Hungerszeiten im Obererzgebirge. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Hungerszeiten im Obererzgebirge.

Im Weltkrieg und den Jahren der Nachkriegszeit haben wir durch die feindliche Blockade eine Hungersnot zu überstehen gehabt, die bei aller Schwere nur deshalbg nicht ganz so auffällig in Erscheinung trat, weil es eine organisierte Hungersnot war und jeder das zum Leben unbedingt Notwendige in kleinsten Mengen auf Lebensmittelkarten erhielt. Das verhinderte wenigstens, daß einzelne den Minderbemittelten die wenigen Gramm Butter oder Kohlrübenmarmelade wegkauften, wenn es auch das Schiebertum, das sich auf Kosten der Allgemeinheit durch märchenhafte Preise unverantwortlicherweise ein Wohlleben gestattete, nicht unterbinden konnte. Wir kennen das alles aus eigener Anschauung. Die Folgen jener jahrelangen Hungersnot und der damit verbundenen Unterernährung hat blühende Menschen zu siechen Greisen und hoffnungsvolle Kinder zu schwächlichen Geschöpfen gemacht. Die Wunden, welche Englands Hungerblockade der deutschen Volksgesundheit schlug, werden erst in Jahrzehnten vernarbt sein.

Noch viel schlimmer traten aber die Hungersnöte in früherer Zeit auf, als es auch noch keine Eisenbahnen gab, die aus guten Erntegebieten einen Ausgleich in kürzester zeit herstellen konnten. Was damals unsere Vorfahren im Erzgebirge, das von Natur stiefmütterlich bedacht und schwer zu erreichen war, zu erdulden hatten, vermögen wuir auf Grund der eigenen Erfahrung heute besser nachzuempfinden, als vor dem Kriege.

Zwei schwere Mißernten in den Jahren 1770 und 1771 brachten eine ungeheure Teuerung und qualvolle Not über unser Gebirge. Die erste Mißernte begann sich 1771 auszuwirken, welches Jahr zudem noch mit einem strengen Winter begann. Der Brotpreis war bereits um das Doppelte gestiegen und die Zufuhr aus Böhmen versagte, weil man dort ebenfalls unter der Mißernte litt und die Grenzen gesperrt hielt. Da ein Unglück selten allein kommt, lag zu dieser Zeit Handel und Wandel brach. Als kurz vor Pfingsten 25 Posamentiergesellen in Annaberg einwanderten, fand keiner von ihnen Arbeit.

Die Not stieg schnell. Bereits im Mai war weder in Annaberg noch in den benachbarten Mühlen mehrere Tage weder Mehl noch Brot zu bekommen. Die Königswalder und Bärensteiner Müller fuhren jede Woche Brot nach Annaberg. Dort warteten stets schon Hunderte von Einwohnern auf dem Markte, um mit dem aus dem Verkauf von Hausrat und Kleidung gewonnenen Gelde sich das zur Lebensfristung notwendige Brot zu kaufen. Wie riesengroß und bitter schwer war deshalb die Enttäuschung, als an einem Sonnabend, dem 11. Mai, keine Brotwagen kamen, weil die hier in Garnison liegenden Soldaten den Fuhrleuten weit entgegengegangen waren und das wenige Brot aufgekauft hatten.

Die Erntehoffnungen des Notjahres 1771 wurden durch anhaltende Regengüsse, namentlich im Juni dieses Unglücksjahres, zunichte gemacht. So ging man dem neuen Winter entgegen. Der Brotpreis war von 5 Neugroschen auf 12 geklettert, und auch der Mittelstand verkaufte jetzt Kleider, Wäsche, Betten, Zinn, um das nackte Leben zu fristen. Stroh war das Lager, Frost und Hunger die Genossen von Tag und Nacht. In dürftiger Kleidung, zitternd vor Kälte, matt und elend, mit geschwollenen Beinen und verdorrten Gesichtern zogen Scharen von Bettlern in der Stadt umher, um einen Bissen Brot winselnd. Hunde und Katzen waren ihre Nahrung, sobald sie ihrer habhaft wurden.

Krankheiten traten auf. Das sogenannte Faulfieber raffte 1772 in Annaberg 490 Menschen dahin. Nur 89 Kinder wurden in diesem Jahre geboren. Auf der Scherbank starb ein von 9 Personen bewohntes Haus vollständig aus. Die meisten Verstorbenen wurden in einem Kasten, ohne Sang und Klang, früh, nachmittags und abends auf den Friedhof getragen. An manchen Tagen fanden 8 Beerdigungen statt. Allein im Juli hatte es 72 Tote gegeben.

Schlimm stand es auch in Mauersberg. Der Ortsgeistliche, Pastor Franck, berichtet, daß die 30 Bauern und 40 Häusler vom Hunger so abgezehrt seien, daß sie kaum noch zu laufen vermöchten. Von den Kraut- und Rübenfelcdern wurden die vom Winter übriggebliebenen Strünke mit ihren holzigen und übelriechenden Wurzeln gesammelt und mit halbverfaulten weißen Rüben ohne Salz und Schmalz, teils roh, teils gekocht, genossen; auch Hunde und Katzen gegessen. In drei Monaten wurden 22 Leichen verhungerter Menschen begraben.

(Schluß folgt.)

Titel

Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 15 v. 11. April 1926


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Erzgebirgisches Sonntagsblatt 119. Jahrgang, Nr. 15, 11. April 1926, S. 2

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