Das Obererzgebirge vor 500 Jahren. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Das Obererzgebirge vor 500 Jahren.

1927 > Nr. 19/1927
Infolge der im Juni 1415 zu Konstanz erfolgten Hinrichtung des Johann Huß hatte sich die Aufregung und Bewegung unter seinen Anhängern in Böhmen auf das höchste gesteigert und sie bot zugleich Gelegenheit, die Stärke seiner Anhänger zu ermessen. Es würde zu weit führen, die Entstehung und den Weitergang der Kämpfe im einzelnen zu schildern, die wir als den Hussitenkrieg kennen, von dem Sachsen in grausamer Weise heimgesucht wurde. Kaiser Sigismund hatte die Last des Kampfes hauptsächlich auf Kurfürst Friedrich abgewälzt. Schon 1425 erlitten die Meißner eine verlustreiche Niederlage, so daß allenthalben großer Schrecken entstand. Die Besorgnisse wurden durch die große Niederlage des Kurfürsten bei Aussig 1426 und durch die Aufgabe der Belagerung von Mieß noch vermehrt und bald wüteten Ziskas und später Prokops Scharen verwüstend im Meißnerland. Was uns in der Heimat an die Zerstörungen jener wilden Zeit heute noch erinnert, sei in folgendem kurz erzählt.

Am Paß zwischen Marienberg und Komotau liegt der Kriegwald und in der Nähe das Städtchen Zöblitz, auf böhmisch Mordstätte, Wahlstatt — wie M. Chr. Lehmann berichtet, dem diese Schilderungen nacherzählt sind.

Am Satzunger Paß liegt der andere Kriegwald, in dem der alte Hammerherr Christian Meyer viele Ruinen fand. Die angrenzende Pfeilheide soll auch eine Wahlstatt gewesen sein; sie ist ein unfreundliches, unfruchtbares Stück Land. Im Kriegwald wurden noch im 17. Jahrhundert große Haufen aufgeschichter Totengebeine gefunden, die mit Moos überwachsen waren und wie Stücke alter Mauern erschienen; ferner fand man große Mengen Pfeilspitzen, Hufeisen, Hacken und dergleichen daselbst.

Auf die hussitischen Verwüstungen weisen auch zahlreiche, um jene Zeit untergegangene Flecken, Dörfer und Schlösser des Erzgebirges hin. Die Stadt Lößnitz, um welche viele wüste Dörfer liegen, hat durch die Hussiten viel ausgestanden. Das Städtchen Grünhain und dessen Kloster haben sie 1429 ganz verwüstet, die Mönche erschlagen, ihr Vermögen geplündert und die Gebäude zerstört und niedergerissen; ebenso das Klösterlein bei Aue. Schwarzenberg wurde ganz eingeäschert und die Stadtmauer bis auf den Grund abgebrochen.

Crottendorf haben sie ganz ausgeplündert und die Kirche durch Mord und Unzucht so entheiligt, daß sie der Bischof wieder weihen mußte; Wöchnerinnen, Kranke und Kinder wurden in den Betten erstochen. Das Dorf Kraxdorf, zwischen Scheibenberg und Neudorf auf der Höhe, wurde verbrannt und verwüstet, ebenso das am Nordwesthange des Pöhlberg gelegene Witzdorf mit der Burg Wildeck, *) wo man noch in den 1880er Jahren alte Hufeisen und dergleichen aus jener Zeit fand.

Das Städtchen Zwönitz lag lange öde und die Bewohner waren in die Wälder geflohen. Zwischen letzterem Ort und Elterlein liegt Burgstädtel, das die Feinde so mitgenommen haben, daß erst nach und nach etwas wieder angebaut worden ist.

Elterlein wurde so verwüstet, daß es lange Zeit unbewohnt bleiben mußte. Lange noch hat in der dortigen Kirche ein Kasten voll Pfeile zum Gedächtnis gestanden. Von Schlettau schreibt der Annaberger Chronist Jenisius, daß es sich erst nach vielen Jahren wieder erholen konnte. Auch dort fand man viele Pfeile und Eisen-Harnisch-Stücke aus jener Zeit. Im Jahre 1649 fand der Schieferdecker bei der Abnahme und Ausbesserung des Schloßturmknopfes noch drei Pfeile. Wie damals die äbtischen Dörfer Sehma, Cranzahl und die Waldhäuser am Bärenstein zugerichtet worden sind, läßt sich — weil sie am Wege lagen — lebhaft denken. Auch Preßnitz, jenseits der Grenze, wurde nicht verschont: das Kloster und alle Gebäude des Ortes wurden dem Erdboden gleichgemacht. Dem Städtchen Zschopau und dem Schloß Scharfenstein konnten sie nichts anhaben, ließen aber deshalb ihre Wut desto mehr an den benachbarten Ortschaften aus.

Wolkenstein muß es übel ergangen sein, denn am Felsen unter dem Schloß sind ein Kreuz und ein Kelch eingehauen zum Zeichen dafür, daß sie einen Priester vom Felsen herabgestürzt haben. Von der Schmalzgrube, am Wasser hinauf bis an die Preßnitz, sind 26 Hammerhütten niedergebrannt worden. Als die Meißner 1426 in der Schlacht bei Aussig geschlagen worden waren und, von den Feinden verfolgt, zurückflüchteten, kehrten letztere in ihre böhmische Heimat zurück und zerstörten — auf ihrem Wege die Gegend des heutigen Annaberg passierend — das Dörfchen Giersdorf, an dessen Stelle später Jöhstadt entstand. "Sie hausten bei ihren Nachbarn, wie sie ihr eigenes Land mit Mord, Brand und Raub verwüsteten, daß viele Dörfer öde blieben und den Namen verloren, dagegen Felder verbuschten und mit Holz bewuchsen; daher das Sprichwort: Es sind böhmische Dörfer." (Lehmann.)

An die schreckliche Hussitenzeit erinnert uns auch die Erzählung vom Mönchsgesicht an der Schlettauer Kirche.

Der Pater Benno rettete vor dem mit Unheil drohenden Zuge der Feinde ein silbernes Kruzifix, das noch allein auf dem Altar stehen geblieben war, indem er es um Mitternacht in der Kirchenmauer vergrub; denn Altäre, Bilder und anderes heilige Gerät zerstörten die Horden. Am anderen Morgen wurde der Pater von den wilden Ketzern erschlagen. Dies träumte einem Priester, welcher die Stelle dem Küster offenbarte, der aber Diebstahl verübte und nun zur Strafe in der Mauer zu sehen ist. — Lehmann berichtet auch, daß in einer Mauernische der Kirche zu Elterlein ein Kästchen stehen soll, welches drei Hussitenpfeile enthält.

Endlich liefern uns die Kirchengebäude und Ringmauern Zeugnis von der Zerstörungswut der Hussiten; die meisten wurden bis auf den Grund zerstört und mußten von neuem aufgebaut werden. Wie die Kirchengebäude zur Gegenwehr eingerichtet wurden, zeigen uns die alten Kirchen zu Großrückerswalde, Königswalde, Lauterbach, Crottendorf usw. Teils auch wurden die Kirchen mit hohen Mauern und Türmen umgeben, wie in Geyer (wo auch viele Hussitenpfeile in der Kirche aufbewahrt wurden), Schlettau und anderen Orten. Zuletzt beweisen uns die Glocken die Raubsucht der Anhänger des Huß. In der ganzen Ephorie Annaberg wird in keiner Kirche eine Glocke gefunden, die vor dem Hussitenkriege gegossen worden wäre; ohne Zweifel sind sie alle nach Böhmen geschleppt worden.
—cj—

Erzgebirgisches Sonntagsblatt  Nr. 19 v. 15. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 19, 15. Mai 1927, S. 2

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