Das tägliche Leben. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das tägliche Leben.

1927 > Nr. 21/1927
Gedicht des Annaberger Volksdichters und Kürschnermeiste Johann Gottlieb Grund aus dem Teuerungsjahr 1816 — ein zeitgemäßes Angedenken. (Grund, geb. 1742 in Schönberg bei Görlitz, seit 1764 in Annaberg — er wohnte in dem jetzt dem Fleischermeister Gustav Anger gehörenden Hause Wolkensteiner Straße 51 —, gestorben am 17. März 1820 hier, ist beinahe der Vergessenheit anheimgefallen.)

Jetzt wünscht man sich oft zu sterben,
Denn es ist bei dieser Zeit
Viel Aufgang, nichts zu erwerben,
Weil fast jed's Gewerbe leid',
Und doch will vor groß und klein
Eine Woch' durch gar viel sein.
Wie bald ist bei schlechtem 7) Leben
Nicht ein Taler ausgegeben.

Hat man Brot schon durch die Wochen,
So will doch noch manches sein;
Eh' man uns etwas kann kochen,
Will Holz und Geleuchte sein.
Oft ruft Köchin: "Gunge Froh,
Es is ah ke Schwafel doh." 1)
Hat man Töpf' und allen Plunder,
Fehlt's doch wohl an Holz und Zunder.

Ist früh das Gebet geschehen,
Abgewaschen Haupt und Hand,
Tut man sich nach Kaffee sehnen,
Nach der Mod' in unserm Land.
Ach, noch weit mehr fällt mir ein,
Was dazu noch mehr will sein;
Ja, die Frau, die läßt nicht lucker,
Bis der Mann gibt Geld zu Zucker.

Ist nunmehr das Kaffeetrinken
In der Stille bald verricht',
Tut uns der Mittag winken,
Was man kocht, das weiß man nicht.
Ist die Küche schlecht bestellt,
So wird doch erfordert Geld.
Sind's Erdäpfel in der Mutter, 2)
Braucht man's Holz doch und die Butter.

Ist die Arbeit angefangen,
Nach dem abgedeckten Tisch.
Kommt bald ein geheim' Verlangen,
Ob's nicht bald um zwei Uhr ist.
Denn da ist die schwarze Stund',
Da sich sehnet Herz und Mund.
Was der Kramer früh beschert,
Das wird vollends aufgezehrt.

O, ihr abgemat'ten Glieder,
Die ihr euch geplaget hier,
Es schlägt sieben; hin und wieder
Holen sie das Abend-Bier.
Groschen, der du dich versteckt,
Marsch! zum Keller, wo's gut schmeckt,
Sorget nicht vor'n andern Morgen,
Wer kein Geld hat, der läßt borgen.

Und Sonnabends in der Wochen,
Da hat Frau und Msgd nicht Ruh',
Da sorgt sie für's Sonntagskochen,
Da ist Leben, da geht's zu;
Markt und Bänke wiebeln voll,
Sonntags geht es jedem wohl.
Da hat alles Fleisch zu hoffen,
Kommt's zum Tische — sind's oft Knochen.

Und so geht es alle Tage,
Wie sich's fängt am Montag an;
Das ist eine solche Plage,
Daß man's kaum beschreiben kann.
Hier in dieser Marterwelt
Braucht man alle Stunden Geld,
Hochzeit und auch Kindtauf's-Stunden
Sind mit Bettelei verbunden.

Wer kann alles Ding erzählen,
Was uns oft noch immer plagt;
Bald tut's an Akzise 3) fehlen,
Bald wird Kopfgeld 4) angesagt.
Oefters lieg' ich noch im Bett',
Bringt man ein Quartier-Billett 5);
Ja, den letzten Pfen'g im Hosen
Holt der Friedel 6) zum Almosen.

Das gehört zum schlechten 7) Leben,
Wo kommt dann das Andre her?
Wer tut uns dann Kleider geben?
Und es will auch sein noch mehr.
Will ich scheiden aus der Welt,
Brauch' ich zum Begräbnis Geld.
Lieber wart' ich noch auf Erden,
Vielleicht wird's bald besser werden.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 21 v. 29. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 21, 29. Mai 1927, S. 5

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