Aus der Geschichte von Herold (Schluß). - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Aus der Geschichte von Herold (Schluß).

Zusammengestellt von Karl Hans Pollmer.

Schließlich beschloß der Gemeinderat, bei den vorgesetzten Behörden den Antrag auf Auspfarrung Herolds aus der Parochie Drebach zu stellen. Dieser denkwürdige Beschluß wurde am 14. August 1857 gefaßt. Damit war der Anfang gemacht zu einer langen Reihe von Verhandlungen und Besprechungen. Die kurzen Notizen, die über die Geschichte des Kirchenbaues in Herold vorliegen, lassen viel ahnen von den Hindernissen, die sich von den verschiedensten Seiten aus gegen den großen Plan auftaten. In erster Linie mag wohl die Kostenfrage Grund zu ernsten Besorgnissen gewesen sein. Aber mit Hilfe von Darlehen, hochherzigen Spenden und der jungen Kirchgemeinde großzügig zur Verfügung gestellten Kollekten gelang es, die nicht geringen Unkosten für den Bau des Gotteshauses, für die Inneneinrichtung und Ausstattung der Kirche und für das Gehalt des neuen Pfarrherrn restlos zu decken. Wie langwierig und zeitraubend die Vorverhandlungen und Vorbesprechungen gewesen sein mögen, geht daraus hervor, daß zwischen dem Beschluß der Auspfarrung Herolds aus der Parochie Drebach im Jahre 1857 und dem Beginn des Kirchenbaues reichlich 5 Jahre verstreichen konnten. Der Bauriß war von Brandversicherungs-Oberinspektor Gutwasser in Zwickau angefertigt worden; schließlich aber übertrug man den gesamten Bau dem Baumeister Louis Julius Uhlig aus Altenhain. Der Grundriß wurde am 25. September 1862 gelegt. In den Grundstein wurden eine vom Gerichtsamtmann Wiegand aus Ehrenfriedersdorf vorher unter großer Feierlichkeit verlesene Urkunde, die an den Auspfarrungsbeschluß vom 14. August 1857 erinnerte, und ein Taler und ein Fünfpfennigstück aus dem Jahre 1862 eingemauert. Zu Eintritt der kalten Jahreszeit war der Bau bis zur Herausmauerung des Grundes vorgeschritten. Im Winter ruhte der Bau; erst Anfang März 1863 wurde er wieder aufgenommen. Das Jahr 1862, in dem der Kirchenbau begann, war für Herold kein besonders glückliches Jahr. Am 16. Juli vernichtete ein großes Schadenfeuer 3 Wohnhäuser. Das Feuer brach im "Schenkengut" aus. Die Schenke lag an der Drebacher Straße und hieß allgemein De Rußbutt. Durch Funkenflug entzündeten sich die Schindeldächer der neben der Schenke stehenden Wohnhäuser von Roscher und Burkhardt. Ehe die "Feuerwehr" zum Löschen kam, lagen die drei Gebäude in Schutt und Asche. am Ende des Jahres 1862, im Dezember, trat eine bedenkliche Gewerbestockung ein. Infolge des amerikanischen Bürgerkrieges gab es in den Fabriken nur wenig Arbeit. Zwei der Baumwollspinnereien hatten geschlossen, die dritte beschäftigte ihre Arbeiter nicht mehr vollständig; später feierten alle drei. Der Bau der Kirche kam somit ganz gelegen. Es wurden bis zum Heben des Kirchendaches 15—24 Maurer, 7 Zimmerleute und 9 Handlanger beschäftigt. Später verringerte sich die Zahl der Arbeiter.

Der gegenwärtige Ortsälteste von Herold, der über 90 Jahre alte Karl Müller, ist beim Bau der Kirche als Handlanger beschäftigt gewesen. Für eine Stunde Arbeit hat er – wie er mir erzählte – acht Pfennige Lohn bekommen. Ein einziger unter den Handlangern bekam einen Stundenlohn von zehn Pfennigen. Dieser "Auserwählte" transportierte die Ecksteine; er wurde deshalb von den anderen nur spöttisch "Graf von Eckstein" genannt. Die Maurer erhielten 14 Pfennige pro Stunde. Die Gesamtarbeitszeit am Tag betrug 14 Stunden.

Im Sommer 1863 war der Bau des neuen Gotteshauses so weit vorgeschritten, daß am 20. Juni der Dachstuhl der Kirche, am 26. August das Sparrenwerk des Turmes aufgesetzt werden konnte. Der Bau ging seinem Ende entgegen. Im November 1863 wurde die junge Kirchgemeinde durch ein großzügiges Geschenk, das ihr die "Ausstellung kirchlicher Kunst- und Gewerbeerzeugnisse" in Hohenstein zusandte, aufs freudigste überrascht, nämlich durch ein Etui mit einem silbernen Kelch und einem vergoldeten Hostienteller zu Hauskommunionen. 1864 war die Kirche so weit fertiggestellt, daß sie eingeweiht und der neuen Parochie übergeben werden konnte.

Am 25. September 1864, am Jahrestag der Grundsteinlegung, fand unter vollzähliger Beteiligung der Einwohnerschaft und unter Teilnahme vieler auswärtiger kirchlicher und weltlicher Behörden die feierliche Einweihung des neuen Gotteshauses in Herold statt. Die Herolder Kirche ist mit ihrem Alter von 70 Jahren eine der jüngsten Kirchen des oberen Erzgebirges, und sie ist — man kann ihr das nicht absprechen — trotz ihrer Einfachheit und schlichten inneren Ausstattung auch eine der schönsten Kirchen unserer Heimat. Zum Bau dieses Gotteshauses kann man im Gedenken an Psalm 127,1 ("Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen!") so recht sagen: Hier hat wirklich der Herr gebaut! Bei den schweren Arbeiten ist kein einziger der Arbeiter abgestürzt oder anders verunglückt; und trotz der mannigfachen Nöte undGeldsorgen, die sich immer wieder auftaten, ist dieser Bau glücklich zu Ende geführt worden. Gottes Segen verblieb der treuen Gemeinde auch weiterhin. Die Fabriken konnten ihre Tore wieder öffnen und der längere Zeit arbeitslos gewesenen Bevölkerung wieder Arbeit und Brot geben.

Eine Trübung allerdings brachte der Winter 1868. Im Oktober brannte dem Gutsbesitzer Reuther das Anwesen nieder; da fast nichts versichert war, war der Schaden erheblich. Genau drei Wochen später brannte die Baumwollspinnerei von Martin. Dadurch wurden wieder viele Arbeiter brotlos.

Ein neues großes Ereignis für Herold brachte das Jahr 1886. In diesem Jahr wurde die Schmalspurbahn von Wilischthal nach Ehrenfriedersdorf gebaut. Letzte Station vor Ehrenfriedersdorf war Oberherold. Diese Bahnlinie soll übrigens schon 25 Jahre vor ihrem Bau einmal ausgemessen worden sein. Das Stück von Herold nach Ehrenfriedersdorf ist später eingezogen und die Bahn von Herold aus nach Thum weitergeleitet worden, wo sie Anschluß fand an die Linie Schönfeld—Meinersdorf. — Wenige Jahre nach der Jahrhundertwende sah Herold hohen Besuch: Der nunmehr verstorbene König Friedrich August von Sachsen durchfuhr auf seiner Reise ins obere Erzgebirge mit seinem Wagen auch Herold. Noch heute ist dieses Erlebnis allen, die damals dem König zugejubelt haben, in deutlicher Erinnerung.

Das Herold von heute unterscheidet sich von dem der Vorjahre nicht wesentlich. Nur auf wirtschaftlichem Gebiet sind kleine Aenderungen eingetreten:  Baumwollspinnereien finden wir heute keine mehr in Herold, dafür aber im benachbarten Venusberg; in Herold selbst ist die Strumpfwirkerei heimisch geworden; in mehreren Fabriken werden eine größere Anzahl Arbeiter beschäftigt. Natürlich ist von der allgemeinen wirtschaftlichen Not unserer Zeit auch Herold nicht verschont geblieben. Aber auch das kleine Herold blickt mit all den Tausenden deutschen Städten und Gemeinden voll Hoffnung und Zuversicht in die neue Zukunft.
Altar der Herolder Kirche.
Altar der Herolder Kirche.
(Photo: Traute Wunderlich-Ehrenfriedersdorf.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 21, 21. Mai 1933, S. 1

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