Dörfel vor hundert Jahren - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Dörfel vor hundert Jahren

1928 > Nr. 28/1928

(Photo: H. Rietschel-Geyer.)

Es war ein besonders glücklicher Gedanke von der Leitung des am 24. Juni abgehaltenen Schulfestes, der heranwachsenden Jugend einen Ausschnitt aus der Vergangenheit des Heimatortes plastisch vor Augen zu führen, indem man das alte Flachsbrech- und Darrhaus der Gemeinde Dörfel in seinen wesentlichen Punkten rekonstruierte.

Vor ungefähr 100 Jahren wurde ein Flachsbrechhaus in Dörfel errichtet. Es stand in der Ecke des niederen Gemeindewaldes, unmittelbar an der jetzigen Zschopau-Talstraße. Das Gebäude war eingeteilt in eine Brechstube, zwei Darrstuben, zwei kleine Aufenthaltsräume und eine Ofenanlage zum Darren des Flachses.

Der Flachs wurde doppelt in jeder Darrstube eingesetzt, das heißt ungefähr 2 Meter hoch aufgestapelt. Mittags gegen 2 Uhr wurde von dem Darrmann Feuer gemacht, das man um 7 Uhr abends ausgehen ließ. In dem Darraum konnte sich während dieser Zeit niemand aufhalten.

Nachts um 12 Uhr begann in dem Brechhaus durch die Brecher und Dreher die Bearbeitung des Flachses. In den letzten Jahren der Benutzung, etwa 1889, waren 17 Brecher und 6 Dreher beschäftigt. Die Dreher hatten den gedarrten Flachs mit der Drehmaschine zu bearbeiten, wie auf unserem Bilde in der Mitte hinten zu ersehen ist. Nachdem durch diese Maschine der Flachs gehörig geknickt worden war, erhielten ihn die Brecher, die ihn, wie ebenfalls auf dem Bilde links und rechts vorn wersichtlich, mit der Handbreche weiter bearbeiteten. Der so gelöste Flachs wurde dann in die Spinnerei geliefert.

Jeder Brecher, das waren die flachsbauenden Landwirte, der Flachs brachte, hatte für jeden Tag zwei Brote und eine Kanne Schnaps für die Brecher zu liefern. In einem früheren Schriftstück ist zu lesen, daß Brot und Schnaps in der Zeit so gut schmeckten, wie manchem zur Zeit ein Schweinebraten. Der Darrmann mußte voll beköstigt werden.

Wenn eine Darrstube geleert war, begann mit Gesang und Gebet das Essen. Mit der zweiten Darrstube war man morgens gegen 8 Uhr fertig. Für ein Bündel Flachs (5 Pfund) bekamen die Brecher 10 Pfg., die Dreher 5 Pfg.

Nach dem Brechen wurde der Flachs am Vormittag aufgeröstet. Ein Schock kostete jedem Landwirt 1 Pfennig zur Gemeindekasse.

Von Ende Oktober bis Ende September jeden Jahres wurde in dem Brechhaus gearbeitet und ungefähr täglich 110 bis 140 Schock Flachs zubereitet. Der Darrmann wurde von der Gemeinde bestimmt und hatte die Verwaltung im Brechhause.

Als letzter Darrmann war der jetzt 75jährige Karl Huß (1908 bis 1920 Gemeindevorstand) in Dörfel tätig, der gerne und freudig von diesen Zeiten spricht. Als Darrmänner bezw. Brecher sind hierorts noch am Leben: Louis Graubner, Ernst Huß, Karl Taudt (von links nach rechts auf dem Bilde), Louis Eberlein, Hermann Eberlein.

Das Flachsbrech- und Darrhaus der Gemeinde Dörfel ist im Jahre 1896 abgebrochen worden, da seinerzeit der Flachsbau zurückging und Arbeitskräfte für diese Arbeiten nicht mehr zu haben waren.

In der Nachkriegszeit ist versucht worden, durch staatliche Prämien den Flachsanbau im Obererzgebirge zu heben, um unabhängiger von der Flachseinfuhr aus dem Auslande zu werden. Der erbaute Flachs wird heute von den Flachsspinnereinen am Anbauort durch Aufkäufer angekauft. Die Bearbeitung erfolgt dann in den Spinnereien selbst.


Nr. 28 - Sonntag, den 8. Juli 1928
Druck und Verlag: Felix Thallwitz i. Fa. C. O. Schreiber. Verantwortlich für die Schriftleitung: Willy Thallwitz, Annaberg.


INHALT:

  • Im Tal der Himmelmühle

  • Der Bauernkrieg im Obererzgebirge

  • Dörfel vor hundert Jahren

  • 25 Jahre Pöhlastraße Königswalde-Bärenstein

  • Aktueller Zeitbilder-Dienst

  • Bilder aus dem Obererzgebirge


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 28 v. Sonntag, den 8. Juli 1928, S. 5

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