Noch einmal vom erzgebirgischen Bilderrätsel in Klösterlein Zelle. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Noch einmal vom erzgebirgischen Bilderrätsel in Klösterlein Zelle.

Von Oberstudiendirektor Dr. phil. Max Wünschmann.


Otto Eduard Schmidt erblickt an Stelle des Heiligen zur Rechten der Gottesmutter im Bilde am Ostgiebel der einschiffigen romanischen Kirche von Klösterlein Zelle in Aue den Klosterstifter auf altem Reichsboden und den Kreuzzugsführer Kaiser Friedrich Rotbart. Unter der Voraussetzung der richtigen Wiedergabe der Linien des Sgrafittos, des in eine besonders zubereitete feine Mörtelschicht eingeritzten Bildes, wurde wahrscheinlich gemacht, daß nur der Hohenstaufenheilige Kaiser Karl der Große in Frage kommen könne. Es wurde aber auch die Möglichkeit berücksichtigt, daß der Zeichner der Bildskizze bei Otto Eduard Schmidt S. 231 in der Wiedergabe der Bildreste irrte und Spuren in einzelnen Punkten falsch deutete. Unter dieser Annahme wurde ausgeführt, daß die zum Rätselraten verführende Gestalt das Bild des Apostels Bartholomäus gewesen sein könne, da es schwer fällt, an den für Klösterlein Zelle in erster Linie in Frage stehenden Apostelheiligen Andreas beim Anblicke der erhalten gebliebenen Umrisse zu denken. — Nun läßt sich aber noch vermuten, daß Irrungen der Wiedergabe nicht nur im Bilde selbst, sondern auch in den kümmerlichen Ueberbleibseln der Unterschriftzeile sich unabsichtlich eingestellt haben. Diese Buchstabvenspuren wurden Otto Eduard Schmidt in der Form überliefert: Martin(us) me fe(cit), d. h. "Martin hat mich geschaffen." Darum schreibt er S. 229: "Der Maler, der sich in der Unterschrift nennt, war wohl ein Mönch des Klosters." Siegfried Sieber in Aue vertritt 1924 noch die Ansicht: "Damit ist uns der älteste Künstlername in Sachsen erhalten." Ich kann aber auch dieser Deutung spärlich erhaltener Schriftreste gegenüber Zweifel nicht unterdrücken. Man vergleiche die auffallende Höhe der Buchstaben der Unterschrift mit der Größe der dargestellten 3 Heiligen. Der Meister des Bildes war ein frommer Künstler des Mittelalters. So auffallend groß kann er selbst kaum seine Urheberschaft beurkundet haben. Das Bild, — sei es nun Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts oder im 14. Jahrhundert entstanden, — trug meinem Gefühle nach die vermutete prahlende Unterschrift nicht, sicher besonders dann nicht, wenn der Meister ein Mönch war. Nach der auffallenden Größe der Buchstabenreste zu urteilen, stand höchst wahrscheinlich ein kurzes lateinisches Gebet um die Fürbitte Marias unter dem Bilde. Die Kirche war ja im lebendigen Volksbewußtsein eine Marienkirche, obwohl sie 1173 der heiligen Dreifaltigkeit und dem Apostel Andreas geweiht wurde. Auf dem Bilde sind die beiden Heiligen nur als ihr Hofstaat gedacht. Die Marienkirche von Klösterlein Zelle erzählt uns noch von der Zeit des Frauendienstes, von der Zeit, in der die deutschen Siedler im wilden Grenzwalde sich als Marienritter, als Mantelkinder, Schutzmantelkinder der Maria fühlten, Klostergründungen den Trost des Marienschutzes in die Wildnisse trugen zur Erhaltung und Stärkung des Siedlereifers. Von der äußeren Chorwand im Osten grüßte einst auch das Marienbild von Klösterlein Zelle, um Kleines mit Großem zu vergleichen *), wie das gewaltige Marienbild aus dem Jahre 1340 am Chore der Marienkirche der herrlichen Marienburg an der Nogat, nach dem der deutschen Siedler harrenden Landgebiete als Talisman und als Symbol der christlichen deutschen Kultur. Es wirft wie ein von zwei Tragespeeren gespanntes heiliges Teppichbild einer deutschen Auswandergemeinde, wie das Standartenbild einer Wallfahrerprozession zur Vertreibung der Finsternisdämonen der Wildnis. Auch dieses schlichte Kirchlein von Klösterlein Zelle bekannte sich durch seinen äußeren Bildschmuck des Altarraumes als ein Fahnenlehn der Himmelskaiserin, der großen Schutzheiligen des römischen Kaiserreiches im Besitze der deutschen Nation. —

Einzelne Buchstaben werden unter der Bildskizze Otto Eduard Schmidts richtig wiedergegeben sein, wahrscheinlich auch die Buchstabenfolge Mar in dem Namen Martin. Sie gehören zu dem Stoßgebete an die Mutter des Weltheilandes. — Sollte aber die Möglichkeit sich erweisen lassen, daß sich der ganze Name Martin vom Mauerwerke einwandfrei habe ablesen lassen, dann könnte man einer weiteren Vermutung Raum geben. Das Wandbild entstammt einer Zeit, in der die Künstler die Bilder der Heiligen nicht so darzustellen vermochten, daß man in ihnen sofort die gemeinte bestimmte Person erkennen konnte. Das System der genau kennzeichnenden, allgemein anerkannten und bekannten Beigaben, der Symbole, war noch unvollkommen. Da halfen sich die Künstler gelegentlich mit Unterschriften unter ihren Bildern. Wäre nun der Name Martin wirklich die unter dem rechts von der Himmelskönigin und Weltheilandsmutter stehenden Heiligen, so dürften wir nur an den großen Kirchenheiligen St. Martin von Tours denken, den Lieblingsheiligen bereits des Gründers der Abhängigkeit der deutschen Kirche von Rom, des nicht ganz mit Recht als Apostel der Deutschen bezeichneten großen mitteldeutschen Missionars Winfried Bonifatius, den Gustav Freytag in dem Romane Ingraban so herrlich zeichnete. St. Martin, der auch Namensheiliger des späteren Augustinermönches Martin Luther wurde, ist, nach Durandus, der einzige Heilige unter der Heiligengruppe der Bekenner (confessores), dem im Mittelalter eine Oktave, d. h. eine volle Festwoche gewidmet wurde. Martin, der 3. Bischof von Tours, wurde bereits vor der Gründung von Klösterlein Zelle und viele Jahrhunderte vor dem heiligen Nikolaus diesseits der Alpen allerorts hoch gefeiert. Besonders Franken zählte viele Martinskirche. Aus Franken stammten viele Bauernsiedler Sachsens und besonders auch des Erzgebirges. Ihr Lieblingsheiliger an der Chorwand würde, falls die Unterschrift zu Recht bestünde, manchen Einwanderer als Wallfahrer und Kirchenspender nach der Augustinerpropstei an der Mulde gezogen haben. St. Martin von Tours war nun weiter der Namensheilige eines in der Gründungszeit von Klösterlein Zelle in weiten Kreisen bekannten, hochangesehenen Kirchenmannes, des im Leben seiner Zeit bedeutsam hervortretenden Meißener Bischofs Martin (1170 — 1190). Klösterlein Zelle lag zwar noch im Bistum Naumburg an seiner südöstlichen Grenze. Es stand unter der geistlichen Betreuung des Naumburger Bischofs Udo II. Aber nach dem Geschichtsschreiber Petrus Albinus war Martin, bevor er Domherr und später geistliches Oberhaupt des Bistums Meißen wurde, Mitglied des Augustiner-Chorherren-Stiftes Petersberg bei Halle, und Klösterlein Zelle war eine Augustinerpropstei. Ihr Auskommen an einer ehemaligen deutschen Kulturgrenze als Kulturvorposten war 1173 laut Kaiser Rotbarts Stiftungsurkunde vor allem auch durch Opfer des Grafen Meinher I. von Hartenstein, der später auch noch Burggraf von Meißen wurde, gesichert worden. Als Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahre 1177 sich mit Papst Alexander III. ausgesöhnt hatte, berief dieser zur Befestigung des kirchlichen Friedens im Monat März 1179 die 3. Lateranensische oder nach römischer Zählung die 11. allgemeine Kirchenversammlung, der 302 Bischöfe und 700 Aebte beiwohnten. Unter den hohen Geistlichen befanden sich auch die Nachbarbischöfe Udo II. von Naumburg-Zeitz und Martin von Meißen. Nach seiner heimatlichen Diözese zurückgekehrt, weihte Bischof Martin in der Zisterzienserabtei Altzella bei Nossen 2 neue an der Südseite der Klosterkirche errichtete Kapellen, davon die eine den beiden heiligen Bischöfen Martin und Nikolaus gewidmet war. St. Martin erscheint hier, wie fast immer wenn ihm auf den Altären ein männlicher Partner zugeteilt wird, neben St. Nikolaus. In der Umgebung Friedrich Rotbarts findet man Bischof Martin von Meißen auf dem an Mühseligkeiten reichen 3. Kreuzzug zur Wiedereroberung "des Erbteiles Gottes auf Erden". Am 15. Juli 1190, fünf Wochen nach dem Tode des großen Staufenkaisers, stirbt er unweit der Stadt Tyrus. Ort des Todes und Grabes sind unbekannt. Die Palme in der Hand des heiligen Bischofes Martin von Tours im Bilde von Klösterlein Zelle könnte zugleich eine Huldigung für den Augustinerordensbruder sein, der seinem Namensheiligen durch seine Lebensführung Ehre bereitete und seinem Namen und Andenken neuen Glanz und neue Zugkraft verlieh. Die zwei, bez. auch noch ein drittes hinzuzudenkendes Kreischen im Heiligenscheine, die Otto Eduard Schmidt als Kronzacken deutet, wären als 3 Hostien denkbar, die im Sinne der Martinslegende, als der Heilige einst in Tours Messe las, aufschwebten und über seinem Haupte Sonnenstrahlen aussendeten und den gewaltigen Gottesmann symbolisieren, der den Athanasianismus in Gallien und das abendländische Mönchtum nördlich der Alpen zum Siege führte. Die Kleidung über seinem linken Arme würde das große fränkische Königsheiligtum, seine cappa, seinen gallischen Rock mit Kapuze, oder die Hälfte seines Mantels vorstellen, die er im Winter als Reiteroffizier einem frierenden Alten vom Rosse herab zuwarf. Der in der Schmidtschen Skizze erscheinende Reichsapfel könnte aus den Spuren der Abbildung eines silbernen Weihegeschenkes einer Gans herausgedeutet worden sein. Diese Beigabe für die Kenzeichnung von Martinsbildern wurde erst möglich, als die Martinslegende in der Fassung der Goldenen Legende (legenda aurea) des Jacobus a Voragine († 1298) von phantasievollen Ausgestaltern christlicher Sagen weitergebildet worden war und eine Begebenheit bot, die für die darstellenden Künstler eine Handhabe für die Gestaltung eines Symboles für Martinsbilder gab. Aus der kirchlichen Abgabe der Martinsgänse an den Klerus in der Zeit der mit großen Trinkgelagen verbundenen Martinsschmäuse, die bereits im Gründungsjahrhundert von Klösterlein Zelle sicher bezeugt ist, entwickelte sich der Legendenzug, daß das Versteck des bescheidenen Martin in einem Stallraume, in dem er sich seiner Erhebung zum Bischofe von Tours entziehen wollte, durch das schnatternde Geschrei von Gänsen verraten worden sei. Die Jahrbücher der Abtei Corvey südlich Holzminden, östlich Höxter an der Weser, erzählen uns, daß um das Jahr 1171, also etwa 2 Jahre vor der Stiftung von Klösterlein Zelle, Ulrich (Otelricus) von Swalenberg der Abtei Corvey ein Weihegeschenk in Gestalt einer silbernen Gans am Feste des heiligen Bischofs Martin von Tours am 11. November verehrt habe. Das kostbare Weihegeschenk vertrat die Stelle der Naturallieferung, hatte aber sicherlich nicht die natürliche Größe des dargestellten Haus- und Herdenvogels, sondern nur seine Gestalt. Der Geist und die Lage des Ortes war, wie später Ehrenfriedersdorf, auch in Klösterlein Zelle der Verehrung des heiligen Martin von Tours günstig. Das Kloster entstand am Böhmischen Steige als Einzelsiedelung im Grenzwalde an Wasserübergängen. St. Martin galt als Schutzpatron der Reiter und damit der Fernziele suchenden Reisenden und Großhändler. Er sorgte für schönes Wetter, verhütete auch das Wundreiten und schützte vor Schlangen. Zu ihm beteten Huf- und Waffenschmiede (Platner und Schwertfeger), sowie die Gürtler. Er war Patron der Waldarbeiter (Holzer), da er nach der Legende einen fallenden Baumriesen durch Kreuzschlagen von sich abwendete, der Böttcher, der Waldhirten, der Haustiere, besonders der Pferde, Schafe und Gänse, der Gerber (der Saffian-, Pergament-, Sämisch- und Weißgerber), der Schaflederhändler, der Säckler (der Felleisenhersteller), der Sattler, der Handschuhmacher, der Hutmacher, der Bürstenbinder, der Wollweber, der Tuchhändler und Schneider.

*) Die 1870 wiederhergestellte Kolossalfigur der Jungfrau Maria in der östlichen äußeren Fensternische der Marienkirche des Hochschlosses der Marienburg war ursprünglich 1335 — 1340 in bemaltem Stuck hergestellt und wurde erst 1380 mit farbigen und goldigen, in den Stuck eingesetzten Glasstiften von italienischen Mosaikkünstlern, die für Kaiser Karl IV. in Prag gearbeitet hatten, in ein Glasmosaikbildnis umgewandelt. Die Gestalt der Jungfrau ist 7,85 Meter, die des Christkindes auf ihren Armen 2,20 Meter hoch.   [zurück]

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 12 - 1926, S. 3

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