Obererzgebirgische Originale. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Obererzgebirgische Originale.

1927 > Nr. 21/1927
Scheibenberger Bote


"Der Scheimbarger But"

zählte alt Bote in Annaberg mehr zum "auswärtigen Dienst", den er auch gewissenhat versah. Durch sein drolliges auf einen kleinen Gehirndefekt beruhendes Wesen erweckte er, ungewollt, oft viel Heiterkeit, namentlich, wenn er mit erschütterndem Ernst seinen "Freischütz von Hohenhausen" deklamierte — was ihm zuweilen eine mit Wonne genossene Zigarre eintrug.

Text und Zeichnung von R. Köselitz-München

De Vatermine und der dicke Meyer.

Wenn auch "de Vatermine" nicht als Original angesprochen werden kann, sondern mehr als eine geistig nicht auf voller Höhe stehende Person, so sei von ihr doch nachstehende lustige Geschichte, die ein Mildenauer Leser des I. E. S. erzählt, berichtet:
Vatermine, eine Armenhäuslerin aus Annaberg, die schon durch ihre eigenartige Kleidung auffiel, kam öfters nach Mildenau. Sie trat in die Stuben der Landwirte und überschüttete die Leute mit allerhand Neuigkeiten. Dabei brachte sie aber alles so durcheinander, daß kein Mensch aus ihrem Gefasel klug werden konnte. Gab man ihr ein Geschenk, so zog sie sich schnell und geräuschlos zurück.

Auf einem ihrer Mildenauer Gänge kam Vatermine zu einem Gutsbesitzer, der als Spaßvogel bekannt war. Bei diesem hielt sich gerade der dicke Meyer auf, ein Dorfunikum, welcher der Gemeinde zur Last lag und von dieser auf die Güter geschickt wurde, um dort einige Tage, je nach der Größe des Anwesens, verpflegt zu werden, wofür er leichte Arbeiten verrichtete. Der lustige Gutsbesitzer sah sofort eine günstige Gelegenheit, mit Vatermine und dem dicken Meyer, der mit Geist auch nicht gesegnet war, einen kräftigen Spaß anzustellen. Und so sagte er den beiden, sie möchten doch einmal miteinander tanzen. Der dicke Meyer, des Tanzens etwas kundig und dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan, war sofort dabei und wirbelte die sich sträubende Vatermine im Hopsewalzer tüchtig herum, drehte mit ihr so kräftig im Kreise, daß die Tanzfläche nicht ausreichte und die Ofenbank, auf der die tönerne Rahmschüssel stand, umgeworfen wurde. Das Tanzpaar stand vor Schreck wie versteinert da und der Spaßvogel von Landwirt kraute sich verlegen am Kopf — als die Bäuerin auf dem Plan erschien und die Szene zum Tribunal machte. Na, der dicke Meyer und die Vatermine machten sich schnell aus dem Staub. Der Spaßvogel mußte die Suppe allein auslöffeln. Am besten kamen bei der ganzen Geschichte die Schweine des Bauers weg. Sie durften die Suppe — den Inhalt des Rahmtopfes — auslecken.

O. B.-Mildenau.

Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 21 v. 29. Mai 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 21, 29. Mai 1927, S. 5

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