Unter Leuchtern, zwischen Pyramiden und Weihnachtsbergen. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Unter Leuchtern, zwischen Pyramiden und Weihnachtsbergen.

1934 > 1934-05
Die Ausstellung des Krippenvereins Sehma hat als erste ihrer Art den Vorzug, unter der Schirmherrschaft des Reichsstatthalters von Sachsen zu stehen, eine Auszeichnung, die der jahrzehntelange Fleiß und das unermüdliche, ernste Streben der Mitglieder voll und ganz verdient haben. Eine im ersten Augenblick verwirrende Fülle von Ausstellungsgegenständen, die den großen Saal des Erbgerichtes bis auf den letzten Platz belegen, gliedert sich bei näherem Hinsehen durchaus organisch. Sehr begrüßenswert ist die Darstellung der historischen Entwicklung der Pyramiden, die von der einfachen, altehrwürdigen Vierstabpyramide an gezeigt wird bis zu den prachtvollen, reichgegliederten Konstruktionen, zu denen ihr Schöpfer die Zeichnung selbst anfertigte, um dann mit stets von neuem bewunderungswürdiger und nie erlahmender Ausdauer die technische Vollendung auszuführen und wenn er auch 2000 und mehr Arbeitsstunden daransetzen mußte, in anderen Worten ausgedrückt: ein Jahr und länger in 8 stündiger Arbeitszeit an einem Werk geschafft haben würde, das er z. T. in jahrelanger Arbeit in seinen Musestunden vollbracht hat. Und wir glauben es ihm, daß er dann an seinem Werk hängt und es ihm für keinen Preis feil ist. — Wir verstehen deshalb auch Max Höll, dessen geschnitzter Bergmann Reichsstatthalter Mutschmann, und Walter Herles, dessen geschnitzter Hirsch Innenminister Dr. Fritsch vom Schnitzverein in Verehrung gewidmet wurden, daß sie bei aller Freude über den Erfolg ihrer Kunst dennoch Schmerz empfanden, sich von ihrer Schöpfung trennen zu müssen. Es hängt Herzblut daran. Wir wissen aber auch, daß die Empfänger dieser Gaben einer wahren Volkskunst als volksverbundene Führer den inneren Wert einer solchen Arbeit richtig einschätzen können.
Eine Ausstellung für sich ist die Schau von Otto Bretschneider, Sehma. Meister Beyers ausgereifte Kunst offenbart sich sowohl in Reliefarbeiten als auch in Figuren. Allgemein interessiert der Werdegang einer Schnitzerei, die in der Holzplastik "Helm ab zum Gebet" die Arbeit des Schnitzers zeigt und anschaulich werden läßt, wie aus dem Holzklotz nach und nach die wohlproportionierte Figur entsteht.
Immer wieder stehen wir in stiller Andacht vor den Weihnachtsbergen, in denen sich das ganze Gemüt seines Erbauers spiegelt. Wir sehen darin den Werdegang seines Mühens von der ersten noch ungelenken Figur an bis zur immer reifer werdenden Gestaltung und freuen uns mit ihm, wenn ihm Proportionen, Ausdruck und Faltenwurf besser gelangen, wenn er seinem mechanischen Berg eine neue Bereicherung geben — neue originelle Einfälle — einbauen konnte. Wir möchten ihnen allen die Hand drücken, diesen prächtigen Menschen und verläßlichen Volksgenossen. Hier im Saal ist die verkörperte Volksseele eingefangen, die Ausdruck gefunden hat in plastischem Schaffen. Seelisch-rassige Werte sind es, die uns auf Schritt und Tritt entgegenkommen.
Daß die Kunst des Bastelns lokalhistorisch wertvolle Werke schafft, beweisen die beiden Nachbildungen der alten und neuen Sehmaer Kirche, die in naturgetreuer Wiedergabe von Friedrich Pfost, bez. Richard Stephan ausgeführt worden ist.
Erzgebirgischen Humor vermittelt diese lustige und zugleich leckere Pyramide von Kurt Riegel, Sehma, der einen originellen Einfall in die Tat umsetzte und sein kleines Kunstwerk aus Semmeln, Zöpfchen, Kuchen und sonstigem Backwerk herstellte. Sogar die Flügel bestehen aus zünftigem Material, aus Waffelblättern.
Wohin der Blick auch trifft, er sieht Heimatverbundenes, nicht zuletzt auch an der Decke, von der herab die alten und neuen Leuchter schimmern. Einer ist darunter, der über 200 Jahre alt ist und uns den Weg durch Generationen hindurch zurückweist. Schon um 1700 saßen unsere Ahnen im tiefverschneiten Sehmatal und schufen ein Kunstwerk, das heute noch Beispiel ist. Welch' eine Fülle Geschichte liegt zwischen ihnen und uns. Und der Kern blieb. Wir alle tragen die Erbmasse unserer Altvorderen in uns und haben dafür einzustehen, daß wir alles Edle und Gute unseren Kindern für kommende Generationen weitergeben. Die Sehmaer Jugend bastelt natürlich auch schon. Hier geht eine Saat auf, die noch reiche Frucht zu tragen verspricht.

In ihrer ganzen Anlage und in allen Einzelheiten zeigt diese Ausstellung, daß der Krippenverein Sehma unter Führung von Kurt Riegel seinen Weg zielbewußt weitergehen wird. Dazu ein herzliches Glückauf!
W.T.

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 5 v. 28. Januar 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 5, 28. Januar 1934, S. 7

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