Kartenmacher von Annaberg und Buchholz. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Kartenmacher von Annaberg und Buchholz.

1932 > 1932-14
Annaberg, Kleine Kartengasse 7

Das altertümliche Haus Kleine Kartengasse 7 in Annaberg, das ehemals im 17. Jahrhundert dem Meister Wolfgang als "Kartenmacherhaus" diente. (Photo: Albin Meiche-Annaberg)

Im Annaberger Erzgebirgs-Museum findet der aufmerksame Beschauer in einem Glaskasten einige hochinteressante Holzschnittdrucke von alten Annaberger Spielkarten aus dem 16. bis 17. Jahrhundert. Der Schellen-Wenzel ist ein geflügelter Löwe, der ein Bergbau-Huthaus mit seinen Tatzen emporhebt, während das Herz-Aß das erste Stadtwappen von St. Annaberg zeigt. Auf der Schlußkarte lesen wir alsdann: "Gemacht in S. Annaberg bei Johann Hainrich Wolfgang."

Diese sehenswerten Druckstücke in unserem heimischen Museum sind beredte und sichere Zeugen für das ehemals sowohl in der Bergstadt Annaberg als auch im benachbarten Buchholz in Blüte gestandene kunstvolle Kartenmachergewerbe. Dieses war so hoch entwickelt, daß bereits im Jahre 1587 in Annaberg eine besondere Kartenmacher- und Kartenmaler-Innung bestand. Das verwendete grobe Papier wurde teils aus Böhmen bezogen, teils stammte es aus den Papiermühlen in den Tälern des Erzgebirges. Die Kartenmacher bedruckten große Bogen in zusammenhängenden Serien mit kunstvoll gearbeiteten Holzschnitten, wie es die Druckbogen im Altertumsmuseum vor Augen führen. Die einzelnen Karten wurden dann ausgeschnitten, von den Kartenmalern mit bunten Farben bemalt und geglättet.

Die Annaberger Kartenmacher wohnten hauptsächlich in der Stadtgegend, die von der heutigen Großen und Kleinen Kartengasse umschlossen wird. Früher wurde auch der Karolinenplatz als "Kartenplatz" bezeichnet. Der Meister Wolfgang, dessen Name auf den Annaberger Spielkarten vielfach vermerkt ist, hatte seine Werkstatt in dem Hause Kleine Kartengasse 7, an der Ecke des Mandelberges (vormals Kraut & Rudolph, jetzt Edwald Uhligs Erben gehörig). Dieses Gebäude hat bis in die Gegenwart als "Kartenmacherhaus" das altertümliche Rundbogentor mit Säulenornamenten bewahrt, wie wir es noch ähnlich mit Engelsfiguren am Wiederänderschen Hause an der Fleischergasse Nr. 12 sowie am alten Zickler-Haus an der Johannisgasse Nr. 15 vorfinden.

In Buchholz gab es im Jahre 1814 noch eine Spielkartenfabrik, auch gab es zu dieser Zeit hier noch 7 Kartenmeister. Der Absatz der Spielkarten erstreckte sich in Sachsen nur noch auf die Lausitzer Gegend und das Schönburgische Land. Früher hatte man ständig die Leipziger Messe besucht. Doch die Konkurrenz der Münchener und Altenburger Spielkarten drängte die erzgebirgischen Karten gar bald in den Hintergrund. Der letzte Buchholzer Kartenmeister verzog nach Meißen. Seit mehr als 100 Jahren ist das Annaberger und Buchholzer Kartenmachergewerbe vollständig ausgestorben.

Von der Spielkartenherstellung in Buchholz ist ein "literarischer" Beweis in dem 20. Jahrgang des "Annaberger Wochenblattes" vorhanden, der eine Erzählung der Nachwelt überliefert, betitelt "Das Passieren der Linie" (womit der Aequator gemeint ist). Beschrieben wird

die Reise eine Buchholzer Kartenmachers nach Peru.

Ein gewisser Trimmer, der in Buchholz bei Annaberg die Kartenmacherkunst erlernte, fuhr im Jahre 1612 mit einem spanischen Schiff über den Atlantischen Ozean nach Peru. Der äußerst anschauliche Bericht beginnt wörtlich: "Wenn ich mir imaginirte (vorstellte), wie ich noch vor Jahr und Tag an der großen Kartenscheere gesessen und mit meinen Kameraden abends in der Ecke hinter dem Kachelofen des Meisters in Buchholz gespielt hatte, da wurde mir entsetzlich zu Mute, daß ich soweit war von meinem lieben Vaterlande. Ich las früh mein Gebetlein und abends mein Gebetlein; am andächtigsten las ich, wenn die Matrosen sagten, daß wir der weltberühmten "Linie" nun immer näher kämen, wo die Hitze so groß sein sollte, daß den Leuten das Gehirn austrocknete und die Talglichter zerflössen."

Die für unseren Buchholzer Kartenmacher recht schmerzlichen und angstvollen Stunden der "Linientaufe", wie sie nach altem Seemannsbrauch beim Passieren des Aequators von den Matrosen vorgenommen wird, schildert der Buchholzer Auswanderer wie folgt:

"Zunächst frug mich der Meeresgott Neptun: "Welches Handwerks bist Du?" Da antwortete ich zaghaft: "Ich bin ein Kartenmacher aus Buchholz, Majestät, der um Deine allerhöchste Gnade demütig fleht. Habe Gnade mit mir armen Gesellen, großer Wellenkönig, ich bin zur See gegangen, in der Meinung, es mangele an einem Kartenmacher in Peru." Da antwortete der Gott Neptun: "Eben, weil Du auf der See fährst und mich in dieser Einsamkeit meines Wasserreiches störst, bloß damit Du Karten in Peru machst und die Leute verführst zu unchristlichem Spiel, eben darum sollst Du getauft werden mit salzigem Wasser!""

Der Kartenmacher erzählt dann ausführlich, wie man ihn gar schrecklich mehrmals in eine Tonne mit eiskaltem Seewasser getaucht und sehr gepeinigt habe. Der Bericht schließt mit der glücklichen Ankunft im Hafen von Carthagena, wo sich Trimmer zu einem Spanier namens Cajos begab, an welchen er ein Empfehlungsschreiben hatte. Der erzgebirgische Kartendrucker wurde aber in Peru nicht reich und glücklich; denn er kehrte im Jahre 1640 mit "zu Grabe getragenen Hoffnungen" nach seiner Heimatstadt Buchholz über Hamburg zurück.


125. Jahrgang, Nr. 14, 3. April 1932
Druck und Verlag: Felix Thallwitz i. Fa. C. O. Schreiber. Verantwortlich für die Schriftleitung: Willy Thallwitz, Annaberg.


INHALT:

  • Kartenmacher von Annaberg und Buchholz

  • Allerlei aus dem Obererzgebirge

  • Peter Torstades Erben (Roman, 12)

  • Wer kennt seine Heimat genau?

  • Aktueller Zeitbilder-Dienst

  • Bilder aus dem Obererzgebirge




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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 125. Jahrgang, Nr. 14, 3. April 1932, S. 1

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