Kosaken in Annaberg. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Kosaken in Annaberg.

1931 > 1931-07

Begebenheit vom Jahre 1813, nacherzählt von Oswald Rathmann.

Annaberg um 1827

Annaberg um 1827

Daß in der Ferne eine bessere Zukunft leuchtete, sahen die Bürger wohl, aber noch schien es, als sollte wieder einmal alles drunter und drüber gehen in deutschen Landen. Der Einquartierungen und Fouragierungen wurden es nachgerade zu viel; fremde Völker, von denen man kaum einmal den Namen gehört, kamen in die Stadt, wollten freundlich empfangen und gut bewirtet sein, spielten sich als Herren auf, und waren doch grob und gemein wie das schlimmste Gesindel. Genugsam hatten die Annaberger zu leiden gehabt in den langen Jahren, die unter dem Zeichen der Macht des Korsen standen. Der war nun geschlagen, jetzt nahten die Befreier vom französischen Joch, aber wie nahten sie, fast hätte man meinen können, sie kämen auch nur als erbitterte Feinde.

Ende Februar erschienen einige Hundert pelzmützentragende, langbärtige Kosaken in der Stadt, ihnen hatten sich ungarische Husaren angeschlossen, die, vom nämlichen Wollen beseelt, die Bürger zu turbieren gedachten. Geld, Geld war ihr einziges Begehren, und gerade Geld war am wenigsten vorhanden im Stadtsäckel und bei den Bürgern. Aber wer sollte das den fremden, wild dreinblickenden Männern darlegen, die achteten keines Einwandes, spolierten einfach die Türen, drangen ein in die Häuser und holten sich, was ihnen gerade anstehen mochte. Eine Gegenwehr wäre vergeblich und und unsinnig Tun gewesen, die Kerle machten gewiß keinen Spaß, der Krieg hatte sie nur noch roher und härter gemacht, hier hieß es klüglich verhandeln, bitten und klein beigeben, das Letzte herausholen, und Gott danken, wenn sie sich endlich zufriedengeben würden.

So aber sah das nicht aus. Nachdem die Kosaken einsehen mußten, daß in den Bürgerhäusern nichts zu holen sei, Kisten und Truhen standen leer, die Vorläufer hatten schon aufgeräumt, versuchten sie des Stadtrichters habhaft zu werden, bei dem sie wohl mehr vermuten mochten. Gewaltsam drangen sie in dessen Behausung, rissen ihn von seinen Schreibereien empor, bedrohten ihn mit Erschießen und den gräßlichsten Strafen, sofern er nicht sofort die Stadtgelder herausgäbe. Stadtrichter Benedict konnte auch nichts geben, auch wenn er schon gewollt hätte, nur um die lästigen Gesellen los zu werden. Doch seine Beteuerungen fruchteten nichts, so wie er ging und stand wurde er aufgegriffen, die Treppe hinabgestoßen, auf den Markt geschleppt und dort zwischen zwei Kosakenpferde gebunden. Als Geisel wollten sie ihn verschleppen, glaubten so die Geldsäcke der Bürger eher zu öffnen, schrien und randalierten und forderten sofortige Herausgabe aller Güter.

Da hielten es die also bedrängten und turbierten Bürger nicht mehr aus, sie griffen zur Selbstwehr. Unter Anführung des allzeit tapferen und furchtlosen Schornsteinfegers Baumann rotteten sie sich zusammen, kamen urplötzlich mit Gebrüll die Siebenhäusergasse herab, zogen zum Markt zu und überraschten mit ihrem unerwarteten Überfall die Kosaken so sehr, daß sie ohne Blutvergießen den Stadtrichter losgaben. Damit war aber nicht eben viel erreicht; denn weiterhin bestand die rohe Horde auf ihrer Forderung und drohte schließlich die Häuser in Brand zu stecken, wenn ihnen nicht bald Gerechtigkeit willfahre. Wildes Hin und Her, heftiges Gestikulieren und Schreien der Kosaken, dazwischen die immer ein Nein bedeutenen Mienen der Bürger hielt alles auf dem Marktplatz versammelt, was zur Folge hatte, daß keiner der ungarischen Husaren achtete, die indes auf eigene Faust zu gewinnen suchten.

Die schien schon besser Bescheid zu wissen, wo Geld zu erlangen sei, deshalb zogen sie es vor, dem Bürgermeister einen unwillkommenen Besuch abzustatten, um dem ihr Begehren vorzutragen. Der hatte aber schon das wenige in seiner Behausung befindliche Stadtgeld sorgsam verwahrt. Mochten sie nun kommen und suchen, er war sicher, daß sie ihm nichts nehmen konnten.

Richtig kamen auch schon die ersten, wild dreinblickenden Gestalten hereingestürmt in sein Amtszimmer, nur ein paar deutscher Brocken mächtig, setzten Bürgermeister Querfurth die Pistole auf die Brust und schrien ihr schon zur Gewohnheit gewordenes Geldverlangen. Der achtbare Mann ließ sich nicht einschüchtern von der Soldateska, mochten sie ihn nur töten, das wäre ein ehrenvolles Sterben für ihn, so aus vollem Pflichtbewußtsein heraus. Doch so dumm waren auch die Ungarn nicht, das hätte ihnen wieder leicht den Kopf kosten können, und den zu verlieren hatten sie jetzt noch keine Lust. Die vorgehaltene Pistole sollte nur dazu dienen, den mächtigen Herrn einzuschüchtern und zu bewegen, die Geldkästen zu öffnen. Doch ihr Hoffen sollte scheitern an der Beharrlichkeit des Stadtoberhauptes. Ganz abweisen konnte er sie freilich nicht, Geld aber wollte und durfte er nicht herausgeben, dazu waren die Zeiten zu unsicher, und er versuchte es mit Unterhandlungen. Lebensmittel, auch zur Ergötzlichkeit ein wenig Tabak, dafür wollte er einstehen bei den Bürgern, Geld aber habe er selbst keins, beteuerte er wieder und wieder und vermochte schließlich die unheimlichen Gesellen auf die Gasse zu drängen, wo er Hilfe und Unterstützung der Bürger erwarten konnte.

Zwei Gruppen Verhandelnder hatten sich so gebildet, die eine aus Kosaken bestehend, die dem Stadtrichter zusetzten, die andere aus ungarischen Husaren, die nicht weichen wollten, ehe ihre Forderungen erfüllt waren. Wie tapfer und wie klug unsere Altvorderen sein konnten, wenn es galt zu zeigen, daß ein deutscher Mann nicht unterzukriegen sei, zeigten die Ereignisse des 29. Februar vom Jahre 1813. Alles Drohen, alles Fluchen der Soldaten half nichts, die Bürger standen einig und fest hinter den beiden Wortführern und verweigerten die Herausgabe ihrer letzten Batzen hartnäckig und zäh. Sollte es besser zu einer blutigen Fehde kommen, ihr letztes Hab wollte sie nicht teilen mit dem räuberischen Gesindel, das gekommen war, Deutschland zu befreien, und ärger sich noch aufspielte als der grimmigste Feind.

Schon hatten sich einige hundert Burschen und ein paar Männer wieder gesammelt und mit Dreschflegeln und Forken bewaffnet, um unter Anführung des tüchtigen Schornsteinfegers den Eindringlingen die Ausgänge Annabergs handgreiflich zu zeigen, als Bürgermeister Querfurth dem unsinnigen Beginnen Einhalt gebot. Was wäre geschehen mit den paar leichtbewehrten Bürgern, die gegen eine krieggewöhnte Soldatenschar ziehen wollten. Hier konnte nicht jäh losgeschlagen werden, hier mußte ganz klug und ganz fein, geradezu diplomatisch, drangegangen werden, den Fremden einen Abzug beizubringen. Und das gelang dem wackeren Bürgermeister auch recht gut.

Er mochte wohl gehört haben von der großen Vorliebe der fremdländischen Krieger für gebrannten Wein, und an dem war kein Mangel im Städtchen, den konnten die Bürger gut und gern entbehren. Also versuchte er dem Hetmann klar zu machen, daß er und die Bürger gewillt seien, Spirituosen zu geben so viel nur vorhanden wären, dazu, wenn's nötig sei, auch etwas Tabak, und endlich noch ein paar Zuckerhüte, mehr aber sei nicht aufzubringen, sie müßten damit zufrieden sein vorläufig, vielleicht könnte später mehr nachgeliefert werden. Mit solch schönen Reden sponn Querfurth die Soldateska ein, die verstanden von all dem nur das ihnen liebvertraute Wörtchen „Rum“, schon begannen ihre Augen seltsam zu funkeln, ihre Zungen strichen im Vorgefühl kommender Genüsse die Lippen, die Gurgeln schluckten unbewußt, und aus den rauhen, wilden Kriegern wurden begehrliche, triebhaft handelnde Menschlein.

Was den Kosaken der gebrannte Wein, war den Ungarn der Tabak. Kaum erwarten mochten sie es, bis der Stadtkellerpächter seine Magazine öffnete und von den Bürgern die Kostbarkeiten hinausreichen ließ. Wahllos griffen sie zu, versuchten sogleich die Güte der Waren zu statuieren, strichen den Stahl und setzten ihre Pfeifen in Brand, leckten an den Zuckerhüten, und entsiegelten die Flaschen, deren köstlich duftender Inhalt ihnen schon das Himmelreich dünken mochte. Dieser kluge Schachzug Querfurths sollte Annaberg zum Segen gereichen. Vollauf befriedigt mit den erhaltenen Dingen sammelten sich die Krieger, einige torkelten schon beträchtlich, und unter Gejohle und Geschrei zogen sie ab gen Schwarzenberg, allwo sie auf's neue ihr Heil versuchten.

Dieser Besuch habgieriger Soldaten in den Jahren des großen Krieges war nicht der letzte in Annaberg, wohl aber der gefahrvollste für die Bürger, und daß er dennoch so glimpflich verlaufen, ist nur der klugen Berechnung des Bürgermeisters zu danken, der wohl wußte, wie man alle Menschen bei ihren Schwächen packen muß, will man einen ehrenvollen und unblutigen Sieg davontragen.


Nr. 7 v. 15. Februar 1931

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