Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge.

1927 > Nr. 18/1927
(1. Fortsetzung.)

Noch bestehen in Annaberg die große Thiloische Seidenwarenfabrik, Parzers Fabrik für Seidenbänder, einige kleinere Seidenwaren-, Ausschnitt- und Modehandlungen, 1 Wachstuch-, 1 Regenschirme-, 1 Siegellack-, 1 Spielkarten-, 1 Feuerspritzen-Fabrik, 5 Seiden- u. a. Färbereien, bedeutende Gerbereien, das Kraussische Zinnlager, welches auch fein poliertes Zinn mit einigem Silbergehalte führt, 12—15 Material-, Tabak-, Kurzwaren- und zum Teil bis 1834 auch wichtige Gränzhandlungen. Der Handlungen überhaupt sind gegen 40; doch gehören nicht sämtliche Inhaber derselben Kramerinnungen zu. Seidenzwirn lieferte eine Zeit hindurch ein Mende auf seiner zu 432 Spulen eingerichteten Tramiermaschine, erhielt auch dafür 1791 eine kurfürstliche Belohnung, fand jedoch nicht lange seine Rechnung dabei. Bemerkung verdient noch die Fertigung von Kleister- u. a. Puppen."
Alter Frachtwagen um 1830
Alter Frachtwagen um 1830.
Die Vorbedingungen zu einem lebhaften Verkehr wären nach den Berichten Schiffners unzweifelhaft vorhanden gewesen. 10 Fabrikhandlungen, darunter mehrere Firmen mit europäischem Rufe, 1 große Seidenwarenfabrik, eine solche für Seidenbänder, etwa 1000 Stühle, auf denen Band, Fransen, Borten, allerleib Ligaturen und Anhänge hergestellt wurden, daneben Net-Stickerei und Ausnäherei und Klöppelei, alles Erzeugnisse, die sich zur Versendung mit der Post besonders eignen. Die Behördenzahl war fast dieselbe wie heute, nur daß die Amtshauptmannschaft fehlte; dafür gab es aber noch das Bergamt. Das Kreisgymnasium, aus der alten berühmten Lateinschule hervorgegangen, hat jedenfalls auch eine größere Anzahl Schüler von auswärts gehabt. Berücksichtigt man endlich die geographische Lage Annabergs in Bezug auf die starkbesuchten böhmischen Badeorte Karlsbad und Marienbad, zu denen die Kurgäste aus Norddeutschland, Rußland und Skandinavien auf der bereits Anfangs der dreißiger Jahre fertigen, vortrefflich gebauten Chaussee von Weipert über Gottesgab und Joachimsthal in größerer Anzahl ihren Weg über Annaberg nahmen (wie heute wiedr im Automobil. — Die Red.); zieht man ferner noch in Betracht, daß Buchholz, Oberwiesenthal und Jöhstadt noch ohne Postanstalten waren und sämtliche Ortschaften zwischen diesen Städten, und Schlettau, Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein und Marienberg, wo sich die nächsten Postämter befanden, mit einer Seelenzahl von mindestens rund 36 000 für ihren Austausch von Postsendungen mehr oder minder auf Annaberg angewiesen waren, und daß endlich diese Bewohner zum großen Teil von der Natur infolge der für die Landwirtschaft ungünstigen Höhenlage von jeher auf Gewerbefleiß angewiesen waren, so wird man mit Recht ein großes Verkehrsbedürfnis schon für diese Zeit voraussetzen können und müssen.

Diese Ansicht finden wir auch schon unter Annabergs tätiger Bürger- und Kaufmannschaft stark ausgeprägt. Sie beobachteten alle Vorgänge genau, ganz besonders die Verbesserung des Verkehrswesens, welche durch den in Deutschland beginnenden Eisenbahnbau in Aussicht stand, um den Absatz ihrer erzeugten, zum Teil kostbaren Waren zu erleichtern und zu vergrößern. Davon zeugen zwei umfangreiche Artikel in den Annaberger Wochenblättern, Jahrgang 1838. 1)

Dort werden auf 8 Seiten die Vorzüge einer Eisenbahnverbindung eingehend auseinandergesetzt und die "Ueberzeugung glänzender Resultate" mit dem Stoßseufzer ausgesprochen: "Aber das Geld zum Bau, das Geld, und noch einmal das Geld!" Und im Jahrgang 1839, als die sehnlichst gewünschte "Erzgebirgische Eisenbahn" nicht zustande gekommen und die Leipzig—Dresdener Eisenbahn fertig war, erschien ein Klagelied herzzerreißenden Inhalts unter dem Titel: "Die Leipzig—Dresdener Eisenbahn ein nationales Unglück fürs Erzgebirge." Sie wird darin ein "Verkehrsaufsauger und großer Geschäftsmagnet" genannt, welcher den "natürlichen Weg von Böhmen übers Gebirge ins Niederland, Leipzig, Hamburg und Bremen" an sich ziehe. "Was soll daraus werden?" ruft der Verfasser am Schlusse aus. "Soll das Wohl des Erzgebirges dem leidigen Zufall überlassen bleiben? Will man sich mit der hohlen Phrase trösten: "I, nun, es wird so schlimm nicht werden?" — Oder soll das Gebirge, worin es von jeher ausgezeichnet war, sich perfektionieren im Hunger? Nein, nichts von alledem! Es werde eine erzgebirgische Eisenbahn, die mich mit der Leipzig—Dresdener verbindet!"

Aus diesem Schmerzensschrei geht zur Genüge hervor, daß die damaligen Posteinrichtungen in unserer Stadt dem vorhandenen Verkehrsbedürfnisse nicht genügt haben. Ob mit Recht oder Unrecht, mögen die folgenden Angaben über die Postverbindungen im Jahre 1835, welche der Nr. 23 des Annaberger Wochenblattes vom genannten Jahre entnommen sind, entscheiden.
Annaberger Wochenblatt Nr. 23, Freitag, den 5. Juni 1835.

"Bekanntmachung.

Vom 1. Juni und resp. vom 1. Juli an reguliert sich der Postenlauf allhier folgendermaßen:

Sonntags wird ankommen:
Diligence von Leipzig, mittags,
Botenpost von Marienberg, 4 Uhr nachmittags,
Fahrpost von Marienberg, 6 Uhr abends,
Fahrpost von Schneeberg, 7 Uhr abends,
Eilpost von Dresden (vom 1. Juli an), 11½ Uhr nachts;

wird abgehen:
Botenpost nach Marienberg, 6 Uhr früh,
Botenpost nach Chemnitz, 10 Uhr vormittags,
Fahrpost nach Marienberg, 8 Uhr abends,
Eilpost nach Dresden (vom 1. Juli an), 10 Uhr nachts;

Montags wird ankommen:
Botenpost von Chemnitz, 3 ½ Uhr nachmittags;

wird abgehen:
Fahrpost nach Schneeberg, 2 Uhr früh,
Diligence nach Leipzig, 12 Uhr mittags.

Dienstags wird ankommen:
Diligence von Leipzig, 12 Uhr mittags;

wird abgehen:
Fahrpost nach Schwarzenberg, 10 Uhr vormittags.

Mittwochs wird ankommen:
Diligence von Leipzig, 12 Uhr mittags,
Fahrpost von Marienberg, 6 Uhr abends,
Fahrpost von Schneeberg, 7 Uhr abends,
Eilpost von Dresden (vom 1. Juli an), 11 ½ Uhr nachts;

wird abgehen:
Diligence nach Leipzig, 12 Uhr mittags,
Botenpost nach Karlsbad, 4 Uhr nachmittags,
Fahrpost nach Marienberg, 8 Uhr abends,
Eilpost nach Dresden (vom 1. Juli an), 10 Uhr abends.

Donnerstags wird ankommen:
nichts;

wird abgehen:
Fahrpost nach Schneeberg, 2 Uhr früh,
Botenpost nach Chemnitz, 10 Uhr vormittags.

Freitags wird ankommen:
Botenpost von Karlsbad, 8 Uhr früh,
Botenpost von Chemnitz, 3 ½ Uhr nachmittags,
Fahrpost von Schneeberg, 7 Uhr abends,
Botenpost von Marienberg, 8 Uhr abends;

wird abgehen:
Botenpost nach Marienberg, 6 Uhr früh,
Diligence nach Leipzig, 12 Uhr mittags.

Sonnabends wird ankommen und abgehen:
nichts.

Schlußzeit
ist für Gelder und Waren-Pakete 2 Stunden, für Briefe 1 Stunde vor Abgang der Posten. Bei den frühmorgens zeitig abgehenden Posten ist die Schlußzeit tags vorher 7 Uhr abends.

Annaberg, den 31. Mai 1835.
Königl. Sächs. Postamt."
Nach dieser Bekanntmachung gab es noch nicht eine einzige Post in der Woche, die täglichen Verkehr nach einem Orte gehabt hätte.

Es bestanden im ganzen überhaupt nur 30 Postverbindungen in der Woche gegen 259 jetzt (1896). Darunter befanden sich noch dazu 10 Botenposten und nur 20 Fahrposten.

Es gingen wöchentlich nach Leipzig 3 Diligenten, nach Schneeberg 3 Fahrposten, nach Dresden 2 Eilposten, nach Marienberg 2 Fahrposten, je 2 Botenposten nach Chemnitz und Marienberg und eine Botenpost nach Karlsbad. Am Sonnabend verkehrte überhaupt keine Post, und am Donnerstag gingen zwar 2 Posten ab, es kam aber keine an. Die häufigste Verbindung hatte Chemnitz durch die 3 Diligencen nach Leipzig und 2 Botenposten, also 5 in der Woche.

Das Postamt befand sich dem Hotel Museum gegenüber in dem ehemaligen Gasthof zum Weißen Roß. Es trug auf einer eingemauerten Tafel unter einem galoppierenden Rosse die Devise: "Nunquam retrorsum". Eine Stube als Expeditionslokal mit Schalter nach dem Hausflur, durch welchen die Posten nach dem geräumigen Hofe fuhren und dabei das Publikum gefährdeten, mußte bis zum Jahre 1866 dem Verkehr genügen. Das Postpersonal ohne Postillone bestand im ganzen aus 3 Personen gegen 67 jetzt (1896), 2), und zwar aus dem Postmeister, 1 Privatpostschreiber und 1 Briefträger. Ja, man könnte fast sagen, aus nur 2 ½ Personen; denn der Postmeister Reiche, später durch Adoption von Eisenstuck hier Reiche-Eisenstuck genannt, dessen Familie beinahe einundeinhalb Jahrhundert die Postgeschäfte in Annaberg leitete, — sein Großvater war bereits im Jahre 1734 "Königl. Poln. und Churfürstlich Sächs. wohlbestallter Postmeister allhier",3) und sein ältester Sohn, der im Jahre 1838 sein Nachfolger wurde, ließ sich 1877 als Postdirektor von Annaberg pensionieren — war vom Jahre 1832 ab zu gleicher Zeit Bürgermeister von nnaberg. Er mußte zwar zu dieser Wahl vorher die Genehmigung seiner vorgesetzten Behörde nachsuchen, dieselbe wurde ihm aber am 12. Juni 1832 mit folgenden Worten erteilt:

"Unter den von Ihnen, in Betreff Ihrer Erwählung zum Bürgermeister in Annaberg, unterm 4ten dieses anher angezeigten Umständen kann das Königl. Oberpostamt die Annahme dieser Wahl genehmigen. Es wird jedoch hierbei, rücksichtlich des Umfanges und der Wichtigkeit der, mit Ihrer Funktion als Postmeister verbundenen Geschäfte, vorausgesetzt, daß damit jenes städtische Amt unter allen Umständen verträglich sei und Sie dadurch diese Neben-Funktion nicht behindert werden, Ihre persönliche Tätigkeit und Aufsicht den Geschäften des Postamtes auch ferner so zu widmen, wie es sie Ordnung und das Beste des Postdienstes erheischen. Wornach sich zu achten! Leipzig, den 12. Juni 1832. Königlich Sächsisches Oberpostamt. Hüttner."

Das Schreiben ist gestempelt in Leipzig den 14. Juni 1832 und eingegangen den 18. Juni. Es hat mithin 3—4 Tage bis hierher gebraucht.

Da der Postmeister Reiche-Eisenstuck zugleich Posthalter war, so vereinigte er 1832 drei Aemter; außerdem gehörte er noch seit 1830 der zweiten Ständekammer an, deren 1. Präsident er längere Zeit war. Trotzdem hat der Postverkehr darunter nicht zu leiden gehabt. Seine Vielseitigkeit und Tüchtigkeit ließ ihn stets auf Verbesserungen der Verkehrsverhältnisse bedacht sein. Auf seine Kosten wurde 1824 ein Postwagen besserer Konstruktion hergestellt. Bis dahin bestanden die Verkehrsmittel mit Ausnahme des Dresdener Eilwagens, welcher einer Kutsche ältester Bauart ähnlich war, in Leiterwagen mit über Holzbügel gespannter Leinwand, sogenannter Plane. Die Sitze für die Reisenden, einfache Bretter, wurden quer mit Stricken oder Riemen eingehängt, dahinter lagen lose die Poststücke. Diese belästigten oft genug die Passagiere beim Bergabfahren, fielen ihnen in die Beine und sogar auf den Rücken.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 18 v. 8. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 18, 8. Mai 1927, S. 1

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