"Windet zum Kranze die goldenen Aehren!". - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

"Windet zum Kranze die goldenen Aehren!".

1933 > Nr. 40/1933
Eine Plauderei über deutsche Erntebräuche von Werner Lenz.

Erntezeit, A u st tag! Arbeitszeit, Freudentag! Aus Last wird Lust! Eine Hand reicht der andern zu, und eines Augenpaares Freudenschein entzündet sich fröhlich am Eifer des andern! Von jeher war der Landmann der Wahrer deutscher Sitte, deutschen Brauches! Was Wunder, wenn sein frommer Sinn besonders jene Ueberlieferungen treulich pflegt, die ihm von den Ahnen aus dieser alljährlichen Erntezeit überkommen sind, und in denen des Bauern Schaffen gipfelt! In wirtschaftlicher wie in volkstümlicher Beziehung reiht sich fruchtbringend Jahr an Jahr, und die heurige Ernte wird zur Aussaat der Zukunft.

Bunt, aber mannigfach, wie das Gesamtbild der deutschen Heimat in der Vielheit ihrer Gaue und Stämme, ist unseres Volkes Erntefeier und Erntefreude! Christentum und Heidenglaube mischen sich wunderlich und doch organisch-harmonisch in ihr! So ist es in vielen Gegenden frommer Brauch, daß dem ersten Schnitt von Sense oder Sichel ein Gebet vorausgeht, und die ersten Aehren, geschnitten von unschuldiger Kindeshand, werden kreuzweise zusammengebunden, wohl aufbewahrt und in die erste Furche der kommenden Saat eingeackert. Auch werden die Körner dieser Erstlingsfrucht einem Hahn als Futter vorgeworfen, dem Symbol der Fruchtbarkeit also geopfert! Das erste Fuder wird mit Bändern und Blumen geschmückt zum Hofe geleitet! Viel häufiger noch gilt solch gläubig-abergläubiger Brauch dem letzten Ernteertrage! Da wird dem Wagen, mit dem nach all der vielen Arbeit der Erntesegen geborgen wird, die Erntekrone, ein Kranz oder zumindest ein Bäumlein als Schmuck zuteil; dann geht es zur Scheune, wo der Bauer oder die Gutsherrschaft schon wartet. Ihnen wird der letzte "Kranz der goldenen Aehren" feierlich überreicht, um dann seinen Platz im Hause oder der Scheuer zu erhalten, wo er bis zum neuen Erntefest aufbewahrt wird. Der Eigentümer dankt mit der Einladung zum Erntebier, zur Erntemahlzeit oder zum Erntetanz, wo die Lust der Feiertagsfrohen blüht, wo geschmaust, gezecht und gesungen wird und alt und jung sich nach alten Weisen in oft sehr kunstreichen Reigen und Rundtänzen tummeln. Da geht alles nach guter treuer Ueberlieferung; der Bauer oder Gutsherr tanzt mit der Großmagd, die Eigentümerin mit dem Altknecht den ersten Schleifer.

Weit verbreitet ist die uralte Sitte, eine letzte Garbe auf dem Felde stehen oder auch einige Halme ungemäht den Vögeln und — bösen Geistern als Opfer zurück zu lassen. Um solche Büschel, "Feldmann" oder "Vergodendeel" genannt, tanzen die Kinder dann herum. Es ist der "Anteil der Frau Gode", der Frau Holle, also Friggas, die als Kornmutter oder Roggenmuhme im Felde ihr Wesen treibt und sich in die letzten Halme geflüchtet hat vor der Sense scharfem Schnitt! Wird sie in ihr gefangen, so schmückt man den Garbenbusch mit bunten Bändern, nimmt ihn zur neuen Aussaat oder formt aus ihm den Erntekranz, der mit Kuchensternen behängt und später geplündert oder auch — ein Dankopfer! — verbrannt wird. In dies letzte ungemähte Restlein Erntesegen wird andernorts (Hannover) der Stoppelhahn gestellt, eines geschlachteten Hahnes Kopf auf einer Stange. Wiederum eine Erinnerung an heidnische Opferbräuche! Auch die Mäuse in der Scheune werden mit dem letzten oder ersten Garbenbüschel "abgefunden", z. B. in Thüringen. Aber dann kam immermehr der Brauch auf, ein Vaterunser am letzten Halme zu beten. Auch wurden die alten Erntebräuche heidnischer Art allmählich in die christlichen Kirchweihfeste übernommen und der Erntedanktag auf den Sonntag nach Michaelis (29.9.) gelegt, wie ja auch in diesem Jahr wieder!

Der Altar ist geschmückt mit den Gaben des Feldes und der Gärten. Gebet und frohe Lebenslust vereinigen sich an diesem Tage der Erntefreude zu jenem einzig schönen Zusammenklange, aus dem das Gewissen treu erfüllter Pflicht spricht und der selbst das sorgenvollste Herz einmal dankbar himmelan schauen läßt.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 40, 1. Oktober 1933, S. 2

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü