Oswald Müller macht sich einen Spaß (Schluß) - Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt

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Oswald Müller macht sich einen Spaß (Schluß)

1932 > Nr. 3/1932

Eine Alt-Annaberger Historie von anno 1526 von Oswald Rathmann

(Schluß)

Gespannt harrten die Nachbarn dem Tag entgegen. Wirklich gingen schon Worte umher, die abermals bezeigten, daß Müller nicht nur ein gar lustiger Kerl, sondern ein Gesetzesverächter sei. Denn, schrecklich auszudenken, er wollte sich wieder gegen die Kleiderordnung vergehen. (Dabei muß gesagt werden, daß unsere Väter ein wahrhaft lächerliches Schema aufgestellt hatten betreffs der Kleider der einzelnen Stände. Verstöße gegen diese Gesetze wurden streng geahndet, oft sogar mit einem Stadtverweis. Die gute, alte Zeit, von der wir so gern reden, hatte mithin auch ihre recht großen Mängel.)

Geschäftiges Treiben war im Hochzeitshause. Stunden nur noch, dann waren drei Paare durch des Priesters Hand zusammengegeben. Stunden nur noch. Da klopfte es hart an die Tür. Eidsmänner, Gesandte des gestrengen Bürgermeisters, begehrten Einlaß. Herrisch, ihres Amtes wohl bewußt, schrien sie auf den Hausherren ein. "In zobelnen Hauben vermeint ihr eure Kinder gehen zu lassen? Wisset ihr nit, daß euch dies nit zustehen tut? Befehl vom Bürgermeister, darf nit sein, wir bleiben und achten, daß ihr tut, wie eich besagt!"

Der lustige, heute ganz besonders zum Scherz aufgelegte Oswald, glücklicher Bräutigam und zwiefacher Brautvater, lachte die Männer an. "So, so, aber ich sags, und bei meinem Worte bleibts, den Spaß mach ich mir doch, nun gerade mache ich ihn, die Mädchen gehen in den zobelnen Hauben zur Kirche, macht, was ihr denkt, es ist mein Wille, daß des so geschieht!"

Langes Hin- und Hergerede vermochte nicht den festen Willen des lustigen Mannes zu schwächen. "Nachbar, unsere Pflicht heischts, wir dürfen eich nit gehen lassen, wir schreiten mit euch zum Gotteshause, fürwahr, wir reißen die Hauben herab!" Lachen des lustigen Mannes. "So, so, und bald sie Leinwandhauben trügen, was geschäh wohl dann, ists auch verboten, ists auch wider meinem Stand?"

"Nit doch, das wär darunter, auch das sollte nit sein, aber immer los, es ist passabel, wir haben nit Befehl, dies zu verbieten."

"Dann schön, achtet nur fein, was auf den Köpfen der Mädchen sitzt, einen Spaß hab ich mir fürgesetzt, ich bring ihn zu End, gerade nun."

Die Glocken riefen. Bis zum letzten Platz gefüllt war das weite Gotteshaus. Keiner wollte das seltene Ereignis einer dreifachen Hochzeit versäumen. Und dann gab es doch auch sicherlich etwas zu hören, betreffs der Eidsmänner. Die ließen wohl so leicht nicht Scherz treiben mit sich.

Und da kamen sie schon geschritten, die drei Paare. Voran der Alte, lächelnd und bewußt der Größe des Tages. Hinter ihm und seiner Braut die beiden Töchter. Alle Augen schweiften hoch zu den Köpfen der Mädchen. Wirklich, ists nicht ein Traum, sie tragen Hauben von schlichter Leinwand. Der Müller muß verrückt geworden sein. So unter seinem Stand? Und erst wollte er so hoch hinaus?

Die Eidsmänner schritten am Schluß des Zuges. Kopfschüttelnd und zornig. Genarrt waren sie, ganz toll genarrt. Sie hatten doch auch Augen im Kopfe. Glaubte Müller gar, sie hätten es nicht bemerkt, daß unter der einfachen Haube eine kostbare, zobelne, verbotene saß?

Das hatten sie nicht bedacht. Der Bürgermeister selbst wäre ratlos gewesen; mit dem Müller war halt nichts zu beginnen, der lachte nur und war doch der Klügere. Gesetz und Macht verspottete er, tat seinen Willen und den der Eidsmänner, und hatte doch den Sieg davongetragen wider Unvernunft. Denn wenn er es sich schon leisten konnte, seinen Töchtern zobelne Hauben zu geben, war das überhaupt der Rede wert? Damals ja, denn wie schon erwähnt, die gute, alte Zeit war oft recht seltsam. Die Annaberger aber hatten noch lange zu erzählen vom lustigen Manne, der die Eidsmänner gefoppt, den Bürgermeister genarrt und seinen Willen doch durchgesetzt hatte.

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Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 
Nr. 3
v. 17. Januar 1932


Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 125. Jahrgang, Nr. 3, 17. Januar 1932, S. 2

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