Die ersten Heeresautomobile in Annaberg. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die ersten Heeresautomobile in Annaberg.

Der Markt dient erstmalig als Parkplatz für Kraftfahrzeuge.

Das war noch mitten im tiefsten Frieden, am 10. Juli 1908, also vor nunmehr rund 25 Jahren. Man hatte soeben kurz vorher das ehemals in Annaberg bestandene amerikanische Konsulat aufgehoben und auf dem Grundstück der alten, abgebrannten Herrenmühle begann die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft mit dem Bau des vormaligen städtischen Elektrizitätswerkes. Wenige Tage später eilte die Kunde von der Vernichtung des Zeppelin-Luftschiffes bei Echterdingen durch die Stadt.

Zu jener Zeit sahen Annaberg und das Obererzgebirge die ersten Lastautos in Gestalt eines Lastkraftwagenzuges der deutschen Armee, der von Berlin-Schöneberg kommend, auf einer Prüfungsfahrt die Stadt Annaberg berührte. 15 Motor-Lastwagen mit je einem Anhänger sowie 15 Personen-Automobile, also insgesamt 45 Fahrzeuge, knatterten in kurzen Abständen die Wolkensteiner Straße herein und machten am Marktplatz Halt. Dabei wurde der Markt von rechts längs der Rathausseite umfahren. Für eine solche Autokolonne wäre heutzutage ein Aufenthalt rund um den Markt herum bei dem Autobusverkehr usw. gar nicht möglich. Aber vor 25 Jahren war es ohne weiteres angängig, daß alle Straßenseiten des Marktplatzes als "Parkplatz" benutzt wurden (wenn auch an den Ausdruck "parken" damals im Jahre 1908 noch niemand dachte), und so standen denn alle die feldgrauen Heeresautomobile schön in Reih und Glied hintereinander rings um den Markt. Gegen Abend kamen die letzten Nachzügler an, die unterwegs irgend eine Panne gehabt hatten. Es handelte sich durchweg um ganz neue Fahrzeuge, erbaut in den Automobilwerken von Büssing-Braunschweig, Nacke-Coswig und Scheibler-Aachen. Der gesamte Lastkraftwagenzug, zur Versuchsabteilung der Verkehrstruppen in Schöneberg bei Berlin gehörend und aus 4 Offizieren sowie 80 Mann bestehend, stand unter der Führung von Hauptmann Jurisch. Als Vertreter des Kriegsministeriums nahm Major Oschmann an der Fahrt teil. Der technische Leiter der Truppe, Leutnant Cramer, erhielt in Annaberg eine telegraphische Order, wonach er sich umgehend mit seinem Kraftwagen nach Friedrichshafen am Bodensee zur Zeppelinwerft zu begeben habe. Leutnant Cramer fuhr nach kurzem Aufenthalt in Annaberg auch sofort weiter, während die übrigen Offiziere im Hotel "Wilder Mann" übernacht blieben. Die Mannschaften wurden in Bürgerquartieren untergebracht. An den Fahrzeugen verblieben einige Wachtposten.

Am Morgen des 11. Juli 1908 ging alsdann nach eingehender Besichtigung der Fahrzeuge die Prüfungsfahrt weiter. Bei der Befehlsausgabe wurde als Marschweg bekanntgegeben: Buchholz - Sehma - Bärenstein - Unterwiesenthal - Neudorf - Crottendorf - Scheibenberg - Schwarzenberg - Aue - Plauen - Gera - Kassel.

In Bärenstein verfehlten einige der Wagen die Abzweigung der Straße nach Unterwiesenthal, fuhren daher versehentlich über die Grenzbrücke am Zollamt vorbei, durch Weipert hindurch und auf böhmischer Seite hinauf nach Hammerunterwiesenthal. Gegen diese unbeabsichtigte Grenzverletzung wurde von der K. und K. österreichisch-ungarischen Regierung nicht eingeschritten, da sich ein Offizier der Kolonne wegen dieses Versehens entschuldigte. Immerhin gab es in den Spalten verschiedener nordböhmischer Zeitungen großes Hallo über diesen "militärischen Einfall in Böhmen".

Die Heeresautokolonne war am 8. Juli 1908 in Berlin-Schöneberg abgefahren und hatte am dritten Tage über Elsterwerda - Dresden - Freiberg - Chemnitz die Pöhlbergstadt erreicht. Am 24. Juli trafen die Autos wieder in Berlin ein. Insgesamt wurden rund 1700 Kilometer zurückgelegt, pro Tag wurden ungefähr 110 Kilometer gefahren. Eine für die damalige Zeit recht beachtliche Prüfstrecke. Das notwendige Benzin wurde in Fässern mitgeführt; denn es gab unterwegs längst noch keine Tankstellen.


Eine zweite Kolonne trifft in Annaberg ein.

Am 12. November 1908 erreichte abermals ein Lastkraftwagenzug deutscher Verkehrstruppen die Stadt Annaberg. Diesmal handelte es sich insgesamt nur um 8 Motorwagen mit je einem anhänger. Es waren 2 Daimler-Wagen, 1 Dixi-Wagen, 2 Dürkopp-Wagen, je ein Wagen der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau, sowie der Norddeutschen Automobil- und Motor-A. G. Bremen, ferner ein Spezialwagen der Versuchsabteilung der Verkehrstruppen.

Auch diese Heeresautokolonne, die am 9. November 1908 in Berlin-Schöneberg "gestartet" war, "parkt" am Marktplatz in Annaberg an der Lipfert-Langer- und Rathausseite, der SAG-Wagen an der Spitze in Richtung nach der T. A. W.-Geschäftsstelle.

Von Annaberg aus ging die Fahrt wie bei der ersten Kolonne nach Buchholz - Unterwiesenthal - Scheibenberg weiter. Die etwas kürzere 1215 Kilometer-Gesamtstrecke wurde in 14 Tagen zurückgelegt, wobei täglich 80 bis 90 Kilometer gefahren wurden.
fk.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 12, 19. März 1933, S. 1

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