. Und wie für die Jahrhunderte fest und wehrhaft steht es da. Als ein trotziges Kind eines Zwistes der Geister, Rauheit des Gebirges, Wildheit des Bergwaldes widerspiegelnd. Sie haben sich allerdings auch noch rechte Zeit genommen, die alten Meister, zu dieser Arbeit. Und darum wards auch was Rechtes."

"Jawohl, kein Werk aus einem Guß, weil so Viele nacheinander daran schufen. Und dennoch eines mit seinen himmelansteigenden Mauern, der kühnen Spannung seiner Gewölbe und der reichen Pracht seines Bilderschmucks. Ja, damals gab es noch eine deutsche Kunst einheitlicher Prägung. Heute aber —", Schreiter seufzte leise.

"Wieder richtig!" nickte der Gast und ein freundlicher Blick streifte seinen jungen Führer, "eine einige, klare deutsche Kunstrichtung haben wir wohl nicht. Und haben sie doch. Wirklich deutsche Art kann einmal darin sich nicht spalten, auch wenn sie in schwächliche Nachahmung fällt. Aber wo ist der Bergaltar? Den möchte ich besonders gern sehen. Habe viel von ihm gehört und gelesen."

Sie schritten der Kirche zu und traten in ihr machtvolles, wuchtiges Schiff ein. Seine breite, feierliche, ernste Raumgestaltung ließ sie Beide gleichzeitig den Hut abziehen und in ehrfürchtiges Schweigen sinken.

Schreiter ging vorsichtigen leisen Schrittes voran.

"Unendlich Vieles und Bedeutsames ist hier zu sehen", flüsterte er dem Herrn Hofbaumeister zu, der auf einer Dienstreise, nach ihm noch unbekannten Vorbildern der Vergangenheit lechzend, die alte Bergstadt Annaberg aufgesucht hatte, "hier der gewaltige Hauptaltar. Da oben am Sims die Putten; sind sie nicht echte deutsche Kindergesichter, fröhlich, kraftvoll, garnicht weichlich, wie italienische Putten oft sind? Dann die schöne Tür und der Taufstein, kühne, meisterliche Bildnereien jener Zeit. Ach, Herr Hofbaumeister, warum ist uns nicht gegeben, in jenen Tagen mit ihren Menschen zu schaffen?"

"Nur Mut, junger Freund!" lächelte der vornehme Mann, "auch Sie wird das Leben noch vor Aufgaben stellen, die Ihnen anderes zu sagen haben, als die schlichten Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude, die man Ihnen jetzt zu schaffen gibt!"

"Hier in Annaberg? Wohl schwerlich! Der Bergsegen ist in alle Winde zerstoben. Die neue Zeit ist arm, auch im Geiste und in den Herzen. Nicht so sehr freilich wie anderwärts, aber doch nur noch ein Schatten dessen, was Annaberg einst bedeutete. Und ich habe mich ja auch abgefunden, weil meine Liebe nun einmal meiner Heimatstadt gehört. Jetzt freilich, wo ein Brausen der Freiheit durch die Welt geht und der Kampf gegen den Korsen begonnen hat — fast möchte ich mir da etwas Anderes wünschen —". Das klang träumerisch versonnen und doch voll fröhlicher Ahnung.

Er brach ab. Wandte sich wieder dem Gaste zu:

"Ja, und da drüben wäre der Bwergaltar. Sein Schöpfer ist unbekaannt. In allem spürt man in dem Gesamtbau das Herzklopfen einer nach Verinnerlichung strebenden Zeit, die erst in der Reformation ihre Befriedigung fand."

Der Fremde nickte, schwieg und schaute.

Schreiter sagte noch mancherlei von dem zugleich herrlichen und sonderbaren Werke. Aber noch standen sie an seiner Vorderseite, die eine Darstellung des Weihnachtsevangeliums in rein biblischem Sinne zeigt.

Plötzlich fragte der Hofrat: "Ja, warum heißt er denn eigentlich "Bergaltar".

Der junge Maurermeister wies dem Gaste nun die Rückseite mit dem seltsamen Bilde vom Annaberger Bergbau und seiner Entstehung. Fügte seiner Erklärung nun an:

"St. Annen sollte nicht allein Predigtraum, Feierstätte sein. Die Gewerken wollten ein Haus der Gemeinde daraus machen, den vornehmsten und umfassendsten Versammlungsort der Bürger, Ackerbauer und besonders der Bergleute. Und das spricht sich, wie in der ganzen Wuchtigkeit des Baues, so besonders im Bergaltar aus."

"Hm," nickte der Residenzler nun ganz versunken.

Endlich löste er sich von der Bilderschau, wandte sich an Schreiter und ergriff ihn am Arme:

"Und nun können wir draußen noch ein wenig plaudern. Wollen Sie mein Gast sein bei Tische?"

Sie speisten im Gasthof. Leerten etliche Flaschen miteinander und spraxhen noch manches begeisterte Wort von der alten Kultur der "Neustadt am Schreckenberg", wie der Gründer Annaberg zuerst genannt hat. Spät abends schieden sie erst.

Es kam die erste Feriennacht des Hofrats in der Bergstadt. Aber der Schlaf wollte ihn nicht lösen von den Eindrücken des Tages, und der Sturm der Erzgebirgshöhen war zudem recht lebendig, toste wild um seine Fensterscheiben und ließ sie heftig klappern.

Und dann brach gar noch gegen Morgen ein arges Gewitter los. Unausgekleidet stand der Hofrat am Fenster und sah in das Feuersprühen des Himmels hinein. Vor ihm reckte sich wie eine dunkle Riesenfaust der St. Annen-Turm in den Nachthimmel. Immer wieder grell beleuchtet vom Lichte der zuckenden Blitze.

Plötzlich war es ihm, als treffe ein sausendes Feuer den Turmhelm, fliße an ihm herab und versprühe in Einzelfunken nach allen Seiten. Und noch zweimal dasselbe Schauspiel.

Aber es war wohl nur eine Augentäuschung gewesen. Der Hofrat zuckte zusammen. Mit wildem Dröhnen hallten die klangstarken Glocken von St. Annen über die Stadt. Und schon hörte er auch das dumpfe Brüllen des Feuerhorns vom Ratsturme. Ein Blick hinaus: der Turm von St. Annen brannte lichterloh und über das Dach herab troff das glühende Erz der schmelzenden Glocken. Feuer und Sturm hatten die Glocken selbst bewegt. Die Flammen läuteten die Stadt wach.

Die drei fressenden Blitze hatten wirklich getroffen und gezündet.

Bald war der Fremde auf dem Kirchplatz. Drängte sich durch die Volksmenge.

Die Lohe leckte bereits aus dem Glockenstuhl zum hochgewalmten Kirchdach hinüber. Kein Spritzenstrahl reichte hinauf, keine Leiter war am Kirchendache anzulegen. Die Treppe zum Kirchenboden brannte. Von da aus war auch keine Rettung zu bringen.

Des Hofrats junger Führer befand sich unter den Löschenden. Er achtete jetzt des Gastes gar nicht. In fieberhafter Eile ließ er Feuerleitern auf das breite, hohe Orgelchor tragen und dort zusammenbinden.

Ein tastendes Schwingen der Verbundenen nach der Gewölbedecke. Es reicht nicht!

Noch eine Leiter mit dicken Stricken daraqn. Das schwankende Ganze nochmals aufgerichtet!

Es findet Halt an einem schweren Kronleuchter. Schwingt zwar stark hin und her, hält aber.

Maurermeister Schreiter klettert todesverachtend hinauf. Schlägt mit einer Spitzhacke das dünne Gewölbe ein. Ist gleich darauf, mit Seilrollen bepackt, im Dachboden verschwunden.

Bald saußen aus zwei Bodenfenstern Seile herab. Spritzenschläuche gleiten an ihnen hinauf. Die Leute unten beginnen nun aus Leibeskräften zu pumpen.

Der Strahl rauscht vom Dach aus an alles schon schwelende Gebälk. Führt dann unermüdlich gegen den Glockenstuhl, bis der Brand endlich gelöscht und die Gefahr abgewendet ist.

Auf demselben gefährlichen Wege müssen die Retter zurück.

Unten sagt eben der Dresdner Hofrat zu dem weißhaarigen Bürgermeister: "Wäre ein Mann für Sie, wenn Sie einen Stadtbaumeister brauchten, der Herr Schreiter! Werd's an allerhöchster Stelle berichten, diese seine wirkliche Heldentat. Und Sie werden ja selbst ihm auch danken wollen."

Der Bürgermeister nickte freudig zustimmend.
Turmbrand von St. Annen am 13. März 1813.
Der Turmbrand von St. Annen am 13. März 1813.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 44 v. 28. Oktober 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 44, 28. Oktober 1934, S. 1

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