Aus der Chronik der Riesenburg. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Aus der Chronik der Riesenburg.

1929 > 1929-02

(3. Fortsetzung. -> Anfang -> 1. Forts. -> 2. Forts.)

Der Brand von 1877 und die Vernichtung der alten Sammlungen und Dokumente.

Nachdem nach dem Westfälischen Frieden (1648), der den schrecklichen dreißigjährigen Krieg beendete, die Riesenburg wieder aufgebaut worden war, jedoch ohne das alte Adam Ries-Herrenhaus, dessen Ruine man stehen ließ, sollte 1877 ein weiteres Schicksalsjahr sein.

Die Riesenburg im Jahre 1886

Die Riesenburg im Jahre 1886.
Der Turm wurde vor einigen Jahren abgetragen, ebenso hat man die Dachverzierungen schweizerischer Art entfernt, die ursprünglich vorhanden waren. Das Gut liegt dicht am "Humpel" an der Annaberger Flurgrenze, gehört aber politisch zur Gemeinde Wiesa und trägt die Ortsl.-Nr. 128, während die Postbestellung von Annaberg aus geschieht.

Es war am 17. August 1877, als ein schweres Gewitter heraufzog. Kurz vor 12 Uhr mittags schlug ein Blitz in die neben dem Riesenburg-Gut stehende große Eiche. Von dort sprang er auf das Strohdach der nach der Annaberger Seite zu gelegenen Stallungen über. Im Nu stand dieses in hellen Flammen, die nunmehr im nächsten Augenblick auch schon auf das Wohngebäude, Kuhstall und Scheune übergegriffen hatten. Bei der Abgelegenheit des Anwesens war es klar, daß jede Hilfe zu spät kam. Die Annaberger Landspritze, die Feuerwehren von Wiesa und von Geyersdorf vermochten nichts mehr gegen das rasende Element auszurichten, obwohl genügend Wasser in den Teichen vorhanden war.

Das "T. A. W." berichtete seinerzeit wie folgt:

"Bei dem am 17. August mittags hier angetroffenen Gewitter schlug der Blitz in das Stammgut unseres berühmten Rechenmeisters Adam Ries, jetzt Fiedler gehörig. Der Blitz war so intensiv, daß sofort sämtliche Gebäude in Flammen standen und der Eigentümer außer dem Viehbestande nur sehr wenig retten konnte."

Das Feuer griff mit so rasender Geschwindigkeit um sich, daß der damalige Riesenburg-Besitzer Carl Christian Fiedler mit seinem Sohn Carl Alwin und den Dienstleuten nur das nackte Leben retten konnte. Mit Hilfe herbeieilender Gutsnachbarn (Seifert-Gut, Rotes Gut, Stechgut, Chausseehaus an der Wiesenbader Straße) vermochte man sämtliches Großvieh aus den Ställen zu bringen. Lediglich einige Tauben und Hühner verbrannten. An Mobiliar konnte so gut wie nichts den Flammen entrissen werden, bis auf zwei wertvolle Decken, die man heute noch als alte erbstücke aufbewahrt.

Mochten aber Möbel und Wäsche, Korn und Futter verbrennen, alles war zu ersetzen. Unersetzlich aber blieb für alle Zeit, was in der dreifenstrigen "historischen" Stube im Obergeschoß, sowie in dem anstoßenden Geheimkabinett des Riesenburg-Besitzers vernichtet wurde. Die Werte gingen in die Zehntausende. Der Realgymnasialoberlehrer Julius Ruhsam aus Annaberg, ein besonderer Freund Fiedlers, schätzte allein die naturkundliche Sammlung (Vögel, ausgestopfte Tiere und eier) auf runf 10 000 Goldmark.

Die genannte Stube enthielt folgendes: Neben seltenen Möbelstücken (Truhe, Wiege, Bett etc.), die noch aus dem alten Adam Ries-Herrenhaus stammen sollten, waren es vor allem die kostbaren Sammlungen, die den besonderen Reichtum der Riesenburg bis 1877 ausmachten. So fiel vor allem in dem geräumigen Zimmer ein großer Glasschrank von etwa 2 m Breite auf, der über und über voll war von Vögeln aller Art, wie sie die engere Heimat beherbergt. Auf Brettchen waren all die Tiere fein säuberlich geordnet, von dem Zaunkönig an bis hinauf zum Pfau. Diese Vögel waren von Carl Alwin Fiedler mit erlesener Kunst selbst ausgestopft worden. In Schubladen befanden sich Eisersammlungen und seltene Insekten. Auf großen Tafeln lagen Hunderte von alten Münzen aller Zeiten, seltene Steine, Erzstücke usw. ausgebreitet. Auf breiten Konsolen standen ausgestopfte Füchse, Marder, Wiesel, Hasen usw. Weiter befanden sich in großen Truhen wertvolle Zinnsachen, alte Bücher und Bilder. Kurzum, es war ein Raritätenkabinett und eine naturwissenschaftliche Sammlung seltener Art.

In dem an die große Stube sich anschließenden kleineren Raum, dem "Geheimzimmer", wie es Fiedler selbst nannte, das er streng gegen die Welt abschloß, muß aber sich augenscheinlich das "Allerheiligste" befunden haben. Nach Berichten der Angehörigen, sowie treuer Gesindepersonen, denen es vergönnt war, einen Blick in dieses Gemach zu werfen, haben sich darin eine Unmenge alter Schriften, Zeichnungen, Pläne und dicker Bücher befunden. Manches alte Schriftstück mag darunter gewesen sein, das die heimatgeschichtlichen Forschungen hätte wesentlich fördern können. Von Personen, die seinerzeit zu den Vertrauten Fiedlers gehörten, wie es z. B. Ruhsam war, wurde bestätigt, daß sich im Familienarchiv der Riesenburgbesitzer u.a. wertvolle Dokumente über Adam Ries, sowie ein Ölbild des großen Rechenmeisters befunden haben.

Unfaßbar erscheint es heutzutage, daß es nicht gelungen ist, diese historischen Schätze, ehe sie der Brand von 1877 vernichtete, für die Nachwelt zu sichern bezw. für ein Museum zu erwerben. Freilich, das Annaberger Altertumsmuseum bestand damals noch nicht, und Emil Finck würde alles daran gesetzt haben, etwas von den Sachen zu erhalten.

Leider kamen die Naturgewalten zuvor, und so zerstörten die Flammen alles bis auf weniges, und dieses "Wenige" sind kümmerliche Reste aus dem einstigen stolzen Familienarchiv der Riesenburg-Fiedler.

Besonders unersetzlich schienen dem letzten Riesenburg-Fiedler 2 große Bücher von der Dicke einer Bibel zu sein, deren Verlust er immer und immer wieder bedauerte, da darin handschriftliche Aufzeichnungen von Adam Ries' Zeiten her enthalten waren. Wie Frau Ernstine Minna Fiedler geb. Schubert, die Witwe Carl Alwin Fiedlers, berichtete, hat ihr seliger Mann oft nach dem Brand ausgerufen: "Alles hat verbrennen können, wenn ich bloß die beiden alten Bücher hätte!" Dies vermag auch der heute noch in Wiesa lebende alte Riesenburg-Kuhhirt Emil Feig neben vielen anderen Personen zu bestätigen.

(Fortsetzung folgt.)


Nr. 2 v. 13. Januar 1929



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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 2, 13. Januar 1929, S. 1

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