Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge.

1927 > Nr. 20/1927
(3. Fortsetzung.)

Man kann daher den Stolz der Annaberger begreifen, als im Jahre 1831 nach zweijähriger Bauzeit die das Kleinrückerswalder Tal vor dem Buchholzer Tor mit 7 Bogen übersetzende 89 Schritte lange und 11 Schritte breite Brücke vollendet dastand. (Ein Bild dieser Brücke nach ihrer Vollendung siehe E. S. Nr. 51/1926 in dem Artikel "Der Annaberger Bahnhof mit Emilienberg".) Sie wurde als "Ebenbild von Dresdens schönem Werke der Baukunst im verjüngten Maßstabe" hoch gefeiert. Ueberhaupt war Annabergs Bürgerschaft stets bestrebt, die Stadt und ihre Umgebung stetig zu verschönern und die Wege, soweit sie in ihr Bereich gehörten, für den Verkehr zu sichern und zu verbessern.
Die erste Annaberger Post.
Die erste Annaberger Post.
Im Gasthof zum weißen Roß, Buchholzer Straße 5, befand sich von 1698—1881 das Annaberger Postamt.
Derselbe zeitgenössische Berichterstatter, welcher die Karlsbader Kunststraße in seiner Reisebeschreibung 1) außerordentlich herausstreicht, die sächsischen Wege dagegen einer herben Kritik unterzieht, stellt der Stadtverwaltung ein überaus schmeichelhaftes Zeugnis mit folgenden Worten aus: "Ich eilte nach Annaberg zu, und schon in der Nähe des Weichbildes merkt man das Bestreben der dortigen Verwaltung, ihre Stadt ringsum zu verschönern. Chausseen und Baumanlagen, Sicherheits-Barrieren und Ruheplätze trifft man überall, wo es notwendig ist und Bequemlichkeit winkt. So ist es in der Stadt selbst; schmucke und reinliche Häuser und Straßen, gerader und herzlicher Bürgersinn und für Fremde eine gewünschte Aufnahme im Wilden Mann."

Zehn Jahre später wird in einem sehr schön mit Bildern ausgestatteten Werkchen 2) die Rührigkeit unserer Bürgerschaft noch mehr bestätigt. Es heißt dort: "Die Stadt hat das seltene Glück gehabt, bis in die neuern Zeiten herauf an der Spitze der Justizpflege und der Verwaltung ausgezeichnete Männer zu haben, die, wenn es das Schöne, Nützliche und Notwendige galt, nicht das Bürgertum allein zum Geben nötigten, sondern selbst in die eignen Taschen griffen und zur Nachahmung ermunterten. Dies mußte notwendig den Ort selbst sehr bald zur Mittelstadt erheben. Die Namen eines Bretschneider, Lommatzsch und des gemütlichen Schumann, als Superintendenten, und eines Benedict, Eisenstuck, Querfurth, Söldner, Glöckner und anderer mehr bei der Justiz und Verwaltung haben einen guten Klang. Noch jetzt, wenn man durch die Gassen und Straßen Annabergs wandert, drängt sich die Meinung für Ordnung und Nettigkeit, Schönheit und Schicklichkeit, die sich die Einwohnerschaft angeeignet hat, unwillkürlich auf. Ihr sozialer Verkehr bewegt sich nach Art eines patriarchalischen Familien-Zusammenhanges, in welchem sich jedermann, wer nur eingeführt ist, sehr wohl befinden kann. Bande, Borden- und Spitzengeschäfte, wozu sich in der neuen Zeit die Thilo und Röhlingsche und Röhlingsche und Föhrsche Seiden-Fabriken gesellt haben, geben nicht nur der Stadt, sondern auch der Gegend umher Nahrung und Gedeihen. Unmittelbar neben alten Klostermauern ist in einem stattlichen Gebäude die Thilo-Röhlingsche Seiden-Fabrik in reger Thätigkeit, und da die Mönche in ihrer Mastanstalt unfehlbar keine Seide spannen, so hätten sie ohnehin ihren offiziellen Müßiggang verlassen müssen."

Ein weiterer Beweis der Rührigkeit der Annaberger und zugleich der Unzulänglichkeit der Verkehrseinrichtungen tritt in der folgenden Bekanntmachung 3) des Postamts zutage: "Durch bisherige Mißbräuche dazu genötigt, werden die Herren Prinzipale und resp. Herrschaften dringend gebeten, ihre Lehrlinge und Dienstboten gefälligst anzuweisen, durch unnützes zu frühzeitiges Anfragen nach Ankunft der Posten, und Zudrang in das Postexpeditionslokal, auch überflüssiges Verweilen daselbst nicht lästig zu fallen."

Da die Posten nur in längeren Zwischenräumen und nicht zur bestimmten Minute wie heute ankamen, war es nur natürlich, daß sich bei der regen Geschäftstätigkeit und bei der dem Menschen mehr oder minder angebornen Neugierde bei fälligen Posteingängen das Publikum vorzeitig einstellte und dem Postamte nach damaligen Begriffen lästig wurde.

Es wäre jedoch verfehlt, der Postverwaltung jener Zeit einen großen Vorwurf wegen der geringen Postverbindungen zu machen und sie als ungenügend zu bezeichnen. Eine andere Bekanntmachung 4) des Postamtes im Jahre 1838 beleuchtet einen Uebelstand für die Post und Hinderungsgrund ihrer gedeihlichen Entwickelung. Dieselbe lautet: "Obwohl die Postverbindungen in neuerer Zeit auf möglichste Weise vermehrt und allen billigen Anforderungen des Publikums zu entsprechen gesucht worden ist, so hat man doch wider Erwarten beobachten müssen, daß durch Boten und Fuhrleute neuerdings mehr als je Postdefraudationen begangen werden. — Ein hohes Oberpostamt hat sich dadurch veranlaßt gefunden, neuerdings die Beobachtung der diesfallsigen bestehenden gesetzlichen Vorschriften einzuschärfen. Möge diese Warnung genügen, um die Veranlassung zu gesetzlichen Strafen zu entfernen."

Das Botenunwesen schmarotzte trotzdem nach alter Gewohnheit weiter. Botenfuhrleute, Lohn- und Land-Kutscher vermittelten zum weitaus größten Teile den Warenverkehr. Bei dieser Gelegenheit wurden Briefe und Personen in großer Anzahl heimlich befördert; auch vieles von ihnen auf ihren Fahrten mündlich ausgerichtet, weil es vor Einführung des Schulgesetzes von 1835 doch noch einen hohen Prozentsatz des Schreibens Unkundige gab. Der tief eingewurzelte Brauch, selbst zu den Messen und Märkten zu fahren, die erzeugten Waren mitzunehmen und andere einzukaufen, Bestellungen mündlich entgegen zu nehmen und zu geben, deren Regelung bei dem nächsten Zusammentreffen erfolgte, war nicht dazu angetan, der Post Verkehr zu schaffen. Die Geschäftskunden warteten geduldig bis zur nächsten persönlichen Zusammenkunft. Briefe wurden nur in den dringendsten Fällen geschrieben. Zeit war noch nicht Geld. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn in jener Zeit die Benutzung der Posten noch sehr schwach war. Reiselustige Leute gab es nur unter den sehr vermögenden. Sie fuhren meistens mit Extrapost. Dieser Verkehr soll auch hier bedeutend gewesen sein, zumal nach Karlsbad. Er brachte den Postmeistern, die zu gleicher Zeit Posthalter waren, den besten Verdienst und wurde deshalb von ihnen sehr gepflegt. 5) Einen Anhalt über den Umfang des Extrapostverkehrs hier gewährt einen Einblick in die Anzeigen der Wirte im Annaberger Wochenblatt. Wir finden in der aufs Geradewohl herausgegriffenen Zeit vom 9. bis 26. Juli 1833 36 durchreisende Personen aufgeführt, und zwar: 10 Norddeutsche, 9 Dresdener, 5 Russen, 2 Polen, 2 Dänen, 1 Newyorker, 1 Amsterdamer und 6 aus anderen Städten Sachsens. Davon reisten 27 nach Karlsbad, 2 nach Franzensbad, 2 nach Schneeberg, 2 nach anderen Orten Sachsens und 3 kamen von Karlsbad. Es befanden sich darunter: 1 Prinzessin, 1 Fürst, 2 Grafen, 5 Gräfinnen, 4 Räte, 1 Rätin, 1 General, 2 Kammerherren, 1 Staatsminister, 11 adlige Herren und Frauen und 7 Kaufleute, z. T. Bankiers, Buchhändler usw. Man kann mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß 32 davon, welche jedenfalls auch Gefolge bei sich führten, mit Extrapost, vielleicht auch in eigenen Wagen mit Extrapostpferden, gereist sein werden, und nur 4 von ihnen mit den gewöhnlichen Posten. Wie gering der Personenverkehr auf den letzteren war, dafür zeugt die einzige statistische Angabe, welche vom Jahre 1831 6) vorhanden ist. Sie gibt vollständigen Beweis, wie wenig die Posten benutzt wurden, wenn nicht etwa eine größere Anzahl blinder Passagiere uneingeschrieben und mithin ungezählt geblieben ist. Außerdem bestand noch die offen und die heimliche Konkurrenz der Lohn- und Landkutscher. Der Staat wußte sich ihr gegenüber nur dadurch schadlos zu halten, daß er von den Lohnkutschern für Touren von und über 2 Meilen eine gesetzliche Abgabe verlangte. Nach der unten stehenden Uebersicht waren von Annaberg im Jahre 1831 316 Personen gegen 24003 im Jahre 1865 zu den Posten eingeschrieben worden, mithin kamen auf die Woche 6. Das ist für 10 in derselben Zeit abgehende Posten ein klägliches Resultat. Und dabei wird noch in einer Anmerkung auf Seite 75 der angezogenen Statistik gesagt: "Ueberhaupt hat der Reiseverkehr in Sachsen in den letzteren Jahren gegen früher außerordentlich zugenommen, eine Erscheinung, die ihrer Erklärung wohl weniger in dem Geschäftsverkehr, als in der alle Stände ergriffenen Reiselust und in der Erleichterung des Reisens selbst, in Hinsicht auf Zeit, Kosten und Bequemlichkeit, finden möchte. Im Verhältnis des Gebietsumfanges ist das Königreich Sachsen dermalen das Postenreichste Land in ganz Deutschland und vielleicht in Europa." Diesem etwas prahlerischen sächsischen Eigenlob dürfte eine gewisse Berechtigung kaum abgesprochen werden können.

Übersicht der bei nachbenannten Poststationen im Jahre 1831 zu den ordinären Posten eingeschriebenen Personen:
In Adorf66(—)
" Annaberg316(—)
" Budißin177(272)
" Chemnitz1498(94)
" Dresden4273(627)
" Freiberg524(352)
" Großenhain341(139)
" Herrnhut9(68)
" Hof46(474)
" Leipzig3577(7632)
" Löbau304(558)
" Marienberg42(3)
" Meißen120(319)
" Pirna1195(138)
" Plauen347(328)
" Reichenbach269(23)
" Rochlitz346(—)
" Schneeberg294(—)
" Schwanenfeld79(60)
" Zittau89(270)
" Zwickau1231(429)
(Die in Klammern stehenden Zahlen geben die zu Eilposten eingeschriebenen Personen an.)


Uebersicht der im Jahre 1831 bei den königlich sächsischen Postanstalten zu Lohnfuhren mit Personen gelösten Erlaubnisscheine:
In Annaberg227
" Borna1001
" Budißin1115
" Chemnitz761
" Dresden2881
" Freiberg841
" Großenhain565
" Leipzig6984
" Löbau635
" Meißen1149
" Pirna1071
" Plauen545
" Reichenbach195
" Schneeberg232
" Zittau684
" Zwickau440
Die Wettiner Fürsten sind ja von jeher eifrig bemüht gewesen, die Post möglichst zu vervollkommnen, damit sie den an sie gestellten Forderungen genüge.

Aber der Gedanke an die Zusammengehörigkeit, der feste Zusammenschluß und die durch gemeinsame Einrichtungen ausgestaltete Einheit der deutschen Stämme waren noch nicht vorhanden. Der große Partikularismus, wirtschaftliche und politische Eifersüchteleien hätten es selbst dem großen Organisator Stephan unmöglich gemacht, die Verkehrsverhältnisse zu verbessern.

Einen deutlichen Beweis haben wir dafür in der einzigen in der Woche bestehenden Botenpost nach Karlsbad, Mittwoch nachmittag. Von und nach Karlsbad würde sich bei genügender Postverbindung gewiß ein reger Verkehr entfaltet haben. Die Kurgäste, die zu ihrer Gesundung dahin eilten, waren zum größten Teil gebildete, geistig rege Leute, welche das Bedürfnis hatten, auch selbst während der Badekur mit der übrigen Welt in geistigem Tauschverkehr zu bleiben. Aber der Grenzpfahl ließ eine bessere Verkehrsverbindung nicht zu.

Nicht viel besser war es mit den deutschen Staaten untereinander. Jede Ausdehnung der Postverbindung über die Grenze stieß auf große, ja unüberwindliche Hindernisse. Erst 1850, als nach mehrfachen Versuchen der deutsch-österreichische Postverein ins Leben gerufen worden war, konnte ein großer Teil der Hemmnisse, die dem nationalen Verkehr durch das Bestehen der vielen deutschen Postverwaltungen erwuchsen, beseitigt werden.

Wie geringfügig der Postverkehr vor 1850 gewesen sein mag, können wir in Ermangelung besseren statistischen Materials aus einem Vergleich der Posteinnahmen mit den heutigen ersehen. Im Budget auf die Finanzperiode von 1849—51 sind die Franko- und Portogelder-Einnahmen in Sachsen 7) auf 500 000 Taler veranschlagt. Die Porto- und Telegraphengebühren-Einnahme des Postamtes in Annaberg beläuft sich in den letzten drei Jahren (1894/96) auf rund 968 000 Mark, sie allein ist mithin nach 44 Jahren nur 35½ Prozent kleiner, als die von ganz Sachsen es war.

Wir, die wir auf der Höhe des Lebens stehen, sind uns des Umschwungs nur zum geringsten Teil bewußt. Wir haben nur eine schwache Vorstellung von den Zuständen, in welcher sonst jeder Ort lebte.

Die heute vollständig unentbehrliche Briefmarke 8) hatte ihren befreienden Kreislauf durch die Welt noch nicht angetreten. Briefkästen gab es kaum an den Postämtern der größten Städte, viel weniger in den Straßen. Dieselben wurden noch 1840 z. B. in der Stadt Hannover als überflüssig bezeichnet. Der Brief wurde nach den zurückgelegten Meilen austaxiert und langte am Ziele mit erstaunlicher Groschenhöhe an Porto an. Vor 1835 gab es noch keine Eisenbahn in Deutschland, welche Postsendungen Tag und Nacht mit Sturmeseile durch die Länder hätte befördern können.

(Schluß folgt.)

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 20 v. 22. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 20, 22. Mai 1927, S. 1

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