Des Jahres weihevollste Stunde. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Des Jahres weihevollste Stunde.

1934 > 1934-50
Erzgebirgs-Weihnachten vor 60 Jahren.

Von einem alten Annaberger erzählt.
Wenn das Jahr zur Rüste geht, beginnt mit dem Anbruche des letzten Monats die das heilige Weihnachtsfest vorbereitende Adventszeit. Der volle Zauber dieses großen Festes der Liebe zieht in's Herz des Erzgebirgers ein; liegt doch der größte Reiz dieser Wochen in der Zubereitung aller der Dinge, die nach altem Brauche am heiligen Abende nicht fehlen dürfen.

Wie nun in früheren Zeiten, und zum guten Teile auch heute noch, Weihnachten in unserem lieben Annaberg vorbereitet und gefeiert worden ist, das haben uns eine Reihe alter und neuer Schriftsteller (Spieß, Wuttke, John u. a.) in Büchern hinterlassen, deren Studium im Verein mit unseren eigenen Erinnerungen an die Jugendzeit Bilder aus glücklichen Lebensstunden in uns wecken.

Wochenlang vor dem Feste schon "bastelten" Vater und Kinder an all' den Dingen, die zur Ausschmückung, zum Festgewande des Heimes dienen sollten. Als vorbereitender Weihnachtsbote erschien dann am St. Nikolaustage Knecht Ruprecht (der Rupp'rich); zugleich mit seinem Einzuge ist auch der Nikolausmarkt schon in früheren Jahren eröffnet worden. Ehemals gab es auch in der Nähe der Apotheke "Grogbuden", aber der allzufleißige Zuspruch bei denselben und dessen Folgen zeitigten vor etwa fünf Jahrzehnten ein Verbot derselben. Während der Marktzeit durchwanderten fliegende Händler die Straßen der Stadt, in den Häusern Christbaumzierat, Räucherkerzchen, "Pflaumtoffeln" u. a. zum Kauf anbietend. Ein besonderes "Fest" für die Jugend war in Annaberg von jeher das "Stollenbacken".

Schon vom Morgen des 24. Dezember ab ruhte alle Arbeit. Wie herrlich war das Heim zum Feste geschmückt! Da prangte zunächst der Christbaum in der Zierde strahlender Lichter. Von der Decke herab erglänzte im hellen Kerzenscheine der Holz-, Glas- oder Bronze-Leuchter, auch "Spinne" genannt; ein Stück von ihm entfernt schwebte der holzgeschnitzte und reichvergoldete Weihnachtsengel mit zwei brennenden Lichtern in den Händen, während auf Fensterbrettern und Kommode lichttragende Bergmänner im Paradeanzug zur Erhöhung des Glanzes beitrugen.

In einer mit Reisig ausgeschlagenen Stubenecke war die Weihnachtspyramide ("Peremett") oder eine Christgeburt ("Ecke") aufgebaut worden. Alles war umgeben vom süßen Duft der am Ofen glimmenden Weihrauchkerzchen.

Wenn dann am Heiligabend nach dem Verhallen des letzten Glockenschlages der sechsten Abendstunde das Geläute aller Glocken vom St. Annenturm einsetzte, wurde das Heiligabendlicht, eine buntverzierte Wachs- oder Stearinkerze, auf den Tisch gestellt und angezündet; die ganze Familie ließ sich zur Heiligabendmahlzeit nieder. Das war die weihevollste Stunde des ganzen Jahres! Die Familienmitglieder reichten sich gegenseitig die Hände mit dem Gedanken an eine gleiche Vereinigung am nächsten Feste. Außerhalb der Kette stehend, verlas der Hausvater das Gebet. Nach altem Gebrauch bestand die schon vorher aufgetragene Mahlzeit (wie vielerorts auch am Silvesterabend) aus neunerlei Gerichten; gewöhnlich waren dies: Linsen, Bratwurst, Sauerkraut, Schweinebraten, Herings- und Kartoffelsalat, Hirse, Kohl- und rote Rüben, gebackene Pflaumen, wohl auch Karpfen, Gänsebraten u. a. m. Jede einzelne Speise hatte ihre besondere Bedeutung, so z. B. Linsen = Geld, Klöße = Taler, Hirse = ebenfalls viel Geld, Karpfenschuppen = wiederum viel Geld usw.

Das Heiligabendlicht durfte während der Mahlzeit nur etwa zur Hälfte abbrennen, weil es zur Silvestermahlzeit nochmals demselben Zwecke dienen mußte; blieb dann noch ein rest davon übrig, so wurde dieser fürs kommende Jahr als heilsamer, wundertätiger Balsam gegen allerlei äußere Gebrechen aufbewahrt. Dann kam als Höhepunkt des Festes die Bescherung, bis es endlich hieß:

Ihr Kinner, gitt in's Bwett nu nauf,
Der Saager zeigt schu aa's;
Ebb mr Weihnachtn wieder drlaam? —
Wie Gott will, su geschaah's.

Zu den Weihnachtsgebräuchen gehörte auch das Turmblasen der Stadtkapelle und das Turmsingen der Kurrendaner; Bräuche, die lang ruhten, aber in neuester Zeit wieder eingeführt wurden.

Allgemein war auch das Kuchensingen von Kindern und Erwachsenen in der Weihnachtszeit. Von Haus zu Haus ziehend, oft unter Mitwirkung einer Ziehharmonika, sangen und spielten sie auf den Hausfluren und Treppen Weihnachtslieder und Choräle in der Hoffnung auf eine milde Gabe, und zu keiner Zeit ist dem Mitgefühl für die darbenden Mitmenschen das Herz so geöffnet, wie in diesen Wochen. Leider arteten diese Umzüge oftmals in gewerbsmäßige Bettelei aus, so daß sie verboten werden mußten.

Am frühen Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages fanden von jeher die Christmetten statt. Wie dieselben gefeiert wurden, darüber gibt uns eine Erklärung im 53. Stück des "Gemeinnützig-unterhaltenden Annaberg'schen Wochenblattes" vom Jahre 1808 genauere Auskunft. Es heißt da:

"In hiesiger Hauptkirche ist es mit den Christmetten also gehalten worden: früh 5 Uhr, wie an den übrigen Festen, ward geläutet und es machte ein festliches Lob- und Danklied den Anfang. Darauf folgte am Altar das lateinisvhe "Deus in adjutorium", mehrere Antiphonien und Responsorien vom Chore, unter welchen vom Geistlichen ein bestimmter Psalm (bei Weihnachtsmetten der 110.) lateinisch abgesungen wurde. Verlesen wurden prophetische und evangelische Stellen und den Beschluß machte das "Te Deum laudamus" mit Begleitung der Orgel nebst Kollekte und Segen vom Altar, alles in lateinischer Sprache ... An Weihnachtsmetten sangen sonst die Herren Superintendenten mit den vor dem Altar sitzenden Kindern und Erwachsenen das Magnificat im Wechselgesang mit dem Chor und Wiegenlieder zu Ehren des Neugeborenen, worauf sie nach Kollekte und Segen der Superintendent mit Ermahnung und der sog. guten Nacht beschlossen, anstatt des ehemaligen Tanzes um den Altar." —

Die Mettenfeier artete vielfach in Unfug aus, so daß die Regierung 1805, 1812 und 1815 auf Abschaffung der Metten in einigen Bezirken drang.

In vielen Gebirgsorten wurden von den Bergleuten neben der Christmette auch Bergmetten gefeiert, doch scheinen solche in unserer Stadt nicht stattgefunden zu haben.

Soweit in großen Zügen ein Bild der Sitten und Gebräuche, wie sie vordem in Annaberg bei der Weihnachtsfeier zum Ausdruck kamen und sich teilweise noch erhalten haben. — Mag unsere Heimatbevölkerung sie sich weiter bewahren als köstliches Heiligtum aus Väterzeit.
—cj.—

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 50 v. 9. Dezember 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 128. Jahrgang, Nr. 50, 9. Dezember 1934, S. 1

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