Erzgebirgisches im "Oskar-Seyffert-Museum" zu Dre4sden. - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

Direkt zum Seiteninhalt
Menü

Erzgebirgisches im "Oskar-Seyffert-Museum" zu Dre4sden.

1934 > 1934-36
(Fortsetzung und Schluß.)
Von Willy Hörning.

Engel- und Bergmannsleuchter mit großer Lichterkrone, derb und unbeholfen noch in der Form, stehen auf Fensterbrettern und Tafeln, älter als ein Jahrhundert. Mehrere alte Weihnachtsberge sind aufgestellt, so der Unterwiesenthaler Berg.

Und von der Decke herab hängen die "Permetten" und "Spinnen" aus älterer und neuerer Zeit. Unter den neuzeitlichen Krippenfiguren, die auch in großer Anzahl vertreten sind, ragen die von Lößnitz und Oberwiesenthal hervor.

Auch das heimatliche Kunstgewerbe von Seiffen und Grünhainichen ist in reicher Auswahl anzutreffen. Davon seien als schönste Arbeiten das Dorf Seiffen mit der umziehenden Kurrende und das Urmodell der Weihnachtsengelkrippe von Grünhainichen genannt. Letztere besteht aus einer runden Freitreppe, auf der die Christgeburt mit vielen, vielen musizierenden und lichtertragenden Engeln aufgebaut sind. Die künstlerische Wirkung beruht in der Hauptsache auf Farbe und Gruppierung. Eine geschmackvolle Arbeit! Und trotzdem fand sich später in der Staatlichen Fachschule in Seiffen eine kunstgewerbliche Krippe von noch künstlerischerer Wirkung. Soviel von der heimatlichen Weihnachtskunst im Landesmuseum. Wenn man die prächtige Auswahl gesehen hat, kann man verstehen, daß besonders um Weihnachten diese Stätte zu einem Hauptanziehungspunkt unserer Landeshauptstadt wird.

Auf dem Gebiete der Trachten, Werkzeuge, des Hausrates usw. ist es das Gleiche: unsere Erzgebirgsheimat ist reichlich vertreten. Doch aus uns hinlänglich bekannte Dinge, wie Klöppelsäcke und -spitzen, Bergmannstrachten, Jungmäödchentracht, Bergmannsbarden, Zinngeräte. "Urväter-Hausrat"! Dort die reizende Oberwiesenthaler Bauernstube in Puppenstubengröße mit allem Zubehör! Sogar die Bewohner fehlen nicht. Sie wirkt wie eine Miniaturbühne, auf der ein Erzgebirgsschwank von Max Rothe gespielt werden soll. In der Ecke läuft gerade das mechanische Bergwerk, wie wir es als Jungens auf dem Jahrmarkt bestaunten.

An der Wand holt jetzt eine alte Uhr mit Gewichten zum Schlage aus. Zwölf Uhr schon? Wie die Zeit vergeht beim Schauen! Und nach dem zwölften Schlage passiert es! "Siehste wohl, da kimmt'r, große Schritte nimmt'r" dudelt der Leierkasten in der Uhr. Noch andere Lieder kann die alte Uhr beim Glockenanschlage spielen: Menuett von Mozart, — Du bist verrückt, mein Kind — Nun ade, du mein lieb Heimatland u. a. Ein Zwönitzer Nagelschmied ist der Schöpfer des Werkes. Von hölzernem Hausrat sind noch zwei Stühle aus einem erzgebirgischen Forsthaus beachtenswert, die mit geschnitztem Hirsch und Jagdhund geziert sind. Und in einer Fensternische träumt eine alte Truhe mit gotischem Lesepult von früheren Zeiten, da sie noch in der Steinbacher Kirche stand.

Befriedigt verlassen wir die schöne Stätte, wo uns inmitten der Großstadt die Heimat herzlich begrüßte! Und über die Elbbrücke zurückschreitend lassen wir all das Geschaute noch einmal im Ganzen an unserem geistigen Auge vorübergleiten. Dabei entdecken wir leider, daß das meiste allerdings der — Vergangenheit angehört! Wir wissen, daß die Gegenwart mit Recht wieder auf Brauchtum und bodenständige Kultur vergangener Tage zurückgreift. So hat vielfach schon das heimatliche Kunstgewerbe in letzter Zeit Gelegenheit gehabt, durch geschmackvolle Festabzeichen u. a. auf sich aufmerksam zu machen und vielen, die darin arbeiten, konnte dadurch Beschäftigung und Brot gebracht werden.

Und wir glauben an eine Wiedergeburt erzgebirgischer Heimatkunst!

Alle Kreise müssen sich in diesem Sinne zusammenfinden, soll das Werk gelingen. Wie viel Gelegenheiten gibt es, dahin zu wirken! Wegweiser und Reklameschilder, straßenschilder und Hausnummern, ja Grabkreuze und Leuchter in den Kirchen — ist das nicht alles im Heimatstil möglichß Und wie viel Möglichkeiten gibt es bei Gebrauchs- und Schmuckgegenständen im Heim? Da müssen "alle Mann" heran, Behörden und Vereine, Handwerker und Privatpersonen, denn es gilt lebendige Volkstums- und Volkskunstpflege!

Illustriertes
Erzgebirgisches Sonntagsblatt
Nr. 36 v. 2. September 1934


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 127. Jahrgang, Nr. 36, 2. September 1934, S. 2

Zurück zum Seiteninhalt