Eine Erinnerung an Sehmas Vergangenheit. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Eine Erinnerung an Sehmas Vergangenheit.

Der Krippenverein zu Sehma hatte in diesem Jahre zum ersten Male eine eigene Weihnachtskrippe ausgestellt. Unter all den schönen Erzeugnissen der Schnitz- und Bastelkunst, die außer der Weihnachtskrippe noch zu sehen waren, interessierte besonders auch das Modell eines alten Sehmaer Hauses. Dieses Modell, das aus der kunstgeübten Hand von Hugo Beck hervorgegangen ist, stellt das alte Pollmer-Karl-Gut dar. Wer von den älteren Sehmaern könnte sich nicht auf dieses Haus besinnen! Es stand bis vor 30 Jahren an der Stelle, wo jetzt die Baubude auf dem Germannschen Bauplatze zu finden ist, also hinter dem Wilhelm Döhnelschen Grundstücke. Es hatte die Hausnummer 30 und zeigte mit der Vorderfront nach Süden zu. Auf dieser Seite standen drei stattliche, gesunde Kirschbäume, die den des Wegs Kommenden grüßten. Freilich, so hübsch gerade, wie es sich uns im Bilde darstellt, war das Haus nicht. Es war windschief und arg baufällig. Nach Art der alten Gebäude war es mit Stroh bedeckt. Manch ein Loch war in dem Dache. Hühner und Kätzchen krochen daraus hervor und machten ihre Spaziergänge da oben in luftiger Höhe. Viel bemerkt wurde auch eine kecke Birke, die auf dem Strohdache wurzelte. Und nun unten die Wohnstube! Aus einer Ecke derselben wuchs ein wilder Rosenstock hervor, und Hühner und anderes Geflügel gaben sich hier tagtäglich ein Stelldichein. In diese belebte Tierwelt mischte sich ein Pferd, der letzte Rest eines ehedem stattlicheren Viehbestandes. Mit seinem langhaarigen Felle erinnerte es mehr an ein Wollschaf denn an ein Roß. Aus dem jederzeit offenen Kommodenkasten holte es sich sein Futter. Alles in allem: idyllische Verhältnisse.
Sehma, Pollmer-Karl-Gut
Das alte Pollmer-Karl-Gut in Sehma.
(Bastelarbeit von Hugo Beck, Sehma.)
Der Besitzer dieser kleinen Wirtschaft, der solch ein naturverbundenes Dasein führte, war der im ganzen Orte wohlbekannte Pollmer-Karl, häufiger noch "Büttner-Karl" genannt, weil sein Vater vor ihm in demselben Grundstücke neben der Landwirtschaft noch eine Böttcherei betrieben hatte.

Unser "Büttner-Karl" kann wohl als ein Sehmaer Original bezeichnet werden. In jungen Jahren war er irgendwo Postkutscher gewesen. Das merkte man ihm an: er war gesund, kräftig, wohlberedt und zeigte ein umgängliches Wesen. Dann aber hatte ihn der Tod des Vaters in die elterliche Wirtschaft gerufen. Die Frau war ihm auch gestorben, und die Kinder waren nicht mehr daheim. Mehrere Jahrzehnte lang hauste er nun ganz allein in dem frauenlosen Haushalte. War's da ein Wunder, wenn die Wirtschaft von Jahr zu Jahr mehr und mehr verfiel!
Sehma, Pollmer-Karl-Gut
Das Pollmer-Karl-Gut in Sehma nach einem Aquarell von H. Escher. Veröffentlicht in Nr. 14 des I. E. S. vom 3. April 1932.
Sein Ende fand das Pollmer-Karl-Gut in einer Dezembernacht des Jahres 1902, wo es in Flammen aufging. Es brannte vollständig nieder — natürlich zum tiefen Leidwesen des alten, nun heimatlosen Besitzers. Die Gemeinde erwarb die Brandstelle. Die Mauerrreste wurden abgetragen, und nach und nach verblaßte die Erinnerung an das alte Pollmer-Karl-Gut.

Ganz vergessen wird es aber nie werden — nicht etwa bloß wegen der idyllischen Zustände, die darin herrschten, sondern vielmehr deshalb, weil hier ein Haus vom Erdboden verschwunden ist, das eine ortsgeschichtliche Bedeutung hat. Das "Büttner-Karl-Gut" soll das allererste Schulhaus von Sehma gewesen sein. Als solches ist es im Herbste 1670 vollendet worden — ebenso wie die Pfarre. Bezogen wurde es aber erst gegen Ende des Jahres 1673, weil um diese Zeit erst der langjährige Kirchenstreit mit der Mutterkirche Schlettau beigelegt wurde. Den Ruhm, die erste Schule von Sehma gewesen zu sein, nimmt aber in unserer Heimat noch ein anderes Haus für sich in Anspruch. Es ist dies das Haus Nummer 32, das früher lange Jahre auch in den Händen eines Pollmer war, nämlich Traugott Pollmer. Der gegenwärtige Besitzer ist Karl Ficker.

Wissen wir nun zwar nicht, welchem von den beiden Häusern wir die Ehre zuerkennen sollen, daß es die erste öffentliche Lehrstätte von Segma beherbergt habe, so ist doch das andere wenigstens ganz sicher, wer in dieser ersten Schule zuerst seines Amtes als Lehrer gewaltet hat. Es ist dies Johann Georg Köhler, Sehmas "altverdienter Ludimoderator (Schullehrer) und Organist". Ende 1673 oder spätestens Anfang 1674 zog er hier an, mit ihm zugleich Sehmas erster Pfarrer, Magister Nathanael Trowitzsch. Amtiert hat Köhler bis zum Jahre 1709. Am 11. April 1710 starb er hier an einem Schlagflusse in einem Alter von 65 Jahren. Nach Köhler wohnten und unterrichteten dann nacheinander noch vier Lehrer in dieser ersten Schule der Heimat. Unter Johann Gottfried Uhlmann wurde dann das zweite Schulhaus erbaut und bezogen. Es ist dies das Haus Nummer 31, das gegenwärtig von den Kindern des Bäckermeisters Wilhelm Döhnel bewohnt wird.
M.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 
Nr. 5 v. 29. Januar 1933

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 5, 29. Januar 1933, S. 1

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