Die Marodeure von Wiesa. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Die Marodeure von Wiesa.

Eine 300-Jahr-Erinnerungsskizze von Otto Cimutta.

Vor 300 Jahren braute auch das grausigste Kriegsungewitter Unheil über der ehsten Heimat zusammen. Da wurde Augustusburg vandalisch ausgeplündert. Oederan und Frauenstein in Flammen verzehrt, Mord, Brand, Plünderungen im Sehma- und Zschopautal.

Zwar die Wälder wehen noch immer wie ein tiefes, starkes Atemholen, und die Wipfel in ihrer Unendlichkeit des Wogens rauschen noch immer den Sang einer geheimnisvollen Harfe Gottes.

Aber das, was die dunkel webende Waldung, was unsere arme, zertretene Heimat vor 300 Jahren erleben mußte im Spiel der kriegstrunkenen Zeiten — was da alles wild in unsere Städte, Flecken und Dörfer brauste, Marodeure, Holks Kroatengesindel vom Regimente Beigott, Fähnlein der Schweden mit den verblaßten Abzeichen des Regiments Arnim, den schwarzgelben Stücken vom Regiment Starrschedel ... Am schlimmsten aber alle die Holk'schen.

Burtius Schlächter hat sich haßwütig in seinem großen Garten versteckt, der hinter seinem Hause bis an den Waldrand hinstößt. Er kennt diese "kaiserlichen" Gesellen gut, die nebenan die Tonies Lehmännin zur Witib, zur Witwe machten, johlend, schreiend und dabei ihr den roten Hahn aufs Dach setzten. Was aber sind damals die Kurassiere des Marradas und die Reiter vom Regimente Pechmann der Ligisten für "anständige" Kerle gewesen gegenüber diesem Gesindel und Banditentum, das anno 1632 der Holk über die Berge heranführt! Nun läßt der "Schinder des Vogtlandes" die Kompanien in den erzgebirgischen, fränkischen und vogtländischen Kreis in die Dörfer wie eine zermalmende, pressende Woge einbrechen. Das ganze in schöner Kultur prangende und von der Natur gesegnete Oberland ist bald in eine Einöde voll rauchender Schutthaufen verwandelt. Diese disziplinlosen Scharen sind verwöhnt von den fetten Pfründen in Böhmen und am brausenden Rhein ...

Burtius Schlächter hält mit dem Gerber, dem Bäcker, einem alten, von der Maingegend her zugelaufenen Fährmeister und einigen Holzhauern und Pechbrennern das zusammen, was man einst ein Dorf nannte. Furchtsam schleichen sie zwischen Trümmergewirr, aufschießendem Buschwerk und Häusergerippen und zerfallenen Wohnungen dahin. Der Fuderhecken hat gar einmal versucht, draußen, wo der Boden ein wenig Schwarzerde aufweist, Korn zu säen ... Er hat es aber schnell aufgegeben. Der Pfarrer, dem die graue Not in den tiefen Augenhöhlen hockt, kommt mal auf einen Sprung aus der Stadt herüber. Um das Kirchlein wächst das Gras, durch die zerschlagenen Eingänge kriecht der Wolf. Die Nächte werfen mitleidiges Licht durch die klaffenden Lücken im Dachreiter ...

Burtius Schlächter, der Förster von Wiesa, stöhnt auf. Er hört das Brüllen seiner einzigen Kuh. Die Horde da vorn macht sich jauchzend an das Schlachten. Die andern alle haben sich bei Herannahen der Holk'schen Plünderer in die tiefen, schweigenden Wälder geflüchtet — aber über ihn sind sie hergefallen. Sein nacktes Leben hat er nun gerettet. Der Mann mit dem verwilderten Gesicht krampft seine Hände um eine Pike, die er sich rettete. Er hat einen rothaarigen Schopf, harte Backenknochen und starke Brauen über düsteren Augen.

"Schlächter!" Der Holzförster zuckt zusammen. Als er sich nach dem Rufer wendet, kauert die Frau vom Wildschütz vor ihm und flüstert: "Sie haben meinen Mann. Er soll ihnen den Weg ins Meißnische hinüber zeigen. — Aber er wird sie falsch führen, haha! Ich werde ihnen etwas antun, daß sie ihr Leben dran denken!"

Der Förster lacht schrill und spöttisch: "Sei zufrieden, daß sie dich nicht griffen!"

Aber die Wildschützin mit den rotgeränderten Augen und den bleichen Lippen ist wie irr. Die Blicke funkeln von Haß, die Zähne klappern ihr aufeinander, brandheiß und eiskalt scheint es sie zu durchgehen: "Ich weiß ihr Lager, Schlächter — und in dem müssen sie verbrennen ..! Die alte braune Hütte vom Pechsieder, dem Tschonner — weißt du!" Sie nicht und murmelt, die schmutzige, elende Alte, der sie die drei Buben ermordet haben! Das Schwirren und Gröhlen der Stimmen da vorn peitscht auch den Förster auf: "Du meinst, sie verbrennen? — 's ist schon gut, ich gehe mit dir!"

Sie liegen so noch lange still nebeneinander, bis die Soldateska da im Dorfe abzieht. Die Dunkelheit kommt zwar, aber bald durchspinnt sie der Mond mit gespenstischem Lichte und rankt um die Wipfel große Silbernetze. Dann gehen sie vorsichtig durch das zerstörte Haus und die wüste einsame Dorfgasse. Die frau ist wie ein Schatten an den Mann gekettet; etwas Irres hat sich in ihren Augen gefangen. Es bellt heiser in der Nähe — Wölfe, da faßt der Mann die lange Pike fester. So schreiten sie weiter. Jetzt hat die Frau die Führung. Zwischen den Waldstämmen funkelt es grünäugig wie glitzernde Gesichter von bösem Getier. Ein dünner Nebel um Stämme, Büsche, Kräuter! Ein Bach dann, eine Lichtung ... ein Häherschrei! Aufgescheicht schrillt es durch den Wald. Dann wieder dicht an einer Lichtung eine kleine Holzhütte. Ein Lagerfeuer, das schon ein wenig heruntergebrannt ist, dicht davor. Und in der Hütte Lachen, Lärmen, Würfelgeklapper und Bechergeklirr. Die Gestalten haben ein Schemenhaftes. Von der Seite, wo eine Waldnase sich an das Lager der Marodeure schiebt, schleichen die beiden heran. Ein Jammern dringt an ihre Ohren. "Der Wildschütz!" zischte der Mann und deutet der Frau strengstes Schweigen an. Und nun warten sie wieder. Allmählich werden die betrunkenen Söldner ruhig, in der Hütte raschelt es wie von Laubwerk und Stroh — — Ein baumlanger Kerl pflanzt sich vor der halbgeöffneten Tür auf und legt sorglos die Waffen an die Hüttenwand, wirft ein Stück dürres Holz ins Feuer, daß es noch einmal hell aufflammt. Dann kuschelt er sich an die Holzwand und läßt sich von der Müdigkeit übermannen. Er schnarcht in die Nacht hinein.

Aber sie warten noch lange, ehe sie an ihr grausiges Werk gehen. Nur, daß noch Glut da sein muß! Auf Händen und Füßen schiebt sich der Förster heran. Wird er bemerkt, mag es gehen wie es will! Aber da ist er wirklich an der Türöffnung und mag hineinschauen. An die zehn Mann liegen die Marodeure beieinander und schlsfen fest. Den Wildschütz haben sie nicht weit von der Tür gefesselt hingelegt. Für ihn ist die Wache verantwortlich. Bleich und erschöpft liegt der Mann da. Wie ein langer glänzender Spalt fällt der Mond auf sein Gesicht, auf die müden Augen, die doch nicht schlafen können ... Da plötzlich — er verbeißt sich einen Aufschrei: Des Försters, des Burtius Schlächters Antlitz! Der hat den Finger an die Lippen erhoben ... Um Gotteswillen, kein Geräusch! Irgendeiner der Kerle rekelt sich, döst halblaut vor sich hin in den Knebelbart, träumt und grunzt laut. Das sind bange Augenblicke für den mäuschenstill liegenden Förster ... Schließlich wälzt sich der Söldner auf die andere Seite. Nun ist es wieder still. Da rüttelt der Holzhauer Andreas Wildschütz an seinen leichten Fesseln aus Weidenruten. Er schiebt sich an dem Kornett zum Türeingang vorbei. Endlich, endlich steht er draußen. Frei, ganz frei! Er sieht nun auch sein Weib, er sieht aber auch ein irres Glitzern in ihren Blicken ...

O, sie ist nicht müßig gewesen, hat, so heimlich sie esb vermochte, um die Hüttenwand Holz und dürres Gras geschichtet. Nun versteht der Holzhauer. Funken sind noch da ..! Sie flüstert bettelnd, die Männer möchten sich in den Wald zurückziehen. Es ist eine Wildheit in ihr erwacht, Rache zu nehmen — Rache für drei unschuldige Kinder!

Und bald läuft ein unheimlich geschäftiges Flammen um die Wände, ganz klein erst, ganz klein. Am Eingang findet es die am meisten gehäufte Nahrung, es knistert, greift nach dem dürren Bretterholz der Hütte. Zuckt an allen Enden. Im Nu ist es ein Lohen. Die Wache stiert auf und will schreien. Da sieht der baumlange Soldat ein von den roten Flammen überhelltes Weib vor sich. Satanisch lichtern die Augen und mit einer Pike stößt sie ihn nieder, daß er taumelnd vom harten Schlag und bewußtlos ins Feuer zurücksinkt. Ein einziges Flammen loht jetzt die Hütte. Wilde Schreie, heiseres Gebrülle. Hin- und Herstoßen da drinnen ... Wie Fackeln stürzen einige Marodeure heraus. Sie tanzen wie wahnsinnig, sie zucken und werfen sich nieder, um die Flammen zu ersticken — und rasen schließlich in den Wald. Die Wildschützin stammelt trunkene Worte. Die beiden Männer versuchen vergeblich ihr nahezukommen. Indes lecken die Flammen am dürren Gezweig empor, eine dicke qualmende Flut von Rauch schlägt dem Förster und dem Holzhauer beißend in die Gesichter. Flammen spielen und schießen an Busch und Baum hoch. Und inmitten diese Frau, die auf den Jammer der Soldateska stiert. Wie ein Spuk diese Nacht! Die ganze Waldecke steht jetzt in Brand und jagt die Beiden weiter zurück. Ein Schaudern durchgeht sie, als sie ein irres, laut in den Wald gellendes Lachen hören. Sie müssen die Wildschützin ihrem Schicksal überlassen. Nur, daß der Holzhauer des Försters Hand greift: "Gott behüte sie!" Er stammelt es; ewig ist der Name Gott nicht über seine Lippen gekommen. Das ungeheure Geschehen hat den ganzen Menschen wieder aufgewühlt. Angstvolles Vogelkreischen erfüllt rings die Luft. Vor den rasenden Flammen, die wie eine aufblähende Feuerfahne wild und lüstern vorwärts knistern, weichen die Menschen zurück. Fern durch die Stämme sieht man eine Hütte ineinander sinken. Die Rache einer armen, irrsinnigen Frau ist auch stumm geworden ...

An feuchten, breiten Gräben und Gründen wühlte das Feuer tagelang, ein kohlschwarzes Waldgewirr hinter sich. Es glimmte und verglimmte, es konnte nicht hinüber greifen auf die jenseits des Waldbaches breit sausenden Wipfelwogen, die gingen wie ein tiefes starkes Atemholen. Wie der Sang einer geheimnisvollen Harfe Gottes ...
Depot der Freiwilligen Sanitäts-Kolonne vom Roten Kreuz in Königswalde i. E.
Rot-Kreuz-Baracke in Königswalde.
(Photo: O. Köhler-Königswalde.)
Im Rahmen des Rot-Kreuz-Tages 1933 wurde am 18. Juni das von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Königswalde errichtete Depot feierlich eingeweiht. Die schmucke Baracke ist 8 m lang, 4 m breit, 3,5 m hoch und ist mit Wasserleitung und elektrischem Licht versehen. Im vorderen Raum werden die Geräte, die Scheinwerfereinrichtung usw. aufbewahrt. Der hintere größere Teil des Baues dient als Tagesraum, kann auch als Sitzungszimmer Verwendung finden.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 126. Jahrgang, Nr. 26, 25. Juni 1933, S. 1

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