Aus der Geschichte von Herold. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Aus der Geschichte von Herold.

Zusammengestellt von Karl Hans Pollmer.

Kaum eine Wegstunde nördlich von Ehrenfriedersdorf, der alten Bergstadt vom Sauberg, liegt im Tal der Wilisch die Gemeinde Herold, ein kleines Dorf von etwa 1700 Einwohnern, das durch sein Kalk- und Marmorbergwerk weit bekannt ist. — Herold dürfte etwa im 13. Jahrhundert entstanden sein; um diese Zeit wird es zum ersten Mal in Urkunden erwähnt. Genaues über die Entstehung von Herold und über die ersten Jahrhunderte seiner Geschichte ist nicht bekannt. Als kleiner Marktflecken von nur wenigen Einwohnern hat Herold lange Zeit als Ortschaft überhaupt keine nennenswerte Rolle gespielt. Noch im Jahre 1845 zählte Herold nur 687 Einwohner in 50 Wohnhäusern und 12 Bauerngütern. Wahrscheinlich ist die Einwohnerzahl in den Jahren zuvor weit niedriger gewesen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nämlich entstanden im Wilischtal eine Reihe von Baumwollspinnereien, in Herold selbst die Fabriken von Martin (1833), von Gebr. Horn (1835) und von Hacker (1853). Da es anfangs an Arbeitern mangelte, die der neuen Branche kundig waren, wurden die Arbeitsstellen ausgeschrieben. Und so kam es, daß mit der neuen Industrie auch eine Menge fremder Arbeiter nach Herold zog; einer von diesen Baumwollspinnern soll sogar aus Braunschweig gekommen sein. So darf man annehmen, daß die Einwohnerzahl von Herold ihre Höhe von 687 Personen im Jahre 1845 erst durch den Zuzug der fremden Baumwollspinner erreicht hat. Auch noch nach 1845 war die Einwohnerzahl von Herold im ständigen Steigen begriffen. So zählte man ein Jahr später, 1846, schon (genau) 700 Einwohner; zwölf Jahre nach 1846, also 1858, war die Zahl der Einwohner bereits auf 879, die der Wohnhäuser auf 56 gewachsen.

Die Geschichte von Herold ist im Grunde genommen nur eine Geschichte der Herolder Schule und Kirche. Das ist vielmals so in solchen kleinen Dörfern: Gebäude, besonders natürlich die Kirche, machen hier die Geschichte! Die wenigen Niederschriften, die über Herold berichten, erzählen in der Hauptsache vom Schulwesen in Herold und später vom Bau des Gotteshauses. Nur einmal findet sich auch eine längere Notiz über Bergbau in Herold. Darin wird u. a. erzählt, daß in Herold der Bergbau einmal schwungvoll betrieben worden sei. Das Bergwerk habe den Namen "Silberlöffelfutterstollen" getragen; diesen Namen habe es einem reichen Funde gediegenen Silbers zu verdanken gehabt, aus dem ein silberner Löffel mitsamt Futteral für den Kurfürsten verfertigt worden sei. Noch bis in die Jahre 1825/27 seien reiche Anbrüche gemacht worden. Der letzte Steiger sei ein gewisser Zahn aus Marienberg gewesen. 1850 sei er verunglückt. Daraufhin habe man den Bergbau eingestellt. 1855 aber habe Steiger Zahn nach seiner Genesung die Arbeiten auf eigene Faust wieder aufgenommen, habe aber schließlich wegen Mangels an Geldmitteln den Bergbau wieder aufgeben müssen. — So interessant diese Notiz ist, so darf sie doch nicht überschätzt werden. Der Bergbau in Herold ist niemals Träger von Herolds Geschichte gewesen. Die Geschichte von Herold ist — wie schon gesagt — nur eine Geschichte der Herolder Schule und Kirche.

Das erste Schulhaus von Herold hat bis 1843 an der Straße nach Drebach gestanden. Seit kurz nach 1800 ist ein gewisser Langer Schulmeister gewesen. Langer war nebenbei Böttcher. Dieser Nebenberuf war nötig, denn der Lehrerberuf brachte damals nicht so viel ein, daß man davon hätte leben können. Man darf nun aber nicht meinen, daß unter solchen Umständen die Kinder wenig oder gar nichts gelernt hätten. Kinder, die die Schule nur halbwegs besuchten, haben den Verhältnissen gemäß sogar erstaunlich viel gelernt. Langer hat einige Buchhalter erzogen; diese waren gute Rechner und tüchtige Schreiber. Wenn Langer die Böttchereiarbeiten in der Herolder und Thumer Brauerei besorgte, so hielt seine Tochter, die "Schulchristel", an seiner Stelle die Schule. Dabei überraschte sie eines Tages der Superintendent. Das mutige Mädchen kam aber nicht außer Fassung und ließ sich nicht stören. Der Superintendent fand ihre Leistung zufriedenstellend, und da er die Verhältnisse kannte, duldete er das Mädchen als Aushilfe. Langer hat das Lehreramt bis zu seinem Tode verwaltet; er starb im Jahre 1828. Nach ihm kam ein Lehrer namens Schulze. Dieser blieb zwei Jahre in Herold. Dann wurde er nach Zwönitz berufen, wo er als Kantor hochbetagt gestorben ist. Mittlerweile war der Schulzwang eingeführt worden, und die Schule hatte ihre volle Bedeutung erlangt. Am 5. September 1831 trat die freigewordene Lehrerstelle der aus Drebach gebürtige Friedrich Wilhelm Schenk an. Schenk war nicht nur ein eifriger Lehrer, sondern auch ein strenger Sittenrichter. Er schaffte das heute nicht mehr bekannte "Pfingstlümmelfest" in Herold wegen der Mißhandlungen der Kinder ein. Auch das Walpurgisfest wollte er beseitigen. Doch das gelang ihm nicht; nach und nach schlief dieses Fest von selbst ein. Auch kümmerte sich Lehrer Schenk eifrig darum, ob vielleicht von den Kindern Sonntags dumme Streiche verübt würden; und selbst die kleinsten Vergehen wurden am anderen Tag mit Stockstreichen geahndet. In einem Schulprotokoll vom Jahre 1855 heißt es über Schenk: "Herr Schenk arbeitet bei mäßigen Kräften unermüdlich für das Wohl der ihm anvertrauten Jugend. Sein Verhalten ist in jeder Beziehung mustergültig."

Die alte Schule an der Drebacher Straße wurde schließlich von der Gemeinde wegen Baufälligkeit und wegen des engen Raumes verkauft. In den Jahren 1842/43 wurde ein neues, schöneres Schulhaus gebaut. Ein wohlgeformter Turm mit einer Uhr und einer ziemlich starken, wohlklingenden Glocke, zierte das Dach. Den Glockendienst hatte der Schulmeister zu versorgen. Die Glocke trug die Aufschrift:

"So oft du tönest hell und rein,
mögst, Glocke! du, für Groß und Klein
ein Herold guter Stunden sein!"

Die Glocke ist der Gemeinde von den Gebrüdern Horn und die Uhr von dem Handelsmann Emmrich bei der Einweihung des neuen Schulhauses, die am 27. Oktober 1843 stattfand, geschenkt worden. Außer der Gemeindeschule gab es noch Fabrikschulen, eine in der Spinnerei der Gebrüder Horn in Oberherold und eine in Martins Spinnerei in Unterherold. Dieses "Fabrikschulensystem" wird von einem, der es selbst mit erlebt hat, wie folgt geschildert: "Von früh 7 bis 10 Uhr lehrte Schenk in der Dorfschule die große Klasse; dann ging er in die Fabrik nach Oberherold und lehrte dort eine Stunde. Nachmittags von 1 bis 4 Uhr lehrte er die kleine Klasse in der Ortsschule; dann ging er in die Fabrik nach Unterherold und lehrte dort wieder eine Stunde. Lehrer Schenk, ein eifriger, energischer Mann, gewissenhaft und in treuer Pflichterfüllung, ging den ziemlich weiten Weg ohne Rücksicht auf die Witterung und hielt seine Stunde. Kam er in die Fabrik, so riß er die untere Saaltüre auf und schrie hinein: "Schule!". Dann stieg er die Treppe hinauf und schrie ebenso in alle Säle hinein: "Schule!". Die Kinder, die Bücher unter dem Arm, stürmten ihm nach. Nun kam es auch vor, daß Spinner gerade über dem Abziehen oder dem Aufstecken waren, wo sie die Andreher notwendig brauchten und dieselben zurückhielten. Da ging der Lehrer ärgerlich zurück und holte die Säumigen. Hierbei gab es oft bissige Auseinandersetzungen zwischen Lehrer und Spinner. Hatte der Lehrer mit Ach und Krach seine Klasse zusammengebracht und waren die Nachzügler gehörig durchgebläut, so machte er erst Vorwürfe, wie z. B. "wegen euch bösen Buben und Kanaillen (damit waren die Mädchen gemeint!) muß ich den weiten Weg machen hierher, ich möchte fast mein teures Amt niederlegen usw.". Dies wurde ohne Mitleid angehört. Dann wurde ein Gesangbuchvers gesungen, vielmehr geschrien, ein kurzes Gebet gesprochen, nachher alles im Galopp ein wenig durchgenommen. Erläuterungen und ruhige Auseinandersetzung gab es nicht, wer eine Sache schwer begriff, bekam Haue. Der Lehrer durfte keine Minute über die Zeit Schule halten; solches hätten die Spinner übel vermerkt, es fiel ihm auch nicht ein. War die Zeit aus, so wurde wieder ein kurzes Gebet gesprochen, dann "Lob, Ehr' und Preis sei Gott" geschrien, die Bücher unter den Arm, "Leben Sie wohl", und hinaus wie der Wind waren die Kinder. Der Lehrer schloß die Türe, die Schule war aus. So war es vormittags in der Fabrikschule zu Oberherold; nachmittags wird es ebenso in Unterherold gewesen sein."

Diese schwere Bürde, in den Fabriken Schule zu halten, wurde dem Lehrer später abgenommen, wahrscheinlich aus dem Grunde, weil 1853 eine dritte Fabrik, nämlich die von Hacker, entstand. Die Kinder aus den drei Fabriken mußten vormittags 11 Uhr in die Ortsschule, wo ihnen bis 12 Uhr gelehrt wurde. Auch wurde wegen der Putzzeit in den Fabriken Sonnabends keine Schule gehalten, dafür war aber Mittwochs die Schulzeit voll. Dieses Schulsystem dauerte bis in das Jahr 1863. An die Kinder wurden ziemlich hohe Anforderungen gestellt. Außer der 14stündigen (!) Arbeitszeit hatten die Andrehkinder in der Mittagspause noch die Spindeln zu ölen. Der Lehrer gab ihnen noch eine Menge Gesangbuchverse und Bibelsprüche auf. Diese sollten sie Sonntags lernen, wenn sie in der Woche keine Zeit hätten. Allein der Drang, sich Sonntags auch einmal in Gottes freier Natur zu bewegen, war in den Fabrikkindern um so mächtiger, da ihnen dieses nur in den wenigen sehnsüchtig erwarteten Sonn- und Feiertagsstunden möglich war, die manchen noch verkürzt wurden, indem sie dem Hausgottesdienst, dem sogenannten Predigtlesen, beiwohnen mußten; das war damals noch in vielen Familien gebräuchlich und wurde gewöhnlich nach dem Mittagessen abgehalten.

Lehrer Schenk bezog ein Gehalt von 6 Talern in der Woche. Dazu hatte er noch einige Naturalbezüge. Von jedem Bauern bekam er alle Jahre eine Furche Kartoffeln und ein wenig Getreide, den sogenannten Dezem. Schenks ältester Sohn wurde zum größten Leidwesen des Vaters Schauspieler, ging später nach Rußland, wo er mit einer Russin aus höheren Kreisen eine unglückliche Ehe führte; seine Gattin verkehrte mit Offizieren, und als sie des Gatten überdrüssig wurde, klagte sie ihn fälschlich des Hochverrates an, worauf er nach Sibirien verbannt wurde und dort verschollen ist. Lehrer Schenk selbst ging 1864 von Herold weg, da er des Orgelspiels unkundig war und daher nicht die Kantoreistelle an der neuerbauten Kirche versehen konnte. Für ihn kam im selben Jahre Kantor Gründig aus Jahnsbach nach Herold. Im Jahre 1890 wurde die neue Schule gebaut, die noch heute im Gebrauch ist. Das neue Schulhaus ist bei aller Einfachheit ein stattliches Gebäude und steht an der Dorfstraße in Mittelherold, der Kirche gegenüber.

Weniger wechselvoll als die Geschichte der Herolder Schule ist die der Herolder Kirche. Trotzdem aber weiß die Chronik über die Kirche von Herold, namentlich über ihre Entstehung, viel Interessantes zu erzählen. Herold hat kirchlich seit alters zur Parochie Drebach gehört. Die Parochie Drebach umfaßte 1846 in den Gemeinden Drebach, Venusberg, Wiltzsch, Griesbach und Herold bereits 4266 Seelen. Herold liegt von Drebach kaum eine Wegstunde entfernt. Dennoch war es in den Winterzeiten mitunter gänzlich unmöglich, nach Drebach zu laufen. Es ist eine Tatsache, die von alten Leuten immer wieder bestätigt wird, daß in früheren Zeiten "ganz andere Winter" waren als heute. So konnte es vorkommen, daß die Herolder wochen-, ja mitunter auch monatelang nicht den Gottesdienst in Drebach besuchen konnten, weil der Schnee in solchen Mengen lag, daß man mehrere Stunden unter größter Lebensgefahr in ihm hätte waten müssen. Bedenkt man ferner, daß die Gemeinde seit dem Einzug der Baumwollindustrie fortwährend größer wurde, dann kann man die Sehnsucht nach einem eigenen Gotteshaus unter den Einwohnern von Herold wohl verstehen. Den Menschen damals war es ernst um ihren Glauben und um ihre Kirche. Die Stimmen, die nach einer eigenen Kirche riefen, ließen nicht nach; ihrer wurden immer mehr.

Kirche von Herold.
Die von 1862 bis 1864 erbaute Kirche von Herold von der Dorfstraße aus gesehen.
(Photo: Traute Wunderlich-Ehrenfriedersdorf.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 20, 14. Mai 1933, S. 1

Start | 1926 | 1927 | 1928 | 1929 | 1930 | 1931 | 1932 | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | Datenschutzerklärung | Impressum | Sitemap
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü