Kriegsnöte in Hermannsdorf und Dörfel - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Kriegsnöte in Hermannsdorf und Dörfel

1931 > 1931-12

Auch Hermannsdorf und Dörfel wurden während des 30jährigen Krieges von den umherziehenden Schweden übel mitgenommen. Ein recht anschauliches Bild von der Bedrängnis unserer Vorfahren durch die Soldateska vermittelt uns

ein Brief des Pfarrers Kirchner
,

der den größten Teil des Krieges hindurch in Hermannsdorf amtierte und dort auch im Januar 1648 verstorben ist. Das Original des Briefes befindet sich im Amtsgerichtsarchiv zu Zwickau. Pfarrer Kirchner hat ihn kurz vor seinem Tode geschrieben und bittet darin den Kurfürsten um Auszahlung seiner seit 9 Jahren rückständigen Besoldung, die jedoch nur einen Teil seines Einkommens ausmachte. Der Brief, in der Rechtschreibung jener Zeit wiedergegeben, lautet:

"E. Churf. Durchlaucht geruhen gnedigst zu vernehmen, daß ich nun gantzer 24 Jahre mich allhier zu Hermannßdorff unter dem Ambt Grünhain gelegen, durch Gottes Gnade im Predigtambt auffhalte. Und wiewohl mir binnen solcher zeit viel und großes Ungemach begegnet, So habe ich doch E. Churf. Durchl. mit Suppliciren niemals molest sein mögen, wollte auch ferner damit angestanden haben, wenn nicht die eußerste noth, so mich durch entziehung aller Lebensmittel bey denen beydes der Keyserlichen und Schwedischen Armeen neulichst fürgegangenen durchmarschen betroffen, mich darzu dringen thete, Sintemal bey solchem Zuge dießes dorff vor andern orten am hefftigsten mitgenommen, und anfenglich von der Schwedischen Armee der ganze linke Flügel von 16 Regimentern uf der einen Seiten des halben dorffs zwey Tag und nacht gestanden, und über das die Artolerey Pferde alle einquartiert und verpflegt werden müßen, hernach bey dem Keyserl. marsch über das Futeraschieren, auch noch endlich Sechs Regiment zu Fuß, und abermahls die Roße von der Artolerey in diesem einigen dorff ein logiert worden, wodurch denn alles Getreyd und Futter hinweggegangen.

Ich suche aber und begeer, gnedigster Churfürst und Herr, für dißmahl in Untertänigkeit nicht mehr, als daß E. Churf. Durchl. gnedigst geruhen wollten, dero Ambtschößer zu Zwickau ernstlich anzubefehlen, daß derselbe den Rest meiner von Walpurgis Anno 1639 biß vergangen Michaelis dieses 1647. Jahresb rückständigen besoldung, so jährlich muß dem Ambt Zwickau mit 5 fl. (Gulden) gefällig, und bis dato zusammen 45 fl. beträgt, unverlangt außzahlen solle, In gnedigster erwegung, daß Ich auf dießer Pfarr an gelde (außer noch 4 fl., so die Kirche jährlich reichet) sonst nichts Gewißes zu heben, das Getreidicht aber, so dieß Jahr durch Gottes Segen erbauet gewesen, von dem Kriegsvolk, wie gedacht, alles zu nichte gemachet worden, und von den geordneten Decimis wenig zu hoffen, weil die Eingepfarrten auch rein unb das ihrige kommen sind; hingegen durch erlangung jetzt erwähnten Rests mir Gott mittel weiset, wie zur brödtung zu gelangen, und mit meinem armen Weib und Kindern, derer noch Achte am Leben, und keiner unter ihnen bis dato allerdings meiner väterlichen hülffe entraten können, in meinem Alter ich mich kümmerlich hinlesen möchte, Solche hohe Churfürstliche gnade und wohltat, daß Göttliche Allmacht E. Churf. Durchlaucht reichlich vergelten wolle, will Ich in meinem täglichen Gebeth treulich und inbrünstig zu seuffzen nicht unterlaßen.

Datum Hermannsdorf, den 8. Novembris Anno 1647.

E. Churf. Durchl. untertenigster getreuer Vorbitter bey Gott Johann Kirchner dießer Zeit Pfarrer zu Hermannsdorff, meines alters im 61sten und Pfarrambts im 35sten Jahr."

Der Erfolg dieses Briefes war recht wenig befriedigend. Unter dem 21. November 1647 ordnete der Kurfürst in einem von ihm eigenhändig unterzeichneten Erlasse an den Amtsschösser zu Zwickau, Johann Philipp Romanus, die ungesäumte Auszahlung des rückständigen Gehaltes an. Aber trotzdem der Bruder des Pfarrers Kirchner, der kurfürstliche geheime Ratssekretarius Daniel Kirchner, in einem Privatbriefe an den Amtsschösser demselben die Erledigung des Bittschreibens dringend ans Herz legte, mußte der Pfarrer Mitte Dezember sein Bittgesuch an den genannten Amtsschösser wiederholen. Am 30. Dezember richtete der Annaberger Superintendent Lic. Georg Seidel ein bewegliches Schreiben gleichen Sinnes an Romanus. Auch dieses war umsonst.

Trotz des kurfürstlichen Befehls erfolgte die Auszahlung der vollen Summe bei Lebzeiten des Bittstellers überhaupt nicht. Neujahr 1648 erhielt er 10 Gulden, für die er aber auch noch einen Taler Unkosten und Botenlohn zahlen mußte. Am 11. Januar starb er.

Sein Sohn Theodor Johann Kirchner, der kurz zuvor Pfarrer in Mildenau geworden war, unterließ nicht, für die verwitwete Mutter und deren fünf unversorgte Töchter auf die Auszahlung des Restes zu dringen.

iy.


Nr. 12 v. 22. März 1931

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