Erzgebirgischer Volksaberglaube. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Erzgebirgischer Volksaberglaube.

1934 > 1934-24

Von Karl Hans Pollmer.

(Fortsetzung und Schluß.)


Den reichsten Ertrag für eine Aberglaubensforschung bringt die Weihnachtszeit. Schon beim Osterfest spielt Aberglaube eine Rolle - ich erwähne nur das Osterwasser, das man sich in der Osternacht aus einem Bach, der an einem Kreuzweg vorbeifließt, holen muß; Osterwasser verdirbt nie und besitzt heilende Kräfte; man darf aber beim Holen des Wassers auf dem Hin- und Heimweg kein Wörtlein sprechen, sonst verliert das Wasser seine Heilkraft - zur Weihnachtszeit aber ist die Fülle des Aberglaubens, den es zu beachten gibt, eine unvergleichlich größere. Am Heiligen Abend soll man nicht anklopfen, ehe man in eine Stube hineingeht; der Ofentopf soll nicht leer sein, sonst ist das ganze kommende Jahr leer; man soll nichts borgen und auch nichts verborgen; Kinder mögen zusehen, daß sie am Heiligen Abend keine Schläge bekommen - sie haben sonst für das ganze Jahr Schläge zu erwarten. Am Heiligen Abend werden als Mittagsgerichte gerne Linsen gegessen; denn Linsen-Essen am Weihnachtsvortag bringt Geld und Reichtum. Wer am Heiligen Abend etwas zerbricht, stirbt im folgenden Jahr. Zum Festessen am Abend muß das berühmte "Neunerlei" auf dem Tisch stehen, d. h. also, neun Gerichte müssen da sein. Was im einzelnen zu diesem "Neunerlei" gehört, steht nicht einheitlich fest; die Hauptsache ist nur, daß neun verschiedene Gerichte auf den Tisch kommen. Man braucht auch nicht alle neun aufzuessen; es genügt, wenn von jedem gekostet wird. Auf keinem Fall dürfen auf dem Tisch fehlen Salz, Brot und das Tischlicht; diese drei Dinge werden nach dem Essen in die Tischdecke eingeschlagen und bleiben bis zum Christtag-Morgen auf dem Tisch. Ebenso verfährt man am Silvester-Abend. Während des Essens am Heiligen Abend darf man nicht aufstehen. Auch soll man niemand hereinlassen in die Stube; es heißt: Wenn während des Heiligabendessens jemand ins Zimmer kommt, dann sitzt im nächsten Jahr am Heiligen Abend eine Person mehr am Tisch. In vielen Familien wird aus diesem Grunde zum Essen am Heiligen Abend die Tür verschlossen und unbarmherzig jeder stehen gelassen, der draußen pocht oder klingelt. Am Silvesterabend versucht man mittels des Bleigießens in die Zukunft zu schauen. Aus den gegossenen Figuren sucht man Gegenstände herauszulesen. In den Arbeitsstuben, in kleineren Fabrikstuben, werfen die Mädchen am Silvester Pantoffel hinter sich. Zeigen die Pantoffel mit der Spitze zur Tür, dann besagt dies, daß das betr. Mädchen, das den Pantoffel geworfen hat, im kommenden Jahr die Arbeitsstube aus irgendeinem Grunde verlassen wird - es kann eine andere Arbeitsstelle annehmen, kann heiraten, kann in einen anderen Ort ziehen, kann auch sterben. Manche Leute brennen auch in der Silvesternacht alle Lampen an, die sie im Hause haben; das soll notwendig sein für den Erhalt des häuslichen Segens. Groß ist die Bedeutung der sog. "Innernächte"; das sind die 12 Nächte vom Heiligen Abend bis zum Hochneujahr. Was man in diesen 12 Nächten träumt, das erfüllt sich im kommenden Jahr dergestalt, daß der Traum in der ersten Nacht im ersten Monat, also im Januar, der in der zweiten Nacht im zweiten Monat, also im Februar, etc. in Erfüllung gehen wird. Bedeutsam sind nicht nur die "Innernächte", sondern überhaupt die Tage vom Heiligen Abend bis zum Hohen Neujahr. Während dieser Zeit soll man sich nicht die Haare schneiden lassen, soll man auch keine Fußzehen- oder Fingernägel abschneiden, soll man keine Bettwäsche waschen, soll nichts zerbrechen!

Ueber die Bedeutung der Träume - nicht nur der "Innernachts"-Träume, der Träume überhaupt, im allgemeinen - weiß man folgendes zu sagen: Träumt man von Feuer, und zwar von hellem Feuer, dann bedeutet das etwas Schönes; dunkles Feuer dagegen, vor allem Rauch, bedeutet nichts Gutes; Leichen deuten auf Regenwetter; Geld prophezeit ein nahes Unglück; träumt man von kleinen Kindern, dann erfährt man am nächsten Tag eine "neue Post", d. h. eine Neuigkeit; schwarze Beeren bedeuten Aerger - wie ja überhaupt etwas Schwarzes immer etwas Schlechtes besagt; Perlen bedeuten gtränen, Leid. Ebenso wie die Träume der "Innernächte" in Erfüllung gehen, so erfüllen sich auch die Träume in der Andreasnacht, der Nacht des 30. November.

Man braucht im Erzgebirge nicht etwa lange zu suchen, um Aberglauben zu finden - man begegnet ihm vielmehr auf Schritt und Tritt. Zwar bindet man sich heute nicht mehr so knechtisch und geradezu fanatisch an den Aberglauben, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war, man aschenkt ihm aber immerhin noch nennenswerte Beachtung. Ein bißchen abergläubisch ist im Erzgebirge jeder.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 24 v. 10. Juni 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 24, 10. Juni 1934, S. 1

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