Kleine Chursächsische Erinnerungen. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Kleine Chursächsische Erinnerungen.

1934 > 1934-38
Gesammelt von Ernst Alfred Neumann.

Die ungewöhnlichen körperlichen Kräfte Augusts des Starken — er soll bekanntlich Becher, Teller, Schüsseln aus Kupfer, Silber oder Zinn wie Papier zusammengerollt haben — werden darauf zurückgeführt, daß er in seiner Kindheit mit Löwenmilch genährt worden sein soll. Im Geländer der Brühlschen Terrasse zu Dresden, nahe beim Belvedere, wird eine Telle gezeigt, die er mit dem Daumen eingedrückt haben soll; bekannt ist ferner die Sage, daß er einmal einen Trompeter so lange zum Fenster hinausgehalten habe, bis dieser ein Stück geblasen habe.

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1700 erließ August der Starke ein Gesetz, wonach jeder Bräutigam vor seiner Eheschließung 6 Obstbäume und 6 junge Eichen oder Buchen zu setzen habe.

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Von 1601—1700 hat Freyberg an die Dresdener Münze 6242 Centner 10 Pfund, 3 Loth, 2¼ Quentlein, das sins Mark 1373261, 5 Loth, 2½ Quentlein Fein-Silber eingeliefert, von 1701—1734 abermals Mark 1154034, 6 Loth, 2½ Quentlein, daraus wurden geprägt: 12173975 Thaler, 14 Groschen.

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Die ersten Gassenlaternen in Dresden brannten 1705 am 10. November in der Schloßgasse.

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1705 werden von Senator Landsberger die Rats-Porteschaisen in resden eingeführt, denen 1712 die Hof-Portechaisen folgten.

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Als Lips Tullian, das Haupt einer berüchtigten Räuberbande, mit vier seiner Spießgesellen am 8. März 1715 exekutiert wurde, waren anwesend: 20000 Menschen, 124 Kutschen und über 300 Reiter.

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1712—1720 sollen in Annaberg viele Behexungen von Kindern vorgekommen sein, es gab große Auseinandersetzungen darüber für und wider, wodurch, wie es heißt, "die unschuldige Stadt in böses Geschrey kam".

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1715 wurde bei einer Strafe von einem Neuschock Groschen verboten, die Kirchen zu Ostern und Pfingsten mit frischen, leicht verwelklichen Mayen zu schmücken, "da viele Kopfschmerzen bei zärtlichen Personen entstunden".

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1716 stürzte im königlichen Schlosse in der Königin-Mutter Anna Sophia Zimmer eine Decke ein, wodurch für 50000 Thaler Porzellan geschlagen wurde.

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1721 fand am Fastnachts-Dienstag ein Fest im Großen Garten zu Dresden statt, zu welchem etliche hundert Bauern über zweitausend Fuder Schnee auffahren mußten, weil der Hof eine solenne Schlittenfahrt von 48 Schlitten und ein Damenringrennen veranstalten wollte.

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1724 wurden die Perückenmacher für zünftig erklärt und am 18. September gleichen Jahres durch öffentlichen Anschlag am Rathause für Künstler ausgegeben.

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1627 wurde anläßlich der Vermählung der churfürstlichen Schwester Sophie Eleonore mit dem Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt das erste, wahre, deutsche Singspiel "Daphne" von Hofkapellmeister Schütz anstelle der sonst üblichen Turniere, Ringelrennen und Mummenschanze aufgeführt, es war auch das erste Mal, daß eine vernünftige Oper in Deutschland gefiel.

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1621 wurde das Amt eines "Hofperlfischers" in der Elster im Vogtlande gegründet, der erste dieses Amtes war ein Moritz Schmieler mit 30 Gulden Besoldung, dessen Familie es auch bis 1734 verwaltete. Der Gehalt stieg bis auf 60 Gulden und "25 Scheffel Hafer für ein Reutpferd".

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An 1650 nannte man den Landesherren "Churfürstliche Durchlauchtigkeit", auch kam die Bezeichnung "Prinzessin" anstatt von bisher "Fräulein" auf.

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Christian II. ist innerhalb von 10 Jahren nicht weniger als 90mal Pate gewesen. Ein Weißbäcker von Alten-Dresden hatte in 5 Jahren 300 Gevatterbriefe, er ist darüber auch bankrott geworden. Diese große Gevatterschaft wurde schließlich durch Hofprediger D. Leyser bei 100 Gulden Strafe verboten, es sollten nur drei Gevattern zugelassen werden. Darüber, so heißt es, hat er viel Druck und Ungemach genug aushalten müssen und wurde "der Dresdnische Papst" gescholten. Die adligen hatten aus Pracht- und Schwelgereiliebe oft bis zu 60 Gevattern, die armen Paqten mußten nicht nur eine ansehnliche Summe einbinden. — Vater August z. B. war sehr bescheiden, als er dem Hofprediger Greser, der 1569 einmal bei ihm Gevatter war, schrieb, er solle sich keine Ungelegenheiten machen und ja nicht mehr als einen Goldgülden rheinisch, das sind M. 7.—, einbinden, man muß aber bedenken, daß damals der Maurermeister-Tageslohn 3 Groschen 6 Pfennig betrug und ein Pfund Butter einen Groschen kostete — sondern auch die Kindsweiber beschenken, den Geschwistern des Täuflings Zuckertüten mitbringen und für Schüler, Hebammen und Armenkasse extra noch Geld opfern.

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1512 gab es einen großen Zulauf zu einem wundertätigen Marienbilde am Queckbrunnen vor dem Wilsdruffer Tore in Dresden. Herzog Georg der Bärtige ließ nach eingeholter päpstlicher und bischöflicher Erlaubnis eine Kapelle unter dem Namen "Unsere liebe Frau vom Queckbrunnen" errichten. Der Bischof von Meißen behielt sich aber, wie es heißt, seine "kanonische Portion", also den dritten Theil aller eingelegten Opfer, vor. Kapelle und Brunnen kamen in den Ruf großer Heiligkeit, weil hier viele Frauen, die kinderlos waren, die Erfüllung ihrer Wünsche gefunden hatten. Weil nun aber durch diesen Zulauf der schwarze Herrgott in der Kirche zum hl. Kreuz etwas in den Hintergrund trat, mußten die Wallfahrten zum Queckbrunnen wieder eingestellt werden. Das Brunnenwasser ist aber noch sehr lange als besonders heilkräftig hochangesehen gewesen.

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Zu Vater Augusts Zeiten hatten sich, sehr zum Mißvergnügen des damaligen Hofpredigers Greser, in der Dresdener Kreuzkirche die Sperlinge ziemlich breit gemacht, welche in höchst unehrerbietigerweise in die erbaulichen Predigten dieses hochgelahrten Gottesmannes hineintschilpten, so daß er schließlich in hellem Zorne die ganze Spatzengesellschaft kurzerhand in den Bann tat. Vater August war dem geistvollen und frommen Pfarrer sehr zugetan, deshalb erließ er am 18. Februar 1559 an den Jagdsekretär Nebel folgendes berühmt gewordenen Sperlings-Edikt, welches folgendermaßen lautete: "Lieber Getreuer! Welchergestalt und aus was für Ursache und christlichem Eifer unser würdiger, lieber, andächtiger Herr Daniel Greser, Pfarrherr allhier in seiner nächst getanen Predigt über die Sperlinge etwas heftig bewegt gewest und dieselben in den Bann getan, dessen wirst Du Dich, als der damals ohne Zweifel aus Anregung des heiligen Geistes im Tempel zur Predigt gewesen, gutermaßen zu erinnern wissen und so mögest Du dafür sorgen, daß diese Sperlinge, eher denn, wenn sie jungen und sich durch tägliche und unaufhörliche unkeuschheit unzehlich vermehren, ohne sonderliche Kosten aus der Kirche zum heiligen Creutz gebracht, und solch ärgerliche Voglerei und hinderlich Getzschirpe und Geschrei im Hause Gottes verkümmert werden möge." Dieser Herr Sekretarius war schon, wie gesagt, bekannt dafür, daß er "nach seinem beiwohnenden Verstand dem kleinen Gefögel vor anderen durch unterschiedliche, visierliche und listige Wege und Griffe nachzustellen pflegte", aber unbekannt ist es geblieben, wie er sich dieser schwierigen Mission entledigt hat. Nehmen wir an, daß man das zerbrochene Fenster, durch das sie zweifellos eingewandert sein werden, erneuern ließ und daß dadurch "das liederliche Gefögel" wieder zum Auswandern gezwungen worden ist.

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Am 8. Oktober 1656 starb Kurfürst Johann Georg I., der 5 Schlachten und 4 Belagerungen in eigener Person mitgemacht hatte, dreimal Reichsvikar war und 80 lebende Nachkommen (10 Kinder, 51 Enkel und 19 Urenkel) hinterließ. Bei den von ihm veranstalteten Hofjagden sind 113 629 Stück Wild geschossen worden. Von 1629—1656 hat er münzen lassen:
13 Zentner 31½ PfundDukaten,
1847 Zentner 19½ PfundThaler,
236 Zentner 22½ PfundGroschen,
13 Zentner 44½ PfundDreier,
21 Zentner 81½ PfundPfennige.
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Am 6. August 1685 brannte Alt-Dresden bis auf 21 Häuser durch die Unvorsichtigkeit eines Mädchens ab, man zählte 338 Brandstellen. Das Feuer soll, so sagte man, prophezeit worden sein: "Dresden soll durch ein Feuer dermaaßen verderbt werden, daß man es mit einem Besen zusammen kehren kann." Es wurden in der Stadt, aber auch in verschiedenen ausländischen Städten für die Brandgeschädigten Almosen gesammelt. Zwei solcher Almosensammler hatten 441 Thaler zusammengebracht, aber 407 Thaler für Verpflegung und Fuhrlohn ausgegeben, so daß also nur 34 Thaler übriggeblieben waren. Man sieht daraus, daß damals die Gelder nicht immer an die richtige Stelle kamen, für die suie bestimmt waren.

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1696 wurde angeordnet, daß die Kandidaten der Theologie nicht mehr mit dem Degen an der Seite zur Prüfung vor dem Oberkonsistorium erscheinen, sondern sich künftig ihrem Stande entsprechend schwarz kleiden sollten.

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Der 1629 erschienene "Kleiderteufel" glaubte den allgemeinen Geldmangel in dem Kleiderluxus und den hohen Ansprüchen an die Lebenshaltung zu sehen, wodurch so viel Geld unnötigerweise ins Ausland ging, und schreibt dazu folgendermaßen:

Behielte jedes Land seine Weise,
Seine Kleidertracht, seinen Trank und seine Speise,
Ließ man England seine Wolle und sein Tuch,
Indien seine Gewürze und Wohlgeruch,
Welschland seine Leckerei und eitle Pracht,
Frankreich und Hispanien seine Kleidertracht,
So stünd es besser in aller Welt,
Und wir Deutschen behielten unser Geld.

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1627 erfand ein Melchior Wurmbrand, ein Oesterreicher, eine lederne Kanone; sie soll im Heere Gustav Adolfs — ob mit oder ohne Erfolg wird nicht verraten — eingeführt worden sein.

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1717 wurde durch General Milkau bei seiner Rückkehr aus Brabant die Kartoffel (Erdoffel, Erdbirne) zuerst in Sachsen angepflanzt. Sie soll 1585 in Virginia entdeckt und 1590 nach Europa gekommen sein, noch 1616 war sie ein Leckerbissen der königlichen Tafel zu Paris. Andererseits wird behauptet, daß man schon 1710 im Gebirge Kartoffeln angebaut hat.

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1403 wird Alt-Dresden durch Wilhelm den Einäugigen zur Stadt erhoben, "darinnen man kaufen und verkaufen, bauen, backen, Wein, Bier ausschänken und allerlei Handwerke und Innungen haben kann, als in anderen Städten und Weichbildern auch; alle Freytag einen freien Markttag, da man Fleisch, Brot und allen Kaufmannsschatz frei kaufen und verkaufen soll. Wer zu Alten-Dresden bauen will, der soll sich darauf richten, daß er das Wohnhaus mit Sparren und Latten bauet und mache, daß man es mit Ziegeln decken möge."

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 38 v. 16. September 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 38, 16. September 1934, S. 5

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