Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Entwicklung des Verkehrs im Obererzgebirge.

1927 > Nr. 17/1927
Die postalischen Verkehrsverhältnisse Annabergs vor ungefähr 60 Jahren (1838) überschrieb Oberpostsekretär, später Rechnungsrat Carl Ernst Enderlein † eine umfassende Arbeit, welche im V. Jahrbuch für 1895—1896 der Mitteilungen des Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgegend in Druck erschien. Enderlein gibt aber viel mehr als eine Schilderung der postalischen Verhältnisse. Er entrollt in großen Zügen ein sehr anschauliches Kulturbild aus der Zeit, welche nunmehr 80 Jahre und mehr zurückliegt und im Zeitalter der Autobusse und des Flugzeugs doppelt interessant zu lesen ist.
Stadttor von Marienberg
Stadttor von Marienberg.
(Photo: Kemter-Spremberg.)
Bei dieser Gelegenheit erachten wir es als unsere Pflicht, der Verdienste des Geschichtsvereins zu gedenken, dessen Arbeitsweise einmal die Anregung zu Vorträgen über alle Gebiete der Heimatkunde gibt und zum anderen die wertvollen Ausarbeitungen drucken läßt und sie so für spätere Zeiten aufbewahrt. Auf diese Weise sind wir auch in diesem speziellen Fall in der Lage, nachstehend den unterhaltsam geschriebenen und auf Grund statistischer Angaben wissenschaftlich wertvollen Aufsatz von Enderlein im Wortlaut wiederzugeben

*

Im Jahre 1873 war Annaberg die 14. größte Stadt im Klnigreich Sachsen, während das Postamt bezüglich der Portoeinnahme auf den Kopf der Einwohner an sechste Stelle nach der folgenden Aufstellung zu stehen kam:
Einwohner
Porto-Einnahme
Mark
pro Kopf
Mark
Leipzig106 9251 604 12715,00
Löbau5 85247 9558,19
Buchholz5 24741 2627,80
Zittau17 869122 2026,84
Dresden177 0891 204 6956,81
Annaberg11 69379 0506,75
Buchholz nahm also damals mit 7,8 Mark pro Kopf die dritte Stelle ein.

Seitdem aber von dem unermüdlich auf Verbesserung bedachten, geistreichen Leiter der deutschen Reichspost mit zielbewußter Tatkraft, weit ausschauendem Scharfblick und bewunderswertem Geschick die Fesseln des Verkehrs beseitigt und die Wege für den Handel und Verkehr durch billige und bequeme Tarife geebnet worden waren, hat der Postverkehr in Deutschland und ganz besonders in unserer Stadt einen ungeahnten Aufschwung genommen.

Ganz besonders trugen dazu folgende Neuerungen bei: Die Einführung des billigen Einheitsportos von 25 und 50 Pfennigen für Pakete bis zum Gewichte von 5 kg, die wesentliche Vereinfachung des Tarifs für schwerere Pakete, die einheitliche Erniedrigung des Portos für Geldbriefe und Ermäßigung der Versicherungsgebühr vom 1. Juli 1875 ab, die Schaffung des Weltpostvereins am 9. Oktober 1874 zu Bern, der uns das Einheitsporto für Briefe, Postkarten, Drucksachen, Warenproben usw. bei gleichzeitiger Herstellung eines völlig freien Weltverkehrs brachte, und nicht zuletzt der Abschluß einer am 3. November 1880 zu Paris von 22 Staaten unterzeichneten Uebereinkunft, auf Grund deren die postmäßige Beförderung von Paketen gegen einheitlich bemessene Gebührensätze zustande kam.

Diese großartigen Errungenschaften des General-Postmeisters Stephan wußten sich die rührigen Kaufleute unserer Stadt in ausgiebigster Weise nutzbar zu machen. Der Postverkehr mehrte sich hier in dieser Zeit so mächtig, daß das zeitherige Postgebäude in der Buchholzer Straße, welches nur 103 qm Diensträume besaß, bei weitem nicht mehr ausreichte und ein neues, reichseigenes gebaut werden mußte.

Dieses ganz in der Nähe des Marktes in der Klostergasse im Baustil der Frührenaissance aufgeführte Gebäude wurde am 1. April 1881 eingweiht. Es ermöglichte die Vereinigung der vorher getrennt untergebrachten Post und Telegraphie in einem Hause und enthält für diese Zwecke 14 Diensträume in der Größe von 445 qm. Sein gediegener und gefälliger Bau hat in der Folge auf den Geschmack bei Häuserbauten unserer Stadt, ja man kann sagen des Erzgebirges, vielfach veredelnd eingewirkt. Denn erst nach dieser Zeit hat man hier angefangen, auch dem äußeren Ansehen der Häuser etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Zur Einweihung des neuen Gebäudes hatte die Stadtvertretung in liebenswürdiger und freigebiger Weise den Postbeamten ein Festmal im Hotel Museum veranstaltet, zu dem die obersten Spitzen der Postbehörde eingeladen worden waren. Bei dieser Gelegenheit wurde von dem Kaiserlichen Oberpostdirektor, Herrn Geheimrat Walter in Leipzig, in einem auf das Wohl der aufstrebenden Stadt ausgebrachten Trinkspruche scherzweise der Wunsch ausgesprochen: es möge die Stadt und mit ihr der Verkehr sich so heben, daß in zehn Jahren auch die neuen Räume wieder zu klein seien. Dieser wohlgemeinte Wunsch ist noch vor Ablauf dieser Zeit buchstäblich in Erfüllung gegangen! Denn bereits im Jahre 1889 machte sich die Vergrößerung der Packkammer nötig. Sie allein ist nur 10 qm kleiner als die sämtlichen Diensträume des alten Postgebäudes in der Buchholzer Straße. Der deshalb neuerrichtete Packkammeranbau nach dem Hofe zu, in der Größe von 89 qm, wurde bereits im Jahre 1891 in Benutzung genommen; anstatt einer Waage kamen deren nun 4 zur Paketannahme in Gang. Die Zahl der aufgegebenen und angekommenen Pakete ist in der Zeit von 1874 bis 1895 von 112 482 jährlich auf 450 659 Stück, also über das Vierfache, gestiegen.

Zur Bewältigung des Verkehrs waren im Jahre 1873 27 Beamte und Unterbeamte nötig, 1895 bereits 68. Schon im Jahre 1889 hatte Annaberg sämtliche Städte Sachsens bezüglich der Einnahme pro Kopf der Bevölkerung überflügelt. Es war von Mk. 6,75 auf Mk. 21,45, um das Dreifache, gestiegen. Leipzig nahm in jenem Jahre Mk. 21,39 pro Kopf der Einwohner ein. Eine am Schlusse dieser Abhandlung beigegebene statistische Zusammenstellung für die Jahre 1831, 1865 und 1873 bis 1895 wird, da Zahlen am besten sprechen, ein klares Bild von der riesigen Aufwärtsbewegung des Postverkehrs unserer Stadt in gedrängter Form veranschaulichen.

Wenden wir uns nun nach dieser etwas ausgedehnten, aber zum besseren Verständnis für das Nachfolgende nötigen Einleitung dem eigentlichen Gegenstande unserer Betrachtung zu: Die postalischen Verkehrsverhältnisse der Stadt Annaberg vor ungefähr 60 Jahren.

Zu diesem Zwecke sind besonders ins Auge zu fassen: Das Verkehrsbedürfnis, die Verkehrseinrichtungen und -Verbindungen, die Verkehrsmittel und Verkehrswege.

Untersuchen wir zunächst das Verkehrsbedürfnis. Statistische Aufzeichnungen aus den 30er Jahren, wieviel Briefe, Pakete, Geldbriefe und Reisende mit der Post befördert worden sind, besitzen wir nicht. Wir müssen daher die Verkehrsbedürfnisfrage auf andere Weise zu beantworten versuchen. Einen Anhalt gewährt die Größe der Stadt, die vorhandenen Behörden und Schulen, und vor allen Dingen Handel und Industrie.

1839 schreibt Schiffner in seinem geographischen Handbuch auf Seite 262 folgendes:

"Unter Sachsens Städten ist Annaberg an Seelenzahl die 10te, aber an Größe der Binnenstadt eine der ersten, indem die Ringmauer bei fast kreisähnlicher Richtung über 4000 Ellen lang ist, und ehedem 1000 Häuser umschloß. Man zählte 1834 in 656 Nummern (nicht Wohnhäusern, wie im Ortsverzeichnis steht) 6697 Seelen, darunter 1 Jude, 12 Reformierte und 47 nach Chemnitz gepfarrte Katholiken. Jetzt (1839) darf man volle 7000 annehmen."

Nach den Mitteilungen des statistischen Vereins war die Reihenfolge der Städte nach der Einwohnerzahl 1834 folgende: Dresden 66 133, Leipzig 44 802, Chemnitz 21 137, Freiberg 11 054, Plauen i. V. 9029, Zittau 8508, Bautzen 8387, Meißen 7738, Schneeberg 6912, Annaberg 6697 und Zwickau 6411 — Buchholz 2478.

Beachtenswert ist die Stellung Annabergs hinter Schneeberg und vor Zwickau.

Ueber Behörden, Schulen usw. sagt Schiffner in seinem Handbuch auf Seite 263:

"Der mit voller Gerichtsbarkeit begabte Stadtrat, welcher bis 1832 aus 2 Bürgermeistern, 1 Syndikus und Justitiar, 1 Vizebürgermeister, 1 Stadtrichter und noch 4 Mitgliedern bestand (wozu 5 Vorsteher und Viertelsmeister kamen), begreift nun (1839) 1 Bürgermeister, 3 lebenslängliche und 3 zeitliche Stadträte, 1 Stadtrichter, 1 Vizestadtrichter, 1 Aktuar und 6 Stadtgerichtsbeisitzer. Er ist zugleich Gerichts- und Verwaltungsstelle für die Stadtdörfer Bärenwalde (Bärenstein) und halb Königswalde mit 2300 Seelen. Vor 300 Jahren bestanden hier eine Berghauptmannschaft, ein Oberbergamt, eine Münze, bis 1834 aber ein Hauptgeleite. Jetzt sind allhier ein Hauptzollamt und eine Obersteuerkontrolle nebst 3 Torkontrollstellen, das obergebirgische Oberzehendamt, ein Bergamt, ein Kobaltüberreiter, das Forstamt für den Crottendorfer Forstbezirk, eine der größten Superintendenturen im Lande, der einzige Bergprediger in demselben, ein Kreisgymnasium (1837 in 4 Haupt- und 1 Progymnasialklasse unter 6 Lehrern 99 Schüler), eine davon geschiedene Stadt- und Bürgerschule, endlich ein Postamt. Die hiesige Flöße ist keine Staats-, sondern nur eine städtische Anstalt."

Ueber dasv längst der Vergessenheit angehörige Bergamt, das infolgedessen ein größeres Interesse beansprucht, sei noch bemerkt:

"Das Bergamt begreift, unterm Bergmeister, 1 Bergschreiber und Quatembergeldereinnehmer, 1 Kobaltinspektor (der jedoch zur Zeit als Geschworener in Schneeberg wohnt), 1 Geschworenen allhier (zugleich Obereinfahrer) und einen zu Scheibenberg, 1 Assessor (Protokollist und Sporteleinnehmer), 1 Auditor, 1 Kopisten, 1 Markscheider (zugleich Magazinkontrolleur), 8 Schichtmeisterstellen (die zum Teil in Scheibenberg besetzt sind und deren eine der Bergschullehrer bekleidet), 1 Werkmeister, 3 Ausbeuteboten. Das Bergamt versorgt die vereinigten Bergreviere Annaberg, Scheibenberg, Hohenstein und Oberwiesenthal." Leider sind bei Schiffner gerade über den Ertrag des Bergbaues in den 30er Jahren keine Angaben vorhanden. Nur vom Jahre 1827 findet sich folgende Zusammenstellung, welche sich auf das vereinigte Bergrevier bezieht: "1827 waren unter 74 Zechen nur 2 königliche und 28 der Eigenlöhner, und unter der 435 Mann starken Bergknappschaft waren 17 Ober- und 29 andere Steiger, 48 niedere Chargierte, 192 Häuer, 86 Knechte, 58 Jungen, und bei den 54 Pochstempeln und 9 Wäschhorden 5 Arbeiter. Man betrieb damals 8 Kunstgezeuge, 8 Göpel (darunter 2 am Wasser) und 2 Rädermaschinen, und erbeutete 714 mk. Silber, 878 Zentner Kobalt, 738 Fuder Eisenstein, 687 Fuder Flösse, 330 Zentner Braungestein. In allen Bauen rückte man 1827 weiter um 220 5/16 Lachter. Die hiesige Knappschaftskasse besaß damals 3018 Taler. — 1831 aber gab es bei und unter dem Bergamte 18 Offizianten, 420 Arbeiter, und in gesamten Familien 1853v Seelen."

Für Annaberg können nur Silber und Kobalt in Frage kommen, deren Ausbeute 1827 nach den obigen Angaben immerhin noch bedeutend genannt werden kann.

Für den Postverkehr hatte jedoch der ganze Bergbau mit seinen Massengütern, die ausschließlich vom Frachtfuhrmann von Ort zu Ort bewegt wurden, wenig Bedeutung, viel wichtiger für ihn waren Handel und Gewerbe. Sehen wir uns daher um, wie es vor 60 Jahren damit in Annaberg stand. Schiffner gibt uns auch darüber Auskunft. Er schreibt auf Seite 270 seines Werkes:

"Unter den Gewerben des Ortes steht längst schon die Posamentenmacherei mit 1000 Stühlen obenan; die einst so wichtige Klöppelei dagegen ist auch hier zum Teil von Net-Stickerei und Ausnäherei verdrängt worden. Die Produkte dieser Gewerbe werden — nebst Merinos, Trikots, Gaze usw. — von etwa 10 Fabrikhandlungen debitiert, unter welchen sich besonders die Eisenstuckische und die Meyische hervortun, ja europäischen Ruf behaupten. — Für dieSpitzen-Klöppelei ist Annaberg der Stammort nicht bloß in Sachsen, sondern auf Erden; denn sie wurde hier 1561 erfunden (?) von einer Dame Barbara Uttmann geb. v. Elterlein, der Gattin des reichen Bergherrn Chph. Uttmann, welcher besonders die Briccius-Kupferzeche hinterm Pöhlberge besaß. Für den nötigen Spitzenzwirn — den man jedoch auch aus der Drebacher Gegend und aus den Niederlanden bezieht — hat die Eisenstuckische Handlung eine eigene Fabrik zu Sehma. Jeden Dienstag, als am "Kauftage", hält man Spitzenmarkt, wobei man früher die Spitzen zur Schau und Auswahl wie Marktware auslegte, wogegen sie jetzt den Fabrikhändlern ins Haus gebracht werden.

Jünger ist die von Buchholz zu Ende des 16. Jahrh. hierher verbreitete Posamentenmacherei und Bandweberei. Schon zu Anfange unseres Jahrh. zählte sie über 400 Meister. Jetzt liefert sie außer Zwirnband (darunter auch gemustertem, geblümtem und mit Inschrift versehenem) hauptsächlich noch Fransen, Borden, allerlei Ligaturen und Anhänge, und beschäftigt außer den eigentlichen Fabrikshändlern auch viekle Hausierer und Markthändler.


Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 17 v. 1. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 17, 1. Mai 1927, S. 1

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