Die "Kät" zu Großvaters Zeiten. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die "Kät" zu Großvaters Zeiten.

1934 > 1934-22

Erinnerung eines alten Mannes.

Während es in Annaberg am Pfingsttage des Jahres 1861 - es war der 19. Mai - geregnet und geschneit und der ehrsame Bürger unter schützendem Dache in warmer Stube die Ankunft des Frühlings durch die angelaufenen Fensterscheiben entgegengesehen hatte, zogen sich im Laufe der Woche die schwarzen Wolken allmählich auseinander und das Wetter klärte auf.
Post nubila Phoebus - in reinstem Azurblau strahlte am Trinitatissonntage der unbewölkte Himmel und von nah und fern zogen vom frühen Morgen an zu allen Toren Annabergs die Wallfahrer des Trinitatisfestes herein.

Wie bescheiden und anspruchslos war nach einer brieflichen Beschreibung dieses Fest fünf Jahrzehnte früher (1808) gewesen! Damals sah man nur einige Buden mit "Fesselkuchen" in der Allee vor dem Eingange zum Gottesacker, daneben die unausbleiblichen Pöklingsmänner mit ihrer weithin duftenden Ware und vor dem Wolkensteiner Tore eine lange Reihe von Blinden, Lahmen, Tauben und Krüppeln. Wie ganz anders sah es 1861 aus!

Man hat früher in Annaberg oft Klage geführt, daß es hier gar kein rechtes Volksfest gäbe. Die Schützenfeste und Schulfeste blieben immer nur auf die Einwohnerschaft Annabergs beschränkt und behielten deshalb nur einen spezifisch lokalen Charakter: vielleicht wäre das Trinitatisfest mit seinen uralten Erinnerungen geeignet, ein solches Volksfest für Annaberg und Umgebung zu werden. Das Trinitatisfest 1861 erinnerte recht lebhaft daran. -

Wie wogte da allenthalben in buntem Gewühle die unzählbare Volksmasse durcheinander! Wir sahen sie in schlichtem, einfachem Gewande, mit unkostbarem Schuhwerk bekleidet, in der vor den Toren noch hergestellten Toilette, mit weiten steifen Krinolinen, mit einem Fracke und stutzenhaftem Nasenklemmer, mit hohen Karossen - wir sahen sie stillvergnügt und laut lärmend, gemütlich zehrend, freundlich scherzend, zechend, tanzend, beschauend. Und was gab es hier nicht alles zu sehen! Viele der aus weiter Ferne schon am Abend vorher hier Eingetroffenen bestiegen am frühen Morgen den Pöhlberg, um ein Bild der ganzen Umgegend mit sich fortzunehmen; andere, denen der Weg da hinauf zu beschwerlich war, wollten wenigstens Annaberg einmal aus der Vogelschau sehen und wählten sich die Aussicht darauf von dem in die weite Ferne hinausstrahlenden Kirchturm. Da ist ferner die schöne Hauptkirche mit ihren fünf kostbaren Altären, mit dem Gemälde von dem jüngeren Cranach (Ehebrecherin), mit ihrem kühnen gotischen Bogenschlag zu besehen; auch die neue katholische Kirche (seit 1844), der breite, regelmäßige Marktplatz mit dem Springbrunnen, die um die Stadt führenden schönen Promenaden, die nobel herausgeputzten Kaufläden, die sonstigen öffentlichen und privaten Gebäude wurden in Augenschein genommen, ehe das Fest noch seinen eigentlichen Anfang nahm.

Da endlich ruft die Hospitalglocke am Mittag zum Gottesdienst. Alles strömt dem weithin bekannten Gottesacker zu, die Kirche würde die Menge der Zuhörer nicht fassen. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Von der zu diesem Zwecke an der Hospitalkirche auswendig nach dem Friedhof zu angebrachten Kanzel spricht der Prediger herab zu der auf den Gräbern und unter dem Schatten der berühmten Linde still zuhörenden Menschenmenge. Alles lauscht den Worten des beredten Sprechers. Ueber den Gräbern lieber Heimgegangener spricht er beim Anblick der aus dem Winterschlafe wiedererwachenden Natur von der stillen Hoffnung, von der untrüglichen Verheißung, daß auch unser sterblicher Leib auferstehen, wieder erwachen werde zu einem schöneren, ewigen Dasein. Aufmerksam hört die zahlreich versammelte Menge den überzeugenden, tröstenden Worten des geliebten Sprechers zu, und wenn dann unter der tönenden Begleitung der Instrumentalmusik aus vielen tausend Stimmen der Gesang der Menge erschallt, wenn so manche Träne schmerzlicher Erinnerung geweint wird, o, wer fühlt sich da nicht emporgetragen zu himmlischer Andacht?

Und welches Wogen und seltsames Menschengedränge beginnt nun erst auf und vor dem Gottesacker? Die Gräber und Schwibbögen sind schönstens geschmückt und viele geschmackvolle Denkmäler und sinni9ge Sprüche nahmen die Aufmerksamkeit des Wanderers aus der Ferne in Anspruch. Gewiß, keiner geht an dem Denkmal unserer Klöppelmutter Barbara Uttmann ungerührt vorüber!

Und welches Getümmel, welch' reges Treiben zeigt sich nun außerhalb des Gottesackers? Die Stadt hat in diesem Jahre die Buden der Verkäufer von dem seitherigen Platze oberhalb des Gottesackers hinweg weiter zurück auf den großen und zu diesem Zwecke ganz passenden Exerzierplatz verwiesen. Hier drängt sich nun alles zusammen. Hier gibt's zu sehen, zu kaufen, zu genießen. Es waren diesmal vorhanden drei große Karussells, mehrere Bolzenschießstände, viele Trinkbuden und Stände, die bekannten Fesselkuchen- und Bäckerbuden, Schuhmacher, Mützenmacher und Spielwarenhändler. Auch Schaubuden gab es mehr als sonst. Ein Wachsfigurenkabinett zeigte einige recht hübsche biblische und historische Stücke, daneben sahen wir Experimente aus der natürlichen Magie und weiter oben zeigte man ausgestopfte Vögel und schöne, seltene Käfer. Am meisten nahm jedoch die große, oberhalb der Gottesackermauer aufgestellte Tierbude des Herrn K. Renz die Aufmerksamkeit des Publikums in Anspruch. Wer sie gesehen hat, alle diese Bewohner der glühendheißen Tropen und der kalten Pole - den gelehrigen Elefanten, die Löwen, Tiger, Pumas, Leoparden, die Pantherkatze, den Jaguar, die Hyänen, Bären, Wölfe, den Eskimohund, das Lama, das gehörnte Nilphau, die Zibethkatze, die Antilope, die zahlreiche Familie der nimmer ruhenden Affen und die Vögel und Schlangen alle, welche hier zum großen Teil merkwürdig gezähmt und dem menschlichen Willen untertänig gemacht sind, er wird es nicht bereuen.

So ist der Tag unter Schwerzen und Genießen, unter Schauen und Bewundern für die Meisten vergangen und mit fröhlichem Herzen, leerer gewordenem Geldbeutel und müden Füßen tritt die zahlreiche Menschenmenge allmählich den Heimweg wieder an, bis es endlich still wird in den Straßen Annabergs.

In dieser Gestalt steht die "Kät", die übrigens im Jahre 1869 (vor 65 Jahren!) von dem unzulänglich gewordenen Exerzierplatz nach dem Schützenplatze verlegt wurde, noch vor dem geistigen Auge jedes alten Annabergers als ein treues Bild der "guten alten Zeit".

-cj-

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 22 v. 27. Mai 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 22, 27. Mai 1934, S. 1

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