Kleinstädterleben im Erzgebirge am Ende des 16. Jahrhunderts. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Kleinstädterleben im Erzgebirge am Ende des 16. Jahrhunderts.

1927 > Nr. 19/1927
Aus Schlettaus Vergangenheit.

Den Leser wird es sicher interessieren, wie unsere Vorfahren vor mehr denn 300 Jahren gelebt haben, und wie ein hochweiser Magistrat für seine lieben Untergebenen sorgte. Dies berichtet uns ein Aktenstück aus dem Jahre 1584, in dem der Rat der Stadt Schlettau eine Stadt-Ordnung aufgestellt hat.

Man kann jene Zeit wohl zur "guten alten Zeit" rechnen, denn sie fällt in die Periode der fat 70jährigen Friedenszeit (1553—1618). Naturgemäß blühten in dieser Zeit Handel und Wandel. Die Bewohner fühlten sich in behäbiger Wohlhabenheit sorglos und wohl. Lebhaft pulsierte in dem Lande das Volksleben, in dem natürlich auch allerhand Ausschreitungen vorkamen.

Die hohe Obrigkeit war nun bemüht, der überschüssigen Kraft und Lust einen Damm zu setzen, und so geben uns Strafen wie Straffälle ein treues Bild jener Zeit.

Vor allem sorgte der Schlettauer Stadtrat für sittliche und kirchliche Ordnung. An Sonn- und Festtagen, sowie an Feiertagen mußten Mann, Weib, Kind und Gesinde vor- und nachmittags zur Kirche gehen, ebenso mußten die Wochentagspredigten von 2 Personen einer Familie besucht werden. Zuwiderhandlungen wurden mit 5 Groschen bestraft, wovon der Rat die eine — die Kirche die andere Hälfte bekam.

Dann wurde den Stadtknechten (damals sehr gefürchtete Leute) befohlen, darauf zu achten, daß in der Kirche kein Unsinn getrieben und nicht geplaudert wurde. Wer es dennoch tat, mußte 6 Groschen Sühnegeld zahlen oder wurde ins Gefängnis gesteckt. Verboten war auch, während der Predigt in Wirtshäusern dem Spielen und der Völlerei obzuliegen, darauf sollte besonders jeder Wirt bedacht sein, sonst wurde er und die Spieler mit 5 Groschen Strafe belegt. Es soll zwar einem Nachbar vergönnt sein, zum anderen zu gehen und ein Gläschen zu trinken, auch der Tochter und der Magd wird Erlaubnis gegeben, spinnen zu gehen, doch sollen dabei keine Törlichkeiten und Ungebührlichkeiten getrieben oder verdächtige Personen zugezogen werden.

Auch warnt der Rat, die Gerichtsleute oder gar den Bürgermeister und den Rat der Lüge zu bezichtigen. Werde jemand dabei betroffen, so wird er, ganz gleich wer es sei, mit einem guten Schock Geldes oder Gefängnis bestraft.

Gegen Gotteslästerer und gegen das Gassengeschrei ist folgende Ordnung geschaffen. Wer sich um 9 Uhr abends zur Sommers- oder Winterzeit beim Singen, Schreien und ähnlichen Leichtfertigkeiten ergreifen läßt, der soll mit 30 Groschen Strafe oder 6 Tagen Gefängnis belegt werden. Die Gotteslästerer sollen mit 3 Tagen Prangerstehen oder nach anderen geistlichen Konstitutionen 1) gestraft werden.

Aber auch auf das leibliche Wohl seiner Bürgerschaft hatte der Rat ein wachsames Auge. So sieht er besonders auf das Bierbrauen, und richtete zu diesem Zwecke folgende Ordnung ein. Damals war das Bierbrauen kein gesondertes Gewerbe, sondern jeder Bürger hatte seine eigene Braupfanne und jeder durfte der Reihe nach zu einer bestimmten Zeit Bier ausschenken. Die Schenkstellen waren jeweils durch ein Bierzeichen — eine Kugel oder einen Strohwisch — gekennzeichnet. An hohen Festtagen war das Zechen in den Bierstuben nur erlaubt, wenn die Glocke geschlagen hatte, d. h. nach Beendigung des Gottesdienstes, und jeder mußte bevor er anfing zu trinken, 2½ Groschen dem Wirte bezahlen. Es sollte auch nur bis 7 Uhr abends Bier ausgegeben werden und der Wirt dann bei Strafe keinen Tropfen mehr verzapfen. Ausnahmen werden jedoch dabei gestattet und der Nachbar kann zum andern Nachbar gehen und mit diesem bis 9 Uhr einen Trunk genießen, aber nur bis 9 Uhr abends; das Spielen jedoch war verboten. Leute, die den Wirt um die Zeche prellen wollen, werden mit 5 Groschen Strafe belegt oder ins Gefängnis geworfen.

Um immer gutes Bier zu haben, sollte jeder Bürger nur so viel Bier brauen, als er verbraucht. Auch soll er kein Covent 2) dazu gießen. Wer falsches Maß braucht beim Bierverschenken hat 5 Groschen Sühnegeld zu zahlen.

Natürlich gab es damals auch störrige Leute und wer nicht auf das Rathaus kam, wenn er durch die Stadtknechte gefordert wurde, hatte 5 Groschen Strafe zu zahlen. Kam er aber auch ein zweites Mal nicht, dann entging er der Dimnitz (dem Gefängnis) nicht.

Wer die Steuern oder Strafen nicht zahlen konnte oder wollte, sollte ermahnt werden und es sollte gestattet sein, auch in Terminen zu zahlen, andernfalls wurde der Säumige mit dem Gefängnis bestraft.

Von den Landessteuern galt: Wann und was der Landesherr zu bekommen hat an Erbzins und Martinizins soll 8—14 Tage vorher von den Fronknechten an der Kirche ausgerufen werden. Wer 3 Tage nach dem Zeitpunkt der Zahlung nicht gezahlt hat, wird in die Fronveste eingetrieben und nicht früher freigegeben werden, als bis er bezahlt hätte.

Bemerkenswert ist noch, daß der Rat sich auch berufen fühlte, seinen Bürgern "gute Manieren" anzugewöhnen. So solle jedermann bescheiden sein und nicht ohne Vorladung und Erlaubnis in die Amtsstuben treten bei 5 Groschen Strafe.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt  Nr. 19 v. 15. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 19, 15. Mai 1927, S. 2

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