Ortsgeschichtliches von Dörfel - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Ortsgeschichtliches von Dörfel

1927 > Nr. 7/1927

Um späteren Geschlechtern ein Zeitbild jetziger und früherer Verhältnisse, sowie über die Ortsgeschichte übermitteln, sei folgendes nach Möglichkeit der Ermittelungen kurz festgelegt: 

Ueber die Gründungszeit Dörfels läßt sich nichts Genaueres ermitteln, nur, daß es älter ist als Annaberg (1496) und wohl Bergleute die ersten Ansiedler gewesen sind, die gleichzeitig etwas Landwirtschaft zum nötigsten Lebensbedarf betrieben haben.


Ums Jahr 1308 gehörte unser Dorf mit noch 6 anderen zur Herrschaft Pöhlberg oder Bahlberg. 1414 kommt Dörfel in markgräflichen Besitz. 1553 verschrieb es Kurfürst Moritz mit anderen Dörfern der Stadt Annaberg. 1814 wird berichtet: Es ist ein unmittelbares Amtsdorf im Erzgebirgischen Kreise im Amt Grünhain, 1/2 Stunde nördlich von Schlettau auf dem rechten Ufer der Zschopau gelegen mit 224 Einwohnern.


Verschwunden sind das Pochwerk, das einst in der Nähe der jetzigen Schmidtschen Brauerei gestanden hat, und das Brechhaus oder Darrhaus; es stand unweit der Talstraße an der Waldecke. In den Jahren 1860-1880 wurden über 20 Personen vom Oktober bis Dezember täglich von nachts 1 bis nachmittags 4 Uhr in letzterem beschäftigt. Die heutige Pappenfabrik war vor verschiedenen Bränden eine Mühle, eine Mehlquetsche, die zum Erbgericht gehörte bis 1833. Das Erbgericht ist das letzte Mal 1860 abgebrannt. Dazu gehörte die Schank- und Tanzgerechtigkeit und der Salzschank (Verkauf), bis zum zweiten Brande bestand auch ein Fleischereibetrieb. Bis 1860 lag die Gerichtsbarkeit dem Erbrichter ob, von da ab ging sie auf ein Gemeindemitglied über. Vor Krieg und Kriegsschrecken ist Dörfel im Laufe der Jahrhunderte nicht verschont geblieben. Viele Kriegssteuern sind zu zahlen gewesen und Lebensmittel waren abzuführen, so in den Jahren 1429, 1547, 1633, 1654 (12 Scheffel Hafer und 2 Scheffel Korn mußten nach Dresden gefahren werden), 1762. 1813 befand sich auf der Höhe zwischen den noch heute bestehenden Gütern Sauwald und dem Dorf Frohnau ein Lager. Im Kriege 1870/71 zogen 6 Krieger von hier gegen Frankreich, die ohne besondere Schäden heil heimkehrten, während am letzten Weltenringen 1914 bis 1918 etwa 93 zu Kriege zogen und davon 23 im Alter von 21 bis 34 Jahren ihr Leben lassen mußten. Während des letzten Krieges trat Nahrungsmittelnot ein und fast alle Lebensbedürfnisse durften nur gegen Bezugskarten abgegeben werden.  -- 1919 zählte Dörfel 513 einwohner, heute 503.


Die Ortsflur ist ca. 510 ha groß und hat 75 bewohnte Gebäude.


An selbständigen Gewerbetreibenden sind außer vorhandenen landwirtschaftlichen Kreisen vorhanden: 1 Bäckermeister, 2 Materialwarenhändler, 1 Schmiede-, 1 Klempner-, 1 Stellmacher-, 1 Tischler-, 2 Zimmerer-, 2 Maurer-, 1 Schneidermeister und 3 Schuhmacher. Weiter sind vorhanden 1 Gasthof (erbgericht) und eine Pappenfabrik. Seit 1911/12 haben wir elektrisches Licht und Kraft und solche Straßenbeleuchtung. Seit 1922 eigenes Standesamt und Girokasse, mit diesen Einrichtungen wir vorher mit zu dem noch eingepfarrten Hermannsdorf gehörten.

Der Viehbestand betrug am 1. Dezember 1925: 35 Pferde, 428 Rinder, 46 Ziegen, 145 Schweine, 736 Stück Federvieh, 13 Bienenvölker und 60 Kaninchen.

Die Gemeinde selbst besitzt außer dem angegebenen Wald noch 13 ha Feld- und Wiesengrundstücke und hatte 1913 an Vermögen noch ca. 15000 M. in Sparkasseneinlagen, die infolge in den Jahren 1919 bis 1923 eingetretener Geldentwertung heute etwa noch dem zehnten Teil entsprechen. Diese Geldentwertung hat zur Verarmung der Deutschen Bevölkerung geführt. Welch große Zahlen im Deutschen Wirtschaftsleben entstanden, zeige folgendes: Es kosteten:

 

1919

Okt. 1922

Ende Okt. 1923

1 Kilo Rindfleisch

3,70 M.

4,10 M.

3.000.000.000 M.

1 Kilo Hausbrot

-,50 M.

17 M.

680.000.000.000 M.

1 Herrenanzug

357,- M.

19.500 M.

645.000.000.000 M.

1 amerik. Dollar

8,73 M.

2.600 M.

72.861.000.000 M.


1 amerikanischer Dollar, der 1914 hier 4,20 M. kostete, kostete am 23. November 1923: 4.210.500.000.000 M., mit diesem Zeitpunkt begann Deutschlands feste Geldentwertung, und zwar 1.000.000.000.000 M. (eine Billion) war eine Goldmark (später Reichsmark).

Eine 35 Mann starke uniformierte Ortsfeuerwehr, sowie 37 Mann Pflichtfeuerwehr, denen 2 Feuerspritzen zur Verfügung stehen, helfen schützend bei Feuersgefahren im Orte und den Nachbarorten.


Ueber das Schulwesen ist bekannt, daß bis zum Jahre 1811 in Dörfel kein eigenes Schulgebäude bestand. Die Kinder zogen mit ihrem Lehrer von Haus zu Haus. Das Nachbarhaus der heutigen Schule als solches wurde errichtet, mehrere Male umgebaut und 1893 für 3010 M. Das heutige Schulhaus erstand 1891/92 für 14.210 M. und wurde am 16. September 1892 geweiht. Eine Bibliothek besteht unter Verwaltung des jeweiligen Lehrers seit 1892 mit 554 Büchern. Gegenwärtig werden 51 Kinder von 1 Lehrer, 1 Wanderlehrer und 1 Nadelarbeitslehrerin unterrichtet.


Die Gemeindegeschäfte wurden geleitet durch Gemeindevorstand und Landwirt Karl August Bärthel 1864-1874, Gemeindevorstand und Landwirt Friedrich August Einenkel 1874-1884, Gemeindevorstand und Landwirt August Moritz Peter 1884-1908, Gemeindevorstand und Zimmerer Karl Aug. Huß 1908-1920, Gemeindevorstand und Landwirt Aug. Ottomar Einenkel 1920-1926.


Seit 16. Februar 1926 ist berufsmäßiger Bürgermeister Paul Emil Hofmann. Stellvertreter für das Bürgermeisteramt und Standesamt ist seit 1924 Schulleiter Kurt Jokisch. Als derzeitige Gemeindevertreter sind tätig Paul Schmidt, Brauereibesitzer und Friedensrichter, Oskar Fiedler, Landwirt und Ortsrichter, Emil Seidel, Fabrikarbeiter, Kurt Jokisch, Lehrer und stellvertretender Bürgermeister, Willy Dietze, Bauarbeiter, Rudolf Wagner, Landwirt, Hugo Einenkel, Wirtschaftsgehilfe.

Vorstehende Niederschrift wurde von den Unterzeichneten gefertigt und am heutigen Tage der Grundsteinlegung mit einigen Geldscheinen und einem Ortsbild versehen, verschlossen, durch Einmauern im niederen Hausgiebel unserer Nachwelt zu Nutz und Frommen übergeben.

"Gottes schützende Hand walte in diesem Hause und in unserem Orte immerfort."

Dörfel, am 3. Sept. 1926.
Emil Hofmann, Bürgermeister.
Kurt Jokisch."

Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 7 v. 20. Februar 1927


Erzgebirgisches Sonntagsblatt 120. Jahrgang, Nr. 7, 20. Februar 1927, S. 5

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