Alte Ortsnamen in der Flur Jöhstadt - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Alte Ortsnamen in der Flur Jöhstadt

1932 > 1932-04

"Dürrenberg" und "Schlössel"

Als vor etwa 30 Jahren der "Ausschuß für historische Geographie Sachsens" und die sächsische Kommission für Geschichte an die Städte und Landgemeinden des Sachsenlandes sich wandte, um festzustellen, was alles an lokalhistorisch interessanten Flur- und Ortsbezeichnungen, Straßen- und Flußnamen etc. bekannt sei, konnte auch die Stadt Jöhstadt einen äußerst umfangreichen Bericht hierzu liefern.

Man kann fast sagen, jeder Winkel in und um Jöhstadt hat einen besonderen Namen. Da gibt es im "Staadel" selbst den "Franzberg", eine Bezeichnung, die aus der Bergmannszeit stammt. Unweit von der Stadt ist das "Sanssouci", nach Schmalzgrube zu das "Gründel", bei Grumbach die "Sorge"; auch kennt man die Salzlecke, die Viehtrift, die Scheibe, im Ratswald die "alte Henne", wohl auch den "Weißen Hirsch" und das "rote Wässerchen", das man auch Konduppelbach nennt (gebildet aus "Kunz Oppelmanns Bach").

Durch Ueberlieferung ist bekannt, daß südlich von der Stadt nach Pleil-Sorgenthal zu einst der Ort "Bottendorf" gelegen hat, der aber im Hussitenkriege verwüstet wurde und verschwand. Von diesem Bottendorf blieb nur die alte Fiedlermühle übrig, die 1870 zur Fladerschen Spritzenfabrik umgewandelt wurde. Es gibt nur noch den "Bottendorfer Weg".

Einen alten, überlieferten Namen trägt der Stadtteil "Dürrenberg", den unser Bild zeigt. Er zieht sich - jenseits der eigentlichen Stadt - vom Bahnhof und Schwarzwassertal aufwärts bis hinauf zum "Hegerhaus". In der Mitte dieses Ortsteiles erhebt sich die F. A. Angersche Fabrik. Zu diesem Unternehmen war im Jahre 1850 in dem Hause Brand-Kat.-Nr. 97 am Dürrenberg von Friedrich August und Friedrich Hermann Anger der Grund gelegt worden. Die jetzige Fabrik war bis 1880 als sogenannte "Lohmühle" bekannt (Brand-Kat.-Nr. 111 am Dürrenberg).

Man hat nun verschiedentlich den Ursprung der Bezeichnung "Dürrenberg" zu ergründen versucht. Es ist anzunehmen, daß der Ausdruck aus der Zeit der Einwanderung der böhmischen Exulanten (1623 bis 1651) stammt, die jene, damals wahrscheinlich recht wüste, unfruchtbare Gegend als "dürren Berg" benannten. In Lehmanns "Historischer Schauplatz" kann man hierüber auch lesen: "wie auch in Jöhstadt, da das liebe Getreide selten also fortkommt, daß man es zum Backen und Samen brauchen könnte. Ja, man hat an einigen wilden Orten wahrgenommen, wenn man das Feld zugerichtet und gebaut hat, ist es in etlichen Jahren wieder ganz in wilde (dürre) Heide geworden." Weniger stichhaltig ist die andere Lesart, wonach das "Dürrenberg" aus "Türkenberg" entstanden sei, weil vor 400 Jahren, 1531, im Türkenkriege die aus Ungarn zurückkehrenden Truppen des Kurfürsten von Sachsen den Weg über den Preßnitzer Paß, wie auch über Jöhstadt nach Zwickau und Coburg gewählt hätten. Dabei seien eine große Zahl von Türken mitgeführt worden, welche am Berge vor der Stadt lagerten. Doch Dürrenberg hin und Türkenberg her, das eine steht jedenfalls fest, daß es heute kein "dürrer Berg" mehr ist. Freundliche Häuschen lehnen sich an den Berghang, umgeben von Gärten, Wiesen und Wäldern. Im Winter vesucht mancher Skifahrer das Gelände am Dürrenberg, während im Sommer die Kraftfahrer hier ihre Bergprüfungsfahrt bestehen.

Ein anderer Ortsteil von Jöhstadt heißt "Schlössel", eine Bezeichnung, die sich mehrfach im Erzgebirge vorfindet, z. B. die Schlösselbrücke in Annaberg. Das Hammerwerk "Schlössel" bei Jöhstadt mit seinem Hochofen war ehemals berühmt, war aber im Jahre 1645, als es von Josef Rubner in den Besitz von Christian Meyer überging, recht verfallen gewesen. Von letzterem und von dessen Sohn Andreas Meyer, dem Erb- und Lehnherrn auf Tannenberg, der den Titel eines Fürstlich Altenburgischen Hof- und Justitienrats führte, wurde das Hammerwerk wieder in gutem Zustand gebracht. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte es alsdann einer Familie Kaden, die den Hammer an den Meister Martin veräußerte, der vor 100 Jahren um 1830 noch Besitzer war. Kurze Zeit darauf kam das Hammerwerk in Schlössel zum Erliegen. Neue Industrien siedelten sich am Schwarzwasser an: die Schraubenfabrik von F. A. Biedermann u. Co., der Holzstoff- und Knochenstampfereibetrieb der Firma Fr. Chr. Lahl, die Posamentenfabrik von Aug. Swoboda u. Co., das Lorenzsche Sägewerk und die Schlittersche Kistenbauerei. Viele dieser Namen und Betriebsstätten sind verschwunden, und heute beherrscht den Talgrund hier das Ed. Krahlsche Unternehmen mit seinem neuzeitlichen Fabrikbau. Der Schlag des Hammers und die Hammerschmiede gehören der Vergangenheit an.

Zu erwähnen wäre an alten Ortsbezeichnungen bei Jöhstadt noch der Kriegwald, die Pfeilheide und der Streitwald, alles Kampfstätten aus der Zeit des Hussitenkrieges. Nach Angaben des Chronisten Christian Lehmann will man im Kriegwalde große Haufen von Totengebeinen, von Moos überwuchert, gefunden haben, weiterhin Hufeisen, Widerhaken und Pfeilspitzen.


125. Jahrgang, Nr. 4, 24. Januar 1932
Druck und Verlag: Felix Thallwitz i. Fa. C. O. Schreiber. Verantwortlich für die Schriftleitung: Willy Thallwitz, Annaberg.


INHALT:

  • Alte Ortsnamen in der Flur Jöhstadt

  • Ein Blatt Historia über Mittweida-Markersbach und Unterscheibe

  • Peter Torstades Erben (Roman, 2)

  • Allerlei aus dem Obererzgebirge

  • Hochwasser-Bilde aus Bärenstein und Weipert

  • Aktueller Zeitbilder-Dienst

  • Bilder aus dem Obererzgebirge


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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 125. Jahrgang, Nr. 4, 24. Januar 1932, S. 1

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