Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge.

1927 > Nr. 19/1927
(2. Fortsetzung)

Wie übrigens der Postwagen, welcher zwischen Annaberg und Chemnitz fuhr, beschaffen war, erhellt aus einer humoristischen Beschreibung desselben in Gestalt einer Grabrede, die bei seiner Außerkurssetzung 1839 im Annaberger Wochenblatt sich befindet und wahrscheinlich den Ober-Zollinspektor Frege zum Verfasser hat. In derselben heißt es: "Stoßseufzer bei dem Hinscheiden unseres unvergeßlichen Jonathan Rumpel, weiland kön. sächsischen Postwagens zwischen Annaberg und Chemnitz. Hoch- und Wohlgestoßene, Hochedelgepreßte, Insonders zusammengerüttelte Anwesende!"
Die gute alte Zeit.
Die gute alte Zeit.  (Nach einer Seidenweberei.)
Nachdem der Verfasser zuerst seinen "Schmerz und seine Dankbarkeit" über den "Toten" zum Ausdruck gebracht hat, beschreibt er den Wagen folgendermaßen:"Hätte Elias einen solchen Wagen gehabt, als er gen Himmel fuhr, er wäre heute noch unterwegs, und die Wirte auf der Milchstraße hätten doch wenigstens einige Einkehrung! Und wozu hätten die Griechen ihren schnellfüßigen Achill gebraucht, wenn Hektor in einem solchen Wagen gefahren wäre! Was sage ich, Hektor? Ach ganz Troja hätte in dieser Karrete Platz gehabt. Der verstorbene Rumpel war groß, dreimal groß, der wahre Trismegist unter den Wagen, eine wahre Hexenjeschichte (!) seines Zeitalters! Wenn er so in seiner stillen Größe um Rudolphs Ecke herum rumpelte, — mir stehen die Tränen in den Augen, — wer wäre ihm nicht voll Ehrerbietung ausgewichen! Er verdiente sie aber auch, diese Ehrerbietung; denn nicht nur seine bretterne Hülle, die Sie vor sich sehen, war groß und bewundernswert; nein, sein Geist und seine Taten waren es besonders, welche zur Verzweiflung hinrissen, und heute noch unsere Bewunderung in Anspruch nehmen. Diese seine geistige Größe zeigt sich aber besonders in dreierlei Hinsicht, 1. als Sarg, 2. als Kochmaschine, 3. als Paradiesgärtlein."

Aus diesen 3 Teilen soll nur folgendes zur Erklärung hervorgehoben werden: Er nennt den Wagen
  1. deshalb einen "rasselnden Wandersarg", weil in ihm auf der Fahrt die "Gefühle des Wohlseins und der Bequemlichkeit so ofte schmerzlich zu Grabe getragen worden sind";
  2. eine "Kochmaschine", weil "die Menschen bisweilen kochgar aus seinen herzzerreißenden Umschüttelungen hervorkamen" und selbst "Fleisch und Gemüse", das hineingetan würde, "nach einigem Herumfahren schön und gar gekocht wieder herausgenommen werden könnten", und endlich
  3. ein "Paradiesgärtlein", insofern, als durch ihn "manche Tugend ins Menschenherz" gepflanzet worden sei: "indem der Wagen dem zagenden Wanderer Heldenmut beim Einsteigen und Sitzenbleiben lehrte, auch stille Bescheidenheit beim Herauskriechen dem stolzesten Gentleman, festen Blick in das Jenseits und Todesverachtung dem Egoisten, der bis dahin gesunde Gliedmaßen für seine wichtigste Sorge angesehen hatte, und Geduld — ach, eine wahre Hundegeduld — wußte er allen beizubringen".

Wenn in diesem "Stoßseufzer" auch manches übertrieben dargestellt sein mag, so können wir doch aus dem großen Jubel, 1) mit welchem "die erste Dilligence, eine Eilpost mit verbessertem Wagen", die 1839 von Leipzig hierher kam und von Schönfeld aus feierlich eingeholt wurde, herauslesen, daß viel Wahres daran war. — Zur Vollständigkeit sei noch erwähnt, daß die Wagen damals noch nicht mit dem weithin leuchtenden Gelb angestrichen waren, sondern braun, wie aus einem Brotneidstreit zwischen dem hiesigen Sattlermeister Oeser und dem Schmiedemeister Löffler in Schlettau, welcher 1838 im "Annaberger Wochenblatt" 2) ausgefochten wurde, hervorgeht.

Daß die Verkehrsmittel jener Zeit in unserm Gebirge, und mit wenig Ausnahmen auch anderwärts, noch in einem so jämmerlichen Zustande waren, lag zum großen Teil an der schlechten Wegebeschaffenheit.

Die drei großen Straßenzüge nach Dresden über Freiberg, nach Leipzig über Chemnitz und nach Schneeberg, welche den Fahrposten zur Verfügung standen, waren noch nicht so angelegt und gehalten, daß besser und zarter gebaute, auf Federn ruhende Postwagen eine längere Zeit, ohne erheblichen Schaden zu nehmen, hätten verkehren können.

Die Wege litten noch an der von alters her übernommenen fehlerhaften Anlage in der Richtung. Man baute die Wege möglichst gerade nach dem Endpunkte zu, bergab, bergauf, die Täler möglichst kurz querend, unbekümmert um die Steilheit. Der Hemmschuh kam infolgedessen wenig zur Ruhe. Seine schleifende Kraft brachte selbst besser gebauten Wegen tiefe Wunden bei (heute reißen im Frühjahr bei Tauwetter die Ketten der Lastkraftwagen den Straßen die Wunden. Die Red.), deren Heilung infolge geringer Straßenaufsicht erst erfolgte, wenn es gar nicht mehr ging.

Von dieser Straßenbaumethode wich man selbst in den dreißiger Jahren noch nicht ab, sonst würde man die Chaussee nach Schneeberg, die in dieser Zeit vollendet wurde, nicht geradeaus von Buchholz über den Heitern Blick nach Schlettau steil hinauf und hinab gebaut haben, deren Steilabänderung über Neu-Amerika erst 20 Jahre später erfolgte. Die am meisten befahrene und von den Leipziger Diligencen benützte Straße nach Chemnitz wird noch bis zum Jahre 1838 3) als Mordweg und jammervoll bezeichnet. Die Marienberger Fahrposten mußten noch den Umweg über Heinzebank nehmen, da ein für Posten fahrbarer, direkter Weg von Wolkenstein nach Marienberg nicht existierte. Heinzebank war noch längere Zeit ein wichtiger Umlade- und Umsteigeplatz der Straßenkreuzung Annaberg-Dresden und Chemnitz-Komotau. Das überschwängliche Lob, welches von Zeitgenossen der "herrlichen böhmischen Chaussee" von Weipert nach Karlsbad gezollt wird, läßt unsere Straßen nicht im besten Lichte erscheinen und rechtfertigt vollauf das oben über unsere Chausseen Gesagte.

Brücken wurden nur gebaut, wo das Wasser dazu zwang. Die Anlage war dann in der Regel so niedrig, als das flüssige Element in der gewöhnlichen Frühjahrsstärke gerade Raum beanspruchte. Selbst gegenüberliegende enge Steilhänge durch Brücken zu verbinden, mied man fast ängstlich. Die Wagen mußten hinunter und drüben wieder hinauf "gelästert" werden.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt  Nr. 19 v. 15. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 19, 15. Mai 1927, S. 1

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