Die ehemalige Naumann-Mühle in Sehma. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die ehemalige Naumann-Mühle in Sehma.

1929 > 1929-02

Von Schuldirektor Mahn - Sehma

(Fortsetzung und Schluß. -> zum Anfang)


Das Wasser ist auch das Element, mit dem es der Müller vorzugsweise zu tun hat. Und es fließt dem Naumann-Müller reichlich zu in dem jahrhundertealten Mühlgraben, ohne den wir uns unseren Ort gar nicht mehr denken können. Auf dem Grund und Boden der Naumann-Mühle liegen aber auch in früherer Zeit

zwei Wasserstollen.


Es sind die spärlichen Ueberreste aus jenen glücklichen Tagen, da suchende Hände hoffnungsfroh das Erdreich durchwühlten. Diese beiden Stollen — es gibt in Sehma noch mehrere — sind der Naumanns-Hoffnungs-Stollen und der Reiche-Segen-Gottes-Stollen. Den ersteren treffen wir auf einer der Wiesen unten an der Sehma, nordwestlich von Scheuflers Fabrik. Er beginnt an der Böschung der Annaberg-Weiperter Bahnlinie und streicht nach Westen zu. Sein Bergwasser (75 Minuten-Liter) hat 1919 die Firma Albert Emil Kunze "gemutet". Der andere Stollen befindet sich "Am Graben" (Mühlgraben), unterhalb von Fritz Hippmanns Gut (Ortsl.-Nr. 73) und gegenüber von Paul Hofmanns Grundstück (Ortsl.Nr. 74). In diesem Grundstück Nr. 74 habe ich übrigens wenigstens das eine der beiden


"Bergfreyheitshäuser"


entdeckt, das "Zechenhaus zum Reichen-Segen-Gottes-Stollen". Noch vor 100 Jahren — 1828 kaufte es Johann Gottlob Leonhardt — ist dieses Zechenhaus völlig abgabenfrei, weil es eben ein "Bergfreyheitshaus" ist. Nur an die Bergkirche in Annaberg hat es damals einen jährlichen Zins von 6 Groschen zu bezahlen. Der "Reiche-Segen-Gottes-Stollen" soll einer der bedeutendsten Stollen unserer Heimat gewesen sein. Von ihm erzählt man, daß er sich draußen im Pragerwald mächtig ausweite und sogar bis nach Königswalde reiche. Er spendet allerdings nicht so viel Bergwasser, nur 10 Minuten-Liter. Der Fabrikbesitzer Arno Flössel verwendet es zur Speisung seiner Kessel.

Es sind mitunter glückliche Zeiten gewesen, die die Naumann-Mühle gesehen und erlebt hat. Aber es ziehen andere Zeiten herauf. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist der Augenblick gekommen, wo die Naumann-Mühle nicht mehr bestehen kann. Schuld daran sind die mehr und mehr aufkommenden Großmühlen, aber auch die Art des Geschäfts. In den Kleinmühlen herrscht um diese Zeit noch immer das Tauschgeschäft, d. h. die Bauern bringen Korn und bekommen dafür Brot, Mühlenbrot. Und endlich ist's noch ein Grund: der "viele Borg", wie sich der Volksmund ausdrückt. Und der letzte Naumann-Müller ist gutmütig — so lebt er fort in der Erinnerung der Sehmaer. 1892 verkauft Eduard Naumann zunächst die Fluren, die zur Naumann-Mühle gehören, und der neue Besitzer baut sich ein Gut darauf. So entsteht

das Gut Nr. 64b


in der jetzigen Wisenstraße, das gegenwärtig Max Lang gehört.

In demselben Jahre geht auch das Mühlengrundstück selbst in andere Hände über: von Buchholz her kommt

Alban Scheufler.


Unter ihm erfährt das alte Mühlengebäude nach und nach die verschiedensten Veränderungen, und heute steht es als schmuckes Fabrikgrundstück vor unseren Augen. 1892 fängt Alban Scheufler mit der Fabrikation von Lampenschirmen und Fenstervorsetzern an. 1897 wird dieser Artikel durch Kartonnagen ersetzt, und 1 Jahr später werden ausschließlich Luxuskartonnagen angefertigt. 1903/04 kommen die Wellpappen dazu, und gerade diese Abteilung ist seit 1915, wo der jetzige rührige Besitzer

Arno Flössel


die Fabrik übernimmt, wesentlich vergrößert worden. Unter ihm wird 1923 noch ein ganz neuer Fabrikationszweig eingeführt: es entsteht die Zelt- und Wagenplanen-Abteilung.

So herrscht heute hier an dieser Stelle unserer Heimat, an der uns ein gut Stück der Vergangenheit unseres Ortes entgegentritt, ein ernstes und betriebsames Fabrikleben, hier, wo in früheren Tagen singende und pfeifende Müllerburschen und Bäckergesellen ihrer geruhigen und weit poesievolleren Arbeit nachgehen, einer Arbeit, die viel weniger aufreibt, obwohl sie mehr Stunden des Tages umfaßt als heutigentags; denn die Müller und Bäcker der alten Zeit nehmen für sich dasselbe Lob in Anspruch, das im "Müllerliede" über das Wasser ausgesprochen wird, wo es heißt: "Es hat nicht Ruh' bei Tag und Nacht". Und dieser Gegensatz von einst und jetzt tritt auch schon äußerlich in die Erscheinung: die bedächtige Ruhe des langsamen Mühlenrades ist der eiligen Hast der leicht beweglichen Turbine gewichen. Es sind andere Zeiten gekommen!


Nr. 2 v. 13. Januar 1929



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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 122. Jahrgang, Nr. 2, 13. Januar 1929, S. 2

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